Gott, du kannst ein Arsch sein

Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Frank Pape wird die wahre Geschichte von dessen Tochter Stefanie erzählt, die mit 16 Jahren die Diagnose Lungenkrebs erhält und nicht mehr lange zu leben hat. Ein charmanter Zirkusartist überredet das Mädchen spontan zu einer Fahrt nach Paris – sehr zum Ärger der besorgten Eltern. Das Roadmovie erweist sich als eher luftige Love-Story denn als schwermütiges Krebs-Drama. Zu sympathischer Carpe-Diem-Botschaft gesellt sich allerlei Komik. Bisweilen weht ein bisschen „Knockin’ on Heaven’s Door“-Stimmung. Prompt taucht Til Schweiger auf, der als Pfarrer an seinem Glauben zweifelt.

Webseite: www.gott-du-kannst-ein-arsch-sein-film.de

D 2020
Regie: André Erkau
Darsteller: Til Schweiger, Heike Makatsch, Max Hubacher, Sinje Irslinger, Jürgen Vogel, Jasmin Gerat, Benno Fürmann, Dietmar Bär
Filmlänge: 97 Minuten
Verleih: Leonine
Kinostart: 1.10.2020

FILMKRITIK:

„Eine Heilung gibt es nicht!“. „Aber sie kann damit leben?“ „Nein, der Verlauf ist tödlich!“. Der Dialog zwischen Ärztin und den verzweifelten Eltern mit ihrer sechzehnjährigen Tochter klingt so brutal wie die Diagnose: Völlig überraschend wird an dem Teenager ein bösartiger Lungenkrebs festgestellt. „Vielleicht hat sie noch bis Weihnachten“, lautet die erschütternde Prognose. Jäh zerplatzt der Traum vom Beruf als Polizistin. Abgesagt ist nun auch die Klassenfahrt nach Paris, für die Steffi (Sinje Irslinger) romantische Pläne mit ihrem Freund geschmiedet hatte. Um seine Tochter zu trösten, schenkt Vater Frank (Til Schweiger) ihr zum Schulabschluss einen Pickup-Oldtimer. Damit, so sein Plan, soll Steffi nach ihrer Chemo und bestandenem Führerschein die Reise nach Paris nachholen. Mutter Eva (Heike Makatsch) reagiert verzweifelter auf den plötzlichen Schicksalsschlag. Wie Gott so etwas zulassen könne, will sie vom Ehemann, einem Pfarrer, wissen. „Glauben reicht mir nicht mehr!“, gibt Frank sich ratlos.

Um auf andere Gedanken zu kommen, will Steffi nur noch weg. Da kommt das Angebot des charmanten Zirkusartisten Steve (Max Hubacher) gerade recht. Der schlägt spontan vor, sie im Pickup nach Paris zu fahren. Gesagt, getan. Es dauert freilich noch einige Zeit, bis die anfänglichen Sticheleien sich zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft verwandeln. Grund dafür ist Steffis Begegnung mit der tätowierten Tammy (Jasmin Gerat). Die coole Hippie-Frau wird schnell zur Freundin, die auf alles die richtige Antwort weiß. Von ihr stammt auch jener titelgebende Spruch, den Steffi sich trotzig auf ihr Dekolletee tätowieren lässt. Ausgestattet mit reichlich Carpe Diem-Weisheiten geht die Reise weiter. Je näher Paris rückt, desto näher kommen sich Steffi und ihr Chauffeur. Deren verzweifelte Eltern sind dem Pärchen immer dichter auf der Spur. In der Stadt der Liebe angekommen, muss Steffi schließlich eine folgenschwere Entscheidung treffen.

Wie in „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ oder „Happy Burnout“ setzt Regisseur André Erkau auf konventionelles Erzählen, verbindet Schmerz mit Herz und bietet regelmäßig Komikeinlagen als befreienden Ausgleich, um das schwere Schicksal der jungen Heldin fürs Publikum erträglicher zu machen. Bisweilen darf es klamaukig zugehen, etwa mit dem Splitter im Allerwertesten des Artisten, der ihm von seiner Herzensdame im Luxushotel in Großaufnahme entfernt wird – just in jenem Moment öffnet sich, Palim-Palim, die Zimmertür zur Suite.

Krebs und Kino bedeutet stets einen heiklen Balanceakt zwischen Gefühl und Sentimentalität. Kein unkluger Schachzug, die Krankheit zu Beginn als brutalstmögliche Diagnose zu präsentieren, um danach zum luftigen Love-Story-Roadmovie zu wechseln. Die furchtbare Prognose droht weiterhin als Damoklesschwert über der Heldin, doch sympathische Carpe Diem-Botschaften sorgen für fruchtbare Hoffnungsschimmer, ohne die solch ein Schicksal kaum erträglich wäre. „Wenn es klappen soll, mit dem Leben. Dann muss man es lieben!“ lautet eine Erkenntnis, die zugleich als Motto des Dramas gelten kann.

Schauspielerisch vermag die Liebesgeschichte allemal zu punkten. Sinje Irslinger („Das schönste Mädchen der Welt“) und Max Hubacher (European Shooting Star aus der Schweiz) geben ein charmantes Pärchen, zwischen dem die Chemie sichtlich stimmt. Für den jungen Schweizer, in seiner Heimat bereits mit zwei Schauspiel-Preisen prämiert, könnte der lässig lustige Auftritt zum Karrierekick auch hierzulande geraten. Til Schweiger und Heike Makatsch sind nicht minder sichtlich gut aufgelegt in ihren Rollen als ulkige Sidekicks. Weniger dramaturgischen Mehrwert haben indes die Gastauftritte von Jürgen Vogel als unglücklicher Vater des Zirkus-Artisten sowie Benno Fürmann als durchgeknalltem Tankstellen-Betreiber. Umso gelungener der Abspann-Song mit dem Puhdys-Klassiker „Wenn ein Mensch lebt“ im Remake von Sänger Cluseo: Ein perfekter Rauswerfer mit Gänsehaut-Faktor!

Dieter Oßwald