GURU – Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard

Hugh Milne und Sheela Birnstiel gehören in den 70er Jahren zu den radikalsten Anhängern des spirituellen Lehrers Bhagwan Shree Rajneesh (später Osho), der vor allem westlichen Anhängern spirituelle und sexuelle Befreiung versprach. Ebenso radikal war in den 80er Jahren ihr Bruch mit einer Bewegung, die sich immer kommerzieller, totalitärer und paranoider gebärdete. In dem sehr unterhaltsamen Dokumentarfilm GURU erzählen beide ausführlich und sehr persönlich ihre Geschichte als Bhagwan-Jünger, die zugleich eine Geschichte des Lebensgefühls am Ende des vergangenen Jahrhunderts ist.

Webseite: www.pandorafilm.de

Schweiz 2010
Buch und Regie : Sabine Gisiger, Beat Häner
Länge: 98 Minuten
Fassung: OmU
Verleih: Pandora Filmverleih
Kinostart: 2. September 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

GURU erzählt die Geschichte der Bhagwan Bewegung aus der sehr subjektiven Perspektive zweier ihrer überzeugtesten Anhänger. Der Schotte Hugh Milne reist 1974 zu Baghwans Ashram nach Poona, wird persönlicher Leibwächter des Gurus und bleibt der Bewegung acht Jahre lang treu. Die Inderin Sheela Birnstiel begegnet Baghwan zum ersten Mal als Schülerin Ende der 60er Jahre. Nach ihrem Studium kehrt sie mit ihrem Ehemann nach Indien zurück, wo beide sich initiieren lassen. Zunächst arbeitet sie für Bhagwans Sekretärin. Als der Guru sein Hauptquartier in die USA verlegt, nimmt sie deren Platz ein und leitet bis 1985 als berühmt-berüchtigte „Sheela“ die Geschicke der Bewegung. In ausführlichen Interviews, die von umfangreichen historischen Aufnahmen ergänzt werden, berichten die beiden von ihrer Zeit als Bhagwan-Anhänger.

Sie erzählen ihre Geschichte chronologisch. Die Dokumentarfilmerinnen geben Ihnen Zeit, sich wirklich in die Vergangenheit hinein zu versetzen: als sie von ihren Anfängen berichten, beginnen ihre Augen zu leuchten. Der gefühlvolle Hugh schwärmt von seinem Eindruck, in Bhagwan einen wirklich wissenden Lehrer gefunden zu haben. Von gemeinsamer Arbeit und freiem Sex. Die sehr viel kontrolliertere Sheela berichtet von ihrer großen, platonischen und allumfassenden Liebe für Bhagwan. Dass dieser sogar über ihr Liebesleben bestimmte, finden beide immer noch in Ordnung.

Der Tonfall ändert sich, als die Erzählung den Umzug des Ashrams im Jahr 1981 in die USA erreicht. Das Klima in der Bewegung hat sich verschärft. Der Guru spricht nicht mehr mit seinen Jüngern, sondern fährt nur noch einmal am Tag in seinem Rolls Royce an ihnen vorbei. Die Konflikte mit der Außenwelt verschärfen sich und führen intern zu einem immer paranoideren Klima. Für Hugh beginnt eine Zeit des Zweifelns, für Sheela ihre Karriere als Bhagwans Sekretärin und mächtigste Frau im Sektengefüge. Beide verlassen am Ende enttäuscht und verbittert die Bewegung.

Hugh und Sheela sind Zeugen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Masseur und Cranial-Sacral-Therapeut Hugh ist ein sehr offener und vertrauensvoller Mensch, der der vermeintlich guten Anfangszeit immer noch nachtrauert. Sheela dagegen merkt man die kluge Managerin an, die mehr weiß als sie sagt und sich ihre Worte sehr gut überlegt. Gerade weil sie involviert und parteiisch sind, ist es spannend, ihnen zuzuhören und dabei auch auf die Zwischentöne, das Ungesagte und die Lebenslügen zu hören.

