Grain – Weizen

Einen Film über die Faszination von Weizen zu drehen ist, nun ja, ein gelinde gesagt schwieriges Unterfangen. Doch genau das versucht der türkische Regisseur Semih Kaplanoğlu mit seinem Film „Weizen“, seinem ersten seit er vor acht Jahren mit „Honig“ die Berlinale gewann. Ein ambitioniertes Projekt, jedoch vor allem visuell überzeugend.

Webseite: www.piffl-medien.de

Bugday
Türkei/Frankreich/Deutschland/Schweden/Katar 2017
Regie: Semih Kaplanoğlu
Buch: Semih Kaplanoğlu & Leyla İpekçi
Darsteller: Jean-Marc Barr, Ermin Bravo, Grigoriy Dobrygin, Cristina Flutur, Lubna Azabal, Mila Böhning, Hal Yamanouchi
Länge: 123 Minuten
Verleih: Piffl
Kinostart: 26. April 2018

FILMKRITIK:

In der Zukunft sind die wenigen verbleibenden Enklaven der Zivilisation hinter hohen Mauern und Selbstschussanlagen verbarrikadiert. Vor den Toren der Städte hoffen Migranten, irgendwie hineinzukommen, doch schwer bewaffnete Truppen suchen dies zu verhindern. In den Städten existieren jedoch andere Probleme, denn der genetisch manipulierte Weizen, der die Ernährung der Menschheit sicherstellen soll, bereitet zunehmend Probleme. Schon nach wenigen Ernten vermehrt er sich nicht mehr, eine Hungerkatastrophe droht.
 
Der Wissenschaftler Erol Erin (Jean-Marc Barr) erfährt von seinem Kollegen Cemil Akman (Ermin Bravo), der gewagte Theorien über eine Lösung des Problems aufgestellt hat, jedoch unauffindbar ist. So macht sich Erol auf die Suche nach Cemil, flieht mit Hilfe von Schleusern aus der Stadt und begibt sich in die weiten Steppen, um die Menschheit vor einer Katastrophe zu bewahren.
 
„Ei“, „Milch“ und „Honig“ waren die Titel der so genannten Yusuf-Trilogie mit denen der türkische Regisseur Semih Kaplanoğlu bekannt wurde und für die er zahlreiche Preise auf Festivals gewann, unter anderem den Goldenen Bären. Klassische Arthouse Filme waren es, oft enigmatische, meditative Erzählungen, die in den spektakulären Landschaften Anatoliens gedreht wurden, aber dennoch eher intime Geschichten erzählten.
 
„Weizen“ ist nun ein großer Schritt, einerseits. Jahrelange dauerte die Produktion, auf drei Kontinenten drehte Semih Kaplanoğlu, suchte in Detroit, aber auch in Wuppertal oder Bonn nach Orten, deren Architektur als Hintergrund eines dystopischen Science-Fiction-Film dienen könnte. Auch um die ganz unterschiedlichen Orte zu einem einheitlichen Bild zu verknüpfen drehte Kaplanoğlu zum ersten Mal in schwarz-weiß, eine Entscheidung, die noch mehr an das große Vorbild dieses Films denken lässt: Andrei Tarkovsky Klassiker „Stalker“.
 
Wenn hier Jean-Marc Barr durch die Weiten der anatolischen Landschaft geht, in verfallenen Gebäuden nach dem verschollenen Wissenschaftler sucht und im weiteren Verlauf der Erzählung gemeinsam mit dem Kollegen durchs Nichts wandert, in der Hoffnung auf Antworten, wirkt er wie ein Wiedergänger aus Tarkovskys Welt.
 
Das Problem ist nur, dass Kaplanoğlu zwar enormes Talent in der Bildgestaltung hat (auch dank seines brillanten Kameramanns Giles Nuttgens), als Autor philosophisch anmutender Dialoge jedoch deutlich weniger begabt erscheint. Zumal die Notwendigkeit einer internationalen Produktion, auf Englisch zu drehen, aber Schauspieler aus aller Herren Länder zu verwenden erst recht dazu führt, dass hier vor allem esoterisch anmutende Allgemeinplätze von sich gegeben werden.
 
Vor allem die meditativen Bilderwelten überzeugen so im Lauf der langen Suche nach Erkenntnis, durch die Semih Kaplanoğlu seine Hauptfigur und den Zuschauer führt, eine Reise in atemberaubende Landschaften Anatoliens, die so schön sind, dass sie die inhaltlichen Schwächen dieses ambitionierten Films oft, wenn auch nicht immer vergessen lassen.
 
Michael Meyns