Greatest Showman

Das Kinoabenteuer des Regieneulings Michael Gracey lockt mit  der großen Freiheit Zirkus und seiner bunten Parallelwelt. In leuchtenden Farben verzaubert seine Hommage an das klassische, nostalgische Hollywood-Musical. Entwaffnend zeigt er, dass das Genre nicht sterben darf. Vor allem der australische Tausendsassa und Wolferine-Darsteller Hugh Jackman überzeugt in Gala-Jackett und Zylinder als legendärer Zirkuspionier  P.T. Barnum. Der inszenierte Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals ein Spektakel mit Kuriositäten und Akrobaten. Der Amerikaner ging als Erfinder des Showbusiness in die Geschichte ein. An Jackmans Seite glänzt die vierfache Oscar-Kandidatin Michelle Williams und der ehemalige Teenieschwarm Zac Efron. Musik und Songs sorgen für große Momente – nicht umsonst stammen sie von den Oscar-Preisträgern Benji Pasek und Justin Paul des gefeierten Musical-Films „LaLaLand“.

Webseite: www.greatestshowman-derfilm.de

USA 2017
Regie: Michael Gracey
Drehbuch:  Jenny Bicks, Bill Condon
Darsteller: Hugh Jackman, Michelle Williams, Zac Efron, Rebecca Ferguson, Zendaya, Yahya Abdul-Mateen
Länge: 99 Minuten
Verleih: 20th Century Fox Germany
Kinostart: 4. Januar 2017
 

FILMKRITIK:

„Das ist nicht das Leben, das ich dir versprochen habe“, gesteht der arbeitslose Buchhalter P.T. Barnum (Hugh Jackman) zerknirscht seiner jungen Frau Charity (Michelle Williams). Ein Leben voller Magie und Wunder wollte er für sie, die aus der Oberschicht stammt, und seine beiden Töchter schaffen. Doch momentan steht der New Yorker vor den Trümmern seiner Existenz. Aber als einfallsreicher Selfmademen gibt er nicht auf. Mit Mut zum Risiko landet er einen Coup. Ein  Museum will er in einen Ort verwandeln, an dem Menschen Dinge sehen können, die sie noch nie zuvor erlebt haben.

 „Dieses Vorhaben ist ziemlich bizarr“, versucht man ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch der gewiefte Entertainer weiß: „Die Menschen sind von allem fasziniert, was ungewöhnlich und makaber ist“. Und so reicht seine Palette von der klassischen bärtigen Frau über Seilartisten, Sänger, Tänzer und einen Kleinwüchsigen, mit denen der Impresario sein Publikum faszinieren will. Er will sie alle als gleichwertige präsentieren. Außerdem entdeckt er Jenny Lind (Rebecca Ferguson), eine schwedische Sopranistin, die er zur Lady Gaga jener Zeit aufbaut. Trotz aller Erfolge ist es nicht immer leicht. Denn seiner Show schlägt phasenweise auch vehemente Abneigung entgegen

Trommelwirbel. Luftanhalten, Glitzer, flimmern, Freaks und Musik. Im Zirkus werden die Gesetze des Alltags außer Kraft gesetzt. Zirkuskünstler gelten als Kosmopoliten. Das bunte Milieu steht für Freiheit. Der Zauber der Manege, die schillernde Mischung aus waghalsiger Akrobatik, Nervenkitzel und Exotik faszinierte  jung und alt. Mit seinen Sensationen, Spektakeln, seinen Raritäten und Kuriositäten ist er für alle da, wenn sie lachen und träumen. Das Schöne und das Groteske zieht die Menschen magisch an. Und davon profitiert das spektakuläre Kinoabenteuer des  australischen Regieneuling Michael Gracey.

