Gone Baby Gone

Das Regiedebüt von Ben Affleck beeindruckt als raffinierter Film Noir in der Bostoner Unterwelt. Sein Bruder Casey Affleck spielt darin einen Privatdetektiv, der sich mit seiner Partnerin auf die Suche nach einem verschwundenen Kind macht, das spurlos verschwunden ist. In ungewohnten Nebenrollen überzeugen dabei Ed Harris und Morgan Freeman.

Webseite: www.gonebabygone-themovie.com

USA 2007
Regie: Ben Affleck
Buch: Ben Affleck & Aaron Stockard
Darsteller: Casey Affleck, Michelle Monaghan, Morgan Freeman, Ed Harris, Robert Wahlberg, Amy Madigan, Michelle K. Williams, John Ashton, Amy Ryan, Mark Margolis
112 Minuten
Verleih: Walt Disney/Buena Vista
Kinostart: 29.11.2007

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Unter den jungen Filmschaffenden in Hollywood gibt es kaum jemanden, der so stark polarisiert wie Ben Affleck. Für sein Drehbuch zu „Good Will Hunting“ bekam er mit Kumpel und Co-Autor Matt Damon 1997 einen Oscar verliehen, davor und danach war er Stammgast in Filmen von Kevin Smith („Dogma“, „Chasing Amy“) bis er die Hauptrolle im Blockbuster „Armageddon“ bekam. In jüngerer Vergangenheit rauften sich die Filmkritiker allerdings die Haare, wenn Affleck Filme mit Jennifer Lopez drehte („Gigli“) oder in mäßigen Thrillern wie „Paycheck“ sein künstlich zerknirschtes und anstrengend nachdenkliches Gesicht bemühte, um dem hüftsteifen Spiel Ausdruck zu verleihen. In „Die Hollywood-Verschwörung“ gelang im letztes Jahr ein beachtlicher Neubeginn als Charakterdarsteller, doch noch viel mehr Eindruck hinterlässt nun sein Regiedebüt, das so eigentlich kein Erstling ist – seine ersten beiden Filme haben es nur nicht auf die Kinoleinwände oder in die DVD-Auslagen geschafft.

 

Aus der Vorlage „Kein Kinderspiel“ von „Mystic River“-Autor Dennis Lehane hat Affleck ein düsteres Krimipuzzle geschaffen, das wie jeder gute moderne Film Noir mit unzähligen Wendungen und Überraschungen im zerstückelten Plot aufwartet und nebenbei die Abgründe der menschlichen Seele und der sozialen Verantwortung erforscht. Die befinden sich in diesem Fall im Bostoner Arbeiterviertel Dorchester, wo blasse Familien vor ihren trostlosen Häusern abhängen und ihr White-Trash-Milieu pflegen. Patrick Kenzie (Casey Affleck) und seine Lebenspartnerin Angela Gennaro (Michelle Monaghan) ermitteln hier als Privatdetektive in kleineren Angelegenheiten. Ihr neuester Fall ist eine Nummer größer: Ein kleines Mädchen ist verschwunden, allerdings gibt es für die 4-jährige Amanda weder eine Lösegeldforderung noch das geringste Anzeichen einer Spur. Die beiden Detektive verfügen über beste Kontakte in die Bostoner Unterwelt, mit denen sie gehörig Eindruck beim wortkargen Police Chief Jack Doyle (Morgan Freeman) machen, der allerdings nicht viel von ihrer Arbeit hält. Auch die Kooperation mit den Detectives Broussard (Ed Harris) und Poole (John Ashton) scheint nur langsam zu fruchten. Nur langsam scheint ein wenig Licht in die Dunkelheit des Unwissens zu kommen, als Kenzie und Gennaro immer weiter in den Fall eintauchen.

