Good Food, Bad Food

„Anleitung für eine bessere Landwirtschaft“ nennt sich Coline Serreaus Dokumentation im Untertitel und man kann nur hoffen, dass sich möglichst viele die porträtierten Personen zum Vorbild nehmen. Es ist zwar nichts fundamental Neues, das die französische Regisseurin hier über die Missstände der Nahrungsmittelindustrie berichtet (und zum Teil auch fragwürdig zuspitzt), erschreckend bleibt es dennoch. Ein sehenswerter Dokumentarfilm, dem man ein großes Publikum wünschen muss.

Webseite: www.alamodefilm.de

Frankreich 2010 – Dokumentation
Regie, Drehbuch, Kamera: Coline Serreau
Schnitt: Catherine Renault, Claude Trinquesse
Musik: Garden Trio, Madeleine Besson
Länge: 113 Min.
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 20. Januar 2011
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Dokumentationen über die Abgründe der Nahrungsmittelindustrie sind in den letzten Jahren fast zu einem eigenen Genre geworden. Die französische Regisseurin Coline Serreau, bekannt vor allem für Spielfilme wie „Saint Jacques“ oder das Original von „Drei Männer und ein Baby“, macht in ihrer ersten Dokumentation da weiter, wo „Our daily Bread“ oder „Darwin’s Nightmare“ aufhörten. Der Originaltitel „Solutions locales pour un désordre global“, also in etwa „Lokale Lösungen für globale Probleme“, bringt die Intention Serreaus prägnant auf den Punkt. In einem wahren Stakkato an Stimmen lässt sie zunächst Globalisierungskritiker, Forscher, Professoren und andere Theoretiker aus Brasilien, Indien und vor allem Frankreich zu Worte kommen, die die Missstände der von multinationalen Konzernen dominierten industrialisierten Landwirtschaft aufzeigen. In Windeseile wird dann die etwas sehr an Verschwörungstheorien erinnernde These aufgestellt, dass ein Übermaß an vorrätigen Waffen nach dem Zweiten Weltkrieg zu einschneidenden Veränderungen in der Landwirtschaft geführt hat, was allen Ernstes als Genozid bezeichnet wird. Diese extremen Formulierungen, die durch keinerlei nachprüfbare Belege untermauert werden, sind umso bedauerlicher, da die Folgen der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft unbestreitbar sind. Nur das katastrophale, um nicht zu sagen kriminelle Auswirkungen nicht zwangsläufig auch sinistere, kriminelle Komplotte der Industrie als Ursache haben müssen, sondern oft einfach die Folge von Ignoranz und Fehlkalkulationen sind, bleibt außen vor. Hier argumentiert Coline Serreau ebenso vereinfachend zugespitzt wie in ihrer pauschalen Anklage an die Herrschaft des Patriarchats, das kurz entschlossen für alles Übel auf der Welt verantwortlich gemacht wird.

Überzeugender sind da die Aussagen über die Reduzierung der Vielfalt, der Einfluss der Industrie, die kein Interesse an unabhängigen Landwirten hat, sondern eigenes, meist schlechteres Saatgurt vermarkten will, das zudem auf Unmengen von Düngemittel, Pestiziden und ähnlichen umweltzerstörenden Produkten angewiesen ist. Wie es anderes geht zeigt der Film in zahlreichen, hochinteressanten Beispielen ökologischer Landwirtschaft in Frankreich, Indien, der Ukraine und selbst Afrika. In diesen Momenten, wenn er nicht versucht die Probleme der extrem komplexen globale Industrie auf einige pauschale Thesen zu reduzieren, sondern konkrete Beispiele für die im Titel angedeuteten lokalen Lösungen gibt, liegt die größte Stärke des Films. Zwar bleibt offen, ob diese Rückkehr zur natürlichen Landwirtschaft, zu einem geradezu menschlichen Umgang mit der Erde und den Lebewesen auf und in ihr, wirklich in der Lage ist, bald sieben Milliarden Einwohnern zu ernähren. Doch wenn die Menschen weiterhin zu verschwenderisch mit den Ressourcen der Erde umgehen, wird sehr bald der Zeitpunkt kommen, an dem man dazu gezwungen sein wird, es auszuprobieren.