In ihren Erzählungen wird vor allem die Faszination spürbar, die Bhagwan damals auf seine Anhänger ausgeübt haben muss. Die verständliche Sehnsucht nach einem ganz anderen Leben, ganz anderen Autoritäten und einer freieren Sexualität. Die strikte Hierarchie, der bedingungslose Gehorsam, die Machtkämpfe und die Überheblichkeit der Initiierten tauchen eher zwischen den Zeilen auf. Von der ursprünglichen Faszination ist trotz allem, was sie erlebt haben, beunruhigend viel übrig geblieben. Vor allem Hugh fragt sich, von welchem Punkt an die Entwicklung schief lief und der gute Guru zum bösen Guru wurde. Die Frage, ob der gute Guru vielleicht immer schon der böse Guru war, stellt sich ihm nicht.

Hendrike Bake

Die 70er Jahre waren eine gesellschaftliche, geistige und sexuelle Aufbruchzeit – im Westen wie im Osten.

In letzterem machte vor allem Shree Rajneesh von sich reden, der sich Bhagwan (göttlich) nannte. Er war ein Prediger, ein Philosoph, ein Verführer, ein Sexomane. Freiheitlich-Geistiges und Körperlich-Sexuelles sollten seinen Anweisungen nach die Menschen zusammenführen, und sie sollten daran wachsen, zu ihrem wahren Selbst gelangen.

Zu Tausenden strömten die Menschen dem Bhagwan zu, der schließlich in Poona (Indien) alle in seinem Ashram vereinigte. Es war für sie ein neues, freies, meditatives, religiös-philosophisch orientiertes, sexuell tabufreies Leben.

Dieser Schweizer Dokumentarfilm von Sabine Gisiger und Beat Häner rekapituliert die Zeit anhand von Gesprächen, vielen Archivaufnahmen, Aufdeckungen, verführerischen Geboten des Sektenführers, aber auch mit der Schilderung der späteren hierarchisch-totalitären Zwänge und den Berichten über die mehr oder minder direkte Verfolgung durch die Behörden und das totale Scheitern der Gemeinschaft.

In Indien wurde der Boden zu heiß. Also siedelte man um nach Oregon um und baute dort so etwas wie eine kleine Stadt. Doch die Führung der Sekte wurde diktatorisch, die Freiheit ging verloren. Außerdem wehrten sich die amerikanischen Ortsansässigen – und die Polizei. So sehr, dass man eine eigene bewaffnete Schutztruppe aufstellte.

Das Ende war nicht mehr aufzuhalten.

Kronzeugen in diesem Film sind Sheela und Hugh Milne. Sheela war einige Zeit die Geliebte des Bhagwans sowie seine Sekretärin – bis zum Zerwürfnis, nach welchem der Sektenführer sie der Brandstiftung, der Betreibung von Abhöranlagen, des versuchten Mordes und der Massenvergiftung beschuldigte.

Hugh Milne war lange Jahre der Bodyguard des Bhagwan.

Die beiden erzählen ausführlich absolut alles. Noch heute scheint bei aller Kritik und allem Bedauern die Bewunderung für den „Göttlichen“ und die damalige Zeit durch.

Sheela, die Autoritäre, gilt bis heute bei vielen Sannjasins – so hießen die Mitglieder der Sekte – als Schuldige für den Zusammenbruch. Tatsächlich musste sie für einige Jahre ins Gefängnis. Jetzt redet sie über alles frei, widmet sich Behinderten und Alten.

Hugh, der Leibwächter, deckt ebenfalls viel auf – denn der Bhagwan könnte auch ein großer Betrüger gewesen sein. Hugh Milne brauchte Jahre, um sich seelisch von der dramatischen Zeit zu erholen.

Reich ausgestatteter und informativer Schweizer Dokumentarfilm über eine – im wesentlichen gescheiterte – geistige Strömung der 70er Jahre, angeführt vom Inder „Bhagwan“ Shree Rajneesh.

Thomas Engel