letzte Zug, Der

Im Jahre 1943 beschließen die Nazis Berlin „judenfrei“ zu machen. In einem Zug nach Auschwitz ist ein Mikrokosmos jüdischen Lebens Berlins zusammengepfercht, der auch die unterschiedlichen Herangehensweisen an die ausweglose Situation symbolisiert. Zusammen mit seiner Frau Dana Vavrova inszenierte Joseph Vilsmaier einen berührenden Film, der zwar in keinem Moment über die zahlreichen vergleichbaren Filme zum Thema hinausgeht, allein auf Grund seines Sujets aber Berechtigung hat.

Webseite: www.concorde-film.de

Deutschland 2006
Regie: Joseph Vilsmaier, Dana Vavrova
Buch: Stephen Glantz
Musik: Stephan Busch, Christian Heyne
Kamera: Helmfried Kober, Joseph Vilsmaier
Schnitt: Uli Schön
Darsteller: Gedeon Burkhard, Sibel Kekilli, Lena Beyerling, Lale Yavas, Roman Roth, Brigitte Grothum
119 Minuten
Verlieh: Concorde
Kinostart: 9. November

PRESSESTIMMEN:

Wirklich ergreifend.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Anlässlich Hitlers Geburtstag wollen ihm seine Untergebenen das größte Geschenk machen: Ein „jundenfreies“ Berlin. Im frühen morgen klopfen uniformierte an die Türen jüdischer Bürger, lassen ihnen gerade Zeit, das notwendigste einzupacken und schaffen sie zum Bahnhof Grunewald. Hunderte Menschen bevölkern den Bahnsteig, der Film konzentriert sich schnell auf einige wenige, die zusammen in einem Wagon gepfercht werden, der normalerweise Vieh transportiert. Da ist etwa der ehemalige Boxer Henry Neumann (Gedeon Burkhard), seine Frau Lea (Lale Yavas) und ihre beiden kleinen Kinder. Zusammen mit dem Goldschmied Albert Rosen (Roman Roth) und seiner Verlobten Ruth Zilberman (Sibil Kekilli) gehören sie zu denjenigen, die wissen welches Schicksal sie am Ende der Fahrt unweigerlich erwartet. Sie versuchen sich mit allen Mitteln zu befreien, während Andere sich an die naive Hoffnung klammern, am Ende würde eine warme Mahlzeit auf sie warten. So etwa ein Alleinunterhalter und seine Frau, der auch vor Nazis aufgetreten ist und nicht glauben mag, was eigentlich jeder weiß.

 

Sechs Tage lang dauert die Fahrt, unterbrochen von bürokratischen Hindernissen, unter immer unmenschlicheren Bedingungen, ohne Essen und mit viel zu wenig Wasser. Selten verlässt die Kamera den Wagon, ganz dicht bleibt sie an den zunehmend verdreckten und verschwitzten Körpern, fängt die wachsende Verzweiflung, die Apathie und Hoffnungslosigkeit ungeschönt ein. Die einzigen kurzen Lichtblicke sind Erinenrungsfetzen der Hauptfiguren, die sich in kurzen Momenten der Ruhe an bessere Zeiten erinnern, als sie ein unbeschwertes und freies Leben führen konnten.

Allein durch diese kurzen Momente sowie die Handlungen im Zug gelingt es dem Film, seine Figuren zu charakterisieren, die zwar die typischen Figurenmuster bedienen, aber dennoch etwas Eigenes haben. Mit der Gegenseite gelingt dies leider weniger überzeugend. Da findet sich als kommandierender Offizier ein junger Nazi, der sich über Härte profilieren will, da gibt es menschenverachtende SS-Soldaten, aber auch mitfühlende Wehrmachtsangehörige, die den Eingeschlossenen ihr eigenes spärliches Brot reichen. Hier versucht Vilsmaier etwas zu bemüht das ganze Spektrum abzudecken. Doch statt glaubhafter Figuren, die über die Klischees hinausgehen, entstehen nur die üblichen Karikaturen.

Trotz dieses Mangels ist Der letzte Zug, der überzeugendste Film, der Vilsmaier seit langem gelungen ist. Schnörkellos gefilmt, von allen Beteiligten überzeugend gespielt, von einer klaustrophobischen Atmosphäre, die schwer auszuhalten ist.

Michael Meyns