Goodbye Christopher Robin

In „Goodbye Christopher Robin“ führt „My Week With Marilyn“-Regisseur Simon Curtis sein Publikum behutsam an die Entstehungsgeschichte des Kinderbuchhelden Winnie Pooh heran und umgeht dabei gerade so alle Ecken und Kanten, um seinen Film immer noch wie ein weitgehend heiteres Märchen aussehen zu lassen – leider auf Kosten der Wahrhaftigkeit. Schön aussehen tut’s trotzdem!

Webseite: www.fox.de/goodbye-christopher-robin

OT: Goodbye Christopher Robin
UK 2017
Regie: Simon Curtis
Darsteller: Domhnall Gleeson, Margot Robbie, Kelly Macdonald, Will Tilston, Alex Lawther, Stephen Campbell Moore, Richard McCabe, Geraldine Somerville
Länge: 107 Minuten
Verleih: 20th Century Fox
Kinostart: 07.06.2018
 

FILMKRITIK:

Nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg leidet der Veteran Alan Milne (Domhnall Gleeson) unter einem entsetzlichen Trauma. Immer wieder hört er nachts die dröhnenden Bombeneinschläge, liegt wach und treibt damit auch seine ihn liebende Ehefrau Daphne (Margot Robbie) langsam in den Wahnsinn. Als beide ihren ersten Sohn Christopher Robin (Will Tilston) bekommen, könnte sich das allerdings ändern. Nach einer schwierigen Geburt fällt es der jungen Frau schwer, eine Verbindung zu ihm aufzubauen und so wird Alan schnell zu Christophers engster Bezugsperson. Immer häufiger spielen die beiden im Wald – immer mit dabei: Christophers Kuscheltiere. Diese Erlebnisse inspirieren Alan zum Schreiben eines Kinderbuches, in dessen Mittelpunkt ein kleiner Junge und seine vielen tierischen Freunde aus dem Hundertmorgenwald stehen. Der Roman wird zu seinem bisher größten Erfolg – und die Welt bekommt plötzlich mit, dass es Christopher Robin wirklich gibt. Die Menschen wollen ihn und den Hundertmorgenwald mit eigenen Augen sehen – und seinen Eltern entgeht dabei, was für einen Stress das ihrem Sohn bereitet…

In wenigen Wochen bringt der Disney-Konzern die Entstehungsgeschichte des berühmten Bären „Winnie Pooh“ auf die große Leinwand. Doch bevor es so weit ist, macht sich erst einmal Simon Curtis („My Week With Marilyn“) daran, den Mythos rund um den weltweit geliebten Bären zu ergründen. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Film einem bekannten Popkulturphänomen auf den Grund geht: Man erinnere sich nur an das Beispiel „Mary Poppins“, das mit „Saving Mr. Banks“ quasi ein eigenes Biopic erhielt. Schon damals hatte der Disney-Konzern die Kontroverse bei der Entstehung seiner beliebten Filmheldin gekonnt umschifft. Das ist aber noch gar nichts gegen Curtis, der es mit „Goodbye Christopher Robin“ gleichermaßen leichter wie schwerer gehabt haben dürfte: Leichter deshalb, da die Rechte an „Winnie Pooh“ gar nicht zu jenem Verleih gehören, in dem sein Film nun erscheint. Er braucht sich bei der Aufbereitung des Stoffes also keine Sorge um eine etwaige Rufschädigung machen, wie es vermutlich bei Disney selbst der Fall ist. Schwerer macht es Curtis dagegen die Tatsache, dass er sich für seinen Film nicht einfach an den Vorlagen bedienen kann. Und irgendwie spiegelt sich diese „Nichts Halbes/Nichts Ganzes“-Mentalität nun auch im fertigen Film wider.

„Goodbye Christopher Robin“ ist ein Märchen. Das beginnt bei der bilderbuchhaften Visualisierung, geht über in seichte Dialoge und endet schließlich bei der weitgehend facettenfreien Zeichnung von Gut und Böse. In diesem Film ist alles so offensichtlich und die Ereignisse in Verlauf und Ausgang bis zum Schluss vorgegeben, sodass es gar kein Vorwissen rund um „Winnie Pooh“ und seine Entstehung braucht, um nicht etwa ab der Hälfte zu wissen, wohin die Reise geht. Die Grundidee ist stark: Der idealistische Vater lässt sich von seinem Erfolg blenden und übersieht dadurch die Belange seines Sohnes, der selbst eigentlich noch viel mehr für ebenjenen Erfolg verantwortlich ist und von seinen karrierefixierten Eltern plötzlich von einem öffentlichen Auftritt zum nächsten gescheucht wird. Die Karrieremoms und -dads gab es eben schon lange vor YouTube und Castingshows!

Zunächst bemühen sich die Drehbuchautoren Frank Cottrell Boyce („Die Liebe seines Lebens“) und Simon Vaughan („Parade’s End“) noch zu fast gleichen Anteilen um die Sicht beider Seiten, und es zeigt sich: In dieser Geschichte steckt Potenzial für meh!. Gerade am Anfang ist die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Eltern und der des Sohnes spannend und sorgt für Zündstoff; schließlich gönnt man dem Vater nach der schrecklichen Zeit im Krieg seinen Erfolg als Schriftsteller, während die Macher mit der Überforderung des kleinen Jungen trotzdem nicht hinterm Berg halten.

Doch nicht nur die schrecklichen Kriegsvisionen des Vaters bleiben bis zuletzt nur Behauptung. Auch sonst wird Vieles in „Goodbye Christopher Robin“ lediglich angedeutet. Vor allem die karikaturesk gezeichneten Figuren (vor allem Margot Robbie darf nicht mehr spielen als das hysterische Weib) tragen dazu bei, dass man zur emotionalen Ebene der Charaktere nie völlig durchdringt. Die Verbindung der verschiedenen Erzählebenen – die des Jungen und die der Eltern – geht ebenfalls nicht ganz auf. Anstatt sie irgendwann miteinander zu verbinden, verweigert die Geschichte konsequent die Zusammenführung. Es scheint so, als wolle man zwar schon beiden Sichtweisen irgendwie Verständnis entgegenbringen, doch um klar Stellung zu beziehen, mangelt es dem Regisseur am Mut, die offensichtlichen Reibungspunkte zuzulassen. Immerhin erreicht er so das, was wohl auch zum damaligen Zeitpunkt selbstverständlich war: Die allgegenwärtige Harmonie um Christopher Robin war stets nur vorgeschoben.  

Antje Wessels