Auch wenn Coline Serreaus Film in gewissen Aspekten problematisch ist, als Ganzes betrachtet ist „Good Food Bad Food“ ein weiterer wichtiger Beitrag dazu, den Menschen die Augen zu öffnen. Bleibt nur zu hoffen, dass er nicht nur solche Menschen erreicht, deren Augen ohnehin schon offen sind, sondern auch solche, die bislang in glücklicher Ignoranz leben.

Michael Meyns

Ganz langsam, zu langsam wird der Welt das Problem der Umweltverschmutzung bewusst. In diesem Dokumentarfilm geht es, eng zu diesem Themenkreis gehörig, um eine ganz spezielle Frage: die der Auslaugung, der Austrocknung, der Zerstörung des Ackerbodens, der Degenerierung des Bodens zur Wüste.

Früher, noch vor ein paar Jahrzehnten, wurde natürlich vorgegangen. Es wurde mit Tiermist gedüngt, es gab keine Monokulturen, Kunstdünger war so gut wie unbekannt.

Dann mussten – so eine These des Films – die Riesenkonzerne, vor allem die petrochemischen, die seinerzeit das für den Krieg (Zweiter Weltkrieg) nötige Material jeglicher Art hergestellt hatten, die Produktion umstellen, um weiter Geschäfte und Gewinne machen zu können.

Sie stellten insbesondere zwei mit scheinbarem Fortschritt verbundene Produktkategorien her: Landmaschinen (Traktoren, Schlepper, Mähmaschinen usw.) sowie Kunstdünger.

Mit letzterem begannen die Böden regelrecht zu sterben. Denn Kunstdünger tötet erstens die Kleinlebewesen, die den Grund entlüften, und bewirkt, dass dieser Grund nach einer gewissen Anzahl von Jahren steril und tot ist.

Nicht nur das: die Konzerne gaben – so der Film weiter – ihre Erzeugnisse den armen Bauern in vielen Teilen der Welt auf Kredit und brachten sie damit in ihre totale Abhängigkeit. In Indien zum Beispiel geht die Zahl der verschuldeten und verarmten Bauern, die sich jährlich das Leben nehmen, in die Tausende.

Engagierte Experten und Idealisten – darunter eine Friedensnobelpreisträgerin – aus Frankreich, Brasilien, Indien, der Ukraine und anderen Ländern melden sich zu Wort. Sie informieren, sie belegen ihre Instruktionen mit Fakten, sie stellen glaubhafte Zukunftsthesen auf, sie ermahnen die Menschheit, sie warnen auch vor Katastrophen.

Sie weisen darauf hin, dass die Gen- und Hybrid-Erzeugnisse in die falsche Richtung führen. Sie berichten, dass, wo es früher ein paar hundert Saatgutsorten einer Reis-, Gemüse- oder Getreidepflanze gab, heute nur noch ein halbes Dutzend bestehen. Sie beklagen vor allem, dass an die 800 Millionen bis zu einer Milliarde Menschen auf der Erde hungern und dass dies nicht der Fall wäre, wenn mit der Natur und der Profitgier nicht auf so widrige und widerliche Weise umgegangen würde.

Die Fachleute: Es muss ein Paradigmenwechsel stattfinden, zum Beispiel auf der Basis kleiner lokaler Strukturen, um zu einer Autonomie in der Nahrungsversorgung zurückzufinden, die ohne Chemikalien auskommt.

Ein zugespitzt argumentierender aber aufrüttelnder Film über die lebens- und zukunftswichtige Frage der Ernährung der zahlenmäßig wachsenden Menschheit.

Thomas Engel