Goyas Geister

Altmeister Milos Forman wagt sich, mehr als zwanzig Jahre nach „Amadeus“, noch einmal an ein großes Historienepos. Mit bitterer Ironie und einem wachen humanistischen Blick zeigt er am Beispiel von Inquisition und Revolution im Spanien des 18. Jahrhundert, was passiert, wenn Macht und Moral den Menschen aus den Augen verlieren. Sein Film ist gleichermaßen opulentes Ausstattungskino, saftiges Sittengemälde und pointierte Parabel. Wenn es auch mitunter schwer fällt, in der sprunghaft erzählten Geschichte nicht den Überblick zu verlieren, so fesselt doch nicht zuletzt ein glänzend aufgelegter Javier Bardem als finsterer Moralapostel mit Machtinstinkt das Interesse des Zuschauers.

Webseite: www.tobis.de

Goya’s Ghosts
Spanien/USA/Frankreich 2006
Regie: Milos Forman
Darsteller: Javier Bardem, Nathalie Portman, Stellan Skarsgard, Randy Quaid
Länge: 114 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 23.11. 2006

PRESSESTIMMEN:

 

 

FILMKRITIK:

Spanien im Jahre 1792. Im Klerus geht die Angst um, dass auch das spanische Volk von den Ideen der Aufklärung infiziert werden könnten. Um die Massen im Zaum zu halten, beschließen die Kirchenoberen aber keine Reformen, sondern, im Gegenteil, die Rückkehr zu den Mitteln der Inquisition. Vor allem der Mönch Lorenzo (Javier Bardem) treibt die Häscher mit Feuereifer an. In dem Klima allgemeiner Verdächtigung kommt es zu absurden Verhaftungen. So landet die reiche Kaufmannstochter Inés (Nathalie Portman) vor dem Terror-Tribunal, weil sie sich mit ihrer Weigerung, Schweinefleisch zu essen, des Verbreitens jüdischer Praktiken schuldig gemacht hat. Die anschließende Befragung unter der Folter führt prompt zum gewünschten Resultat, und aus dem unschuldigen Mädchen wird eine Hexe für den Scheiterhaufen.

Goya (Stellan Skarsgard), der sowohl das Mädchen, als auch den finsteren Mönch porträtiert hatte, wird von dem verzweifelten Vater zur Hilfe gerufen. Doch die Macht der Kirche und die innere Logik der Inquisition sind unerbittlich und taub für humane Einwände. Erst als der Vater dem Mönch am eigenen Leibe klar macht, wie die Folter funktioniert, rudert dieser zurück. Jetzt aber drohen die Räder der Institution auch den Mönch zu überrollen. Bevor die Kirche ihren eifrigsten Diener vors Tribunal ziehen kann, flieht der Mönch nach Frankreich und die arme Inés verschwindet, wie so viele Opfer, in einem feuchten Verließ.

16 Jahre später hat sich die Situation radikal geändert. Nun kehrt der einst so fromme Lorenzo mit den Truppen Napoleons nach Madrid zurück, um als glühender Verfechter der französischen Revolution die mächtigen Kirchenvertreter das Fürchten zu lernen. Goya, mittlerweile taub geworden, beobachtet wie eh und je das Geschehen als Chronist mit dem Pinsel, wobei seine Betrachtungen angesichts der immer groteskeren Umstände, immer bitterer werden. Lorenzo schwingt sich aber nicht nur erneut zum Scharfrichter auf, sondern sorgt auch dafür, dass die Opfer der Kirchenjustiz befreit werden. Nicht ahnend, dass mit den bedauernswerten Individuen, die da ans Licht kommen, auch seine eigene Schuld wieder zum Vorschein kommt.

Auch wenn sich Regisseur Milos Forman („Amadeus“) bei seinem opulenten Historiendrama sichtlich Mühe bei der korrekten Wiedergabe der geschichtlichen Tatsachen gibt, so bleibt der Film doch nicht zuletzt auch eine zeitlose Parabel über Macht und Menschlichkeit. Forman, der als Bürger der Tschechoslowakei die ideologischen Wirren des letzten Jahrhunderts hautnah miterleben musste, dürfte sich dabei wohl in geistiger Verwandtschaft zum Maler und Chronisten Goya fühlen.

Die eigentliche Hauptfigur aber, die den Film auch durch mitunter schwierige Umbrüche führt, ist Lorenzo. In Zusammenarbeit mit dem renommierten Drehbuchautor Jean-Claude Carriere („Belle de Jour“) schuf Forman hier die facettenreiche Figur eines überzeugten Ideologen. Lorenzos Handeln basiert auf festen Überzeugungen und Prinzipien. Sein Gegenspieler ist weniger Goya, den Lorenzo ob seines Kunsttalentes achtet, dessen scheinbare Neutralität er aber mit Abscheu betrachtet. Furcht flößt dem Ideologen mit Machtinstinkt vielmehr der weibliche Gegenpart Inés ein. Was ihn ängstiget und beunruhigt ist weniger die offensichtlich Unschuld des Mädchens, dessen reines Wesen die Inquisition als Terrorinstrument bloß stellt. Lorenzo fürchtet sich vielmehr vor der Macht der Sexualität, die den Gottesmann schier überrumpelt und als leibhaftig gewordene Schuld später auch den zum Vertreter der Ratio gewandelten Bürger in Bedrängnis bringt. Javier Bardem, der anfangs den Goya spielen sollte, verkörpert diesen faszinierenden Charakter mit großer Überzeugungskraft. Dagegen bleibt Goya-Darsteller Stellan Skarsgard als bloßer Beobachter eher blass, während sich Nathalie Portman, wie schon in  Mike Nichols „Hautnah“, beeindruckend wandlungsreich präsentiert.

Vergleiche mit seinen ganz großen Erfolgen wie etwa „Amadeus“ hält „Goyas Geister“ wohl nicht stand, dafür wirkt die Geschichte mitunter zu zerfahren. Dass Forman aber diese wichtige, kontroverse Epoche so schillernd und vielschichtig fürs Kino aufgearbeitet hat, mit großen pointierten Momenten, macht seinen Film zu einen Highlight im oft so verstaubten Genre des Historienfilms.

Norbert Raffelsiefen