Sein Musicalfilm um P.T. Barnum, den Gründer des atemberaubenden Wanderzirkus, der mit Sonderzügen, als „größte Schau auf Erden“ durch die USA tourte, bezaubert in leuchtenden Farben und beschwingten Tönen. Und wenn sein legendärer Impresario klarstellt: „Es hat noch nie jemand etwas verändert, indem er so war wie alle anderen“ verbirgt sich in diesem kämpferischen Satz das heimliche Motto des unterhaltsamen Dramas. Er steht für das Selbstbewusstsein der Andersartigkeit. Die Musical-Elemente lassen die Dialoge und Darsteller freilich nicht hinter einer bonbonhaften Fassade verschwinden. Dass der amerikanische Zirkus die Pop-Kultur des späten 20. Jahrhunderts vorwegnimmt, ihre Inszenierungsformen prägt, eine riesige, minutiös geplante Unterhaltungsmaschinerie mit atemberaubender Logistik, auch das zeigt diese Geburt des Showbusiness.
 
Hugh Jackman kann tanzen, singen und romantisch sein. Und so ist dieses Period Drama eine großartige Gelegenheit für den australischen Tausendsassa all seine Talente als Schauspieler, Sänger, Tänzer und Entertainer vorzuführen. Nicht umsonst wurde der charismatische 49jährige für die Hauptrolle im Broadway-Musical „The Boy from Oz“ mit einem Tony Award ausgezeichnet. Für seine dramatische Rolle des Jean Valjean in der Verfilmung des Musicals „Les Misérables“ wurde er zudem für den Oscar nominiert und mit einem Golden Globe geehrt. Der vielseitige Schauspieler mag den Kontrast und erzielt damit eine betörende Wirkung. Da wird er einmal zum animalischen Wolverine in der „X-Men“-Trilogie genauso wie zum romantischen Leopold an der Seite von Meg Ryan. Lange war der Familienmensch gar als Pierce Brosnan-Nachfolger bei James Bond im Gespräch.

Längst hat auch Michelle Williams Hollywood erobert. „Ich wurde mit einer heftigen Leidenschaft für die Freiheit geboren“, sagt die 37jährige. Diese lebt sie zunächst auf der Bühne aus. Doch schon bald glänzt die smarte Blondine als Charakterdarstellerin angefangen vom homoerotischen Cowboy-Drama „Brokeback Mountain“ über  Martin Scorseses „Shutter Island“ und zum Biopic „My Week with Marilyn“ bis hin zum wuchtigen Familien-Drama „Manchester by the sea“. Die vierfache Oscar-Kandidatin macht nun selbst im Musical eine gute Figur. Vor allem stimmt die Chemie zwischen ihr und dem australischem Multitalent.
 
Noch vor ein paar Jahren war Zac Efron hauptsächlich als singender Sunnyboy aus der Filmreihe „High School Musical“ bekannt. Mittlerweile hat sich der 30jährige allerdings als Schauspieler weiterentwickelt. Sein größter Coup: „The Paperboy“, wo er neben den Oscarpreisträgerin Nicole Kidman und Hollywoodgröße Matthew McConaughey vor der Kamera stand. Von seiner Musical-Vergangenheit braucht sich der ehemalige singende Teenieschwarm mit Boyband-Frisur diesmal nicht zu distanzieren. Offen gibt er auch zu, wie sehr er als Philipp Carlyle die musikalische Liebeserklärung an die afroamerikanische Trapezkünstlerin und Shooting Star Zeydana genossen hat. Dass damals, selbst der Zirkus Rassenschranken nicht aufheben kann, verleiht dieser Romanze seine bittersüße Note.

Ende der 1960er Jahre schien das  Filmmusical  fast verstummt. Die bitterböse Nazisatire „Cabaret“ glich 1972 einem letzten, wirklich guten Beitrag. Den Oscar für den besten Film erhielt sie jedoch nicht. Im Gegensatz zum retro-gestrickten „Chicago“, das dreißig Jahre später damit ausgezeichnet wurde. Im vergangenen Jahr eröffnete die oscargekrönte Romanze „LaLa Land“ eneut den Musical-Reigen. Dass das Genre nicht sterben darf, macht nun auch Michael Gracey mit seiner Hommage an das klassische, nostalgische Hollywood-Musical deutlich.

Luitgard Koch