Good Luck Finding Yourself

Geht es um Selbstfindung und Sinngebung ertönt weiterhin der Ruf „Go East!“. Auch Jutta Winkelmann, vor 40 Jahren eine prominente Vertreterin der Hippie-Bewegung, macht sich aufgrund einer Krebserkrankung auf die Suche nach spiritueller Heilung in Indien. Begleitet wird sie von drei alten Freunden und ihrem filmenden Sohn Severin Winzenburg. So entsteht eine sehr private Reisedokumentation, deren Fokus leider weniger auf neuer Sinnstiftung als auf alltäglichen Reibereien liegt.

Webseite: www.goodluckfindingyourself.de

D 2014
Regie + Buch + Kamera: Severin Winzenburg
Mit: Jutta Winkelmann, Rainer Langhans, Christa Ritter, Brigitte Streubel
Länge: 92 Minuten
Verleih: Alpenrepublik, Vertrieb: Barnsteiner Film
Start: 23. Oktober 2014
 

FILMKRITIK:

Welche tückischen und staunenswerten Momente eine allererste Reise nach Indien für ältere Europäer bereithalten kann, erlebten schon Judy Dench und Maggie Smith im „Best Exotic Marigold Hotel“. Diesmal ist die Ausgangslage deutlich ernster, dennoch birgt die  Gruppenreise mit  Althippies auch humoristisches Potential. Etwa wenn schlechtes W-Lan oder das Ego allgemein diskutiert werden. Die vier haben viel vor. In Neu Delhi, auf der Kumbh Mela in Allahabad, in einem buddhistischen Edelkloster oder an den Flussläufen Keralas kommt es zu kurzen Gesprächen mit Gurus oder Heilern. Doch die Orte und Begegnungen dienen eher als Kulissen für Reisegebrechlichkeiten und privaten Hick-Hack.
 
Jutta Winkelmann, feierte als Hippie-Groupie und -Muse gemeinsame Partys mit Mick Jagger oder Andy Warhol. Vor einigen Jahren präsentierte sie mit ihrer Zwillingsschwester Gisela Getty ihr beider 70er-Jahre-Leben in dem Bildband „The Twins“. Sie  kennt ihre drei Freunde schon aus der Berliner „Kommune 1“, später gruppierte man sich im Münchner Experiment „Der Harem“ und widmete sich selbst Reality-Shows.
 
Rainer Langhans, konsequent weiß betucht unter weißer Strubbelmähne, teilt in horizontal entspannter Position den Frauen seine nicht sehr tiefschürfenden Erkenntnisse mit. Weist sie an „mal ein bisschen sozialer zu sein“. Langhans ließ sich schon im „Dschungelcamp“ und bei der Piratenpartei filmen. Wie die drei anderen hat er keinerlei Probleme damit, sein Privatleben als abendfüllendes Programm zu betrachten.
 
Schwer erträglich wird es, wenn er die „weniger materialistische“ Ausrichtung der Einheimischen bespricht: „Die Kinder in den Slums sind noch richtig fröhlich.“ Als ein junger Straßenverkäufer sagt: „Germany? Big Money!“ erhält er die Antwort: „Big Money doesn't make happy.“ Immerhin lässt sich das Vierergespann in komfortablen Hotels nieder.
 
Am Ende weiß Jutta Winkelmann: „In der Gegenwart leben, ist das Schönste.“ Aber auch: „Wir müssen Rainer noch ein neues Gebiss besorgen in diesem blöden Indien, diesem Schrotthaufen der Geschichte.“ Im Presseheft ist zu lesen: „Aus den gesellschaftspolitischen Schlagzeilen, die die Gruppe in der Vergangenheit gemacht hat, ist eine Revolution des Inneren geworden“. Doch bestenfalls betrachtet man hier wie in einem Reagenzglas ein Zeitgeist-Experiment. Über Personen, die ihre jugendliche Selbstbezogenheit bis ins hohe Alter perfekt konserviert haben und diese als Kult anbieten.
 
Severin Winzenburg gibt trotz seiner ständigen Anwesenheit weder sich noch eine Gestaltung zu erkennen, er überlässt die Regie den Stimmungen seiner Protagonisten. Auch deshalb eignet sich die bildtechnisch bescheidene Produktion eher für den privaten Freundes- und Bekanntenkreis als für die große Leinwand. Kino sollte nicht die Fortsetzung von sozialen Netzwerken sein, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen. Leider wird das in der letzten Zeit auffallend oft vergessen.
 
Dorothee Tackmann