Ben Affleck tut gut daran, seinen Film die notwendige Kühle und Härte zu geben, denn die grobkörnigen Bilder sind stets voller Rohheit. Boston ist hier nicht der amerikanische Vorzeigeort, wo smarte und gut aussehende Detectives ihre Fälle lösen, sondern viel mehr das Anti-American-Ghetto voller Gewaltbereitschaft und fluchender Drogendealer. Die atmosphärische Nähe zu Clint Eastwoods „Mystic River“ ist nicht zu leugnen, dennoch ist der Plot verzwickter und düsterer. Tatverdächtige gehen im Nebel unter, tauchen wieder auf, verschwinden erneut. Dem komplexen Ratespiel zu folgen lohnt allemal, denn „Gone Baby Gone“ bleibt die gesamte Länge ungemein spannend und verwirrend, wobei gerade der Gegensatz zwischen dem eher harmlosen und mit Klassensprecher-Charme ausgestatteten Casey Affleck und seinen breitschultrigen Widersachern durchaus stutzig macht. Das ausgleichende Element ist hier die Schusswaffe, jene amerikanische Urmacht, die es scheinbar jedem unscheinbaren und blassen Durchschnittsamerikaner ermöglicht zum Helden zu werden. Das ist Hollywoodsche Erzähltradition, derer sich Ben Affleck auch bedient, der mit seinem beeindruckenden Regiedebüt einen weiteren Schritt gemacht hat, sein (leicht) ramponierten Ruf wieder zu retten. Freuen wir uns auf weitere Arbeiten von ihm – nur möge er bitte Jennifer Lopez vorerst nicht daran teilhaben lassen.

David Siems

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Aus einem Bericht des amerikanischen Justizministeriums geht hervor, dass innerhalb eines Jahres 797 500 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren als vermisst gemeldet wurden. 99 Prozent konnten wieder gefunden werden. Jedoch 10 000 Fälle bleiben Jahr für Jahr ungeklärt. Auch davon handelt dieser Film.

Ein Armenviertel in Boston. Die vierjährige Amanda verschwindet spurlos. Ihre Tante Beatrice McCready alarmiert nicht nur den Kommissar Remy Bressant (Ed Harris) und den Polizeichef Jack Doyle (Morgan Freeman), sondern zusätzlich die Privatdetektive Patrick Kenzie (Casey Affleck) und Angie Genarro (Michelle Monaghan). Kenzie und Genarro sind deshalb wichtig, weil sie in dem Viertel aufgewachsen sind, weil sie nicht nur die Menschen kennen, sondern auch ihre Lebensweise und ihr Verhalten.

Bald stellt sich heraus, dass Amandas Mutter Helene (Amy Ryan) an dem Unglück nicht ganz unschuldig sein könnte. Sie verkehrt jedenfalls in den dunkelsten Kneipen, lässt Amanda sträflich unbeaufsichtigt, säuft und schniffelt und ist außerdem für den örtlichen Drogenbaron Cheese als Kurier tätig.

Keine Lösung, auch nach Wochen noch nicht. Kenzie und Genarro kehren in dem Stadtviertel Dorchester das Unterste zu oberst. Und die Polizei? Auch sie tut das – doch nur scheinbar. Und was ist mit Doyle, der sich von Anfang an heftig gegen Kenzies und Genarros Einmischung gewehrt hatte? Was sich letzten Endes herausstellt, ist wider jedes Erwarten.

Eine Romanvorlage (gleichen Titels) von Dennis Lehane; ein Krimi mit Tiefgang; ein Problemfilm im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Kindern; eine blendende Milieuschilderung; eine spannungsgeladene Story; eine verzwickte, aber dramaturgisch gemeisterte Handlung; ein passend gecastetes Ensemble sowie eine professionelle Darstellung der Rollen.

An dem überraschenden Schluss des Films wird die wichtige, für das Kindesleben entscheidende Frage aufgehängt: Wie ist das Wohl des Kindes am besten gesichert? Wenn es bei der Mutter ist, die es eventuell vernachlässigt? In der Pflegefamilie, die das Kind liebt und für es sorgt? Wie ist die Rechtslage? Was halten die Menschen davon? Fragen über Fragen. Manche unbeantwortbar.

Spitzenkrimi und Problemfilm mit einigem Tiefgang.

Thomas Engel