Habermann

Das Schicksal der Sudetendeutschen während des Zweiten Weltkriegs ist Thema von Juraj Herz Film Habermann, womit er heikles filmisches Neuland betritt. Das Ergebnis ist ein erzählerischer Eiertanz, der sich um politische Korrektheit bemüht, kein Weltkriegs/ Nazi-Klischee auslässt und letztendlich in unentschlossener Mittelmäßigkeit stecken bleibt.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland, Tschechien 2009
Regie: Juraj Herz
Drehbuch: Wolfgang Limmer, nach einer Novelle von Josef Urban
Musik: Elia Cmiral
Darsteller: Mark Waschke, Karel Roden, Hannah Herzsprung, Ben Becker, Wilson Gonzales Ochsenknecht, Franziska Weisz
Länge: 104 Min.
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 4. November 2010

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Mit zunehmender Historisierung des Zweiten Weltkriegs und der von Deutschland begangenen Verbrechen, rücken die deutschen Opfer in den Vordergrund. Leicht gerät dieser Versuch in heikle Regionen der Geschichtsklitterung, der Aufrechnung von Opfern, wie gerade die Diskussionen um den Bund der Vertriebenen immer wieder beweisen. Eine filmische Verarbeitung dieses Thema erscheint da noch schwieriger, als eine literarische, in der Differenzierung leichter möglich ist als im Kino. Die deutsch/ tschechische Koproduktion Habermann bemüht sich redlich um eine komplexe Darstellung, scheitert aber schon früh an ihrem zerfahrenen Drehbuch und stereotypen Figuren.

Hauptfigur ist vordergründig der wohlhabende Gutsbesitzer Habermann (Mark Waschke), der im Sudetenland lebt und eine gut laufende Mühle betreibt. Dass er Mitte der 30er Jahre die Halbjüdin Jana (Hannah Herzsprung) heiratet, sorgt noch für keine Probleme und auch später ist diese Tatsache nur eine von allzu vielen Nebenschauplätzen des Films. (Abgesehen davon, behauptet der Film Jana sei Jüdin, weil ihr Vater Jude war, eine erstaunliche Verdrehung der Realität, denn die Religionszugehörigkeit wird im Judentum über die Mutter vererbt. Angesichts solcher Ungenauigkeiten stellt sich natürlich auch in anderer Hinsicht die Frage nach der Authentizität der gezeigten Ereignisse, die angeblich auf einer wahren Begebenheit beruht.) Habermann ist ein liberaler Gutsbesitzer, der seine tschechischen Angestellten gut behandelt und sich auch nach dem Anschluss der Tschechoslowakei wenig Sorgen macht. Selbst als mit dem SS Sturmbannführer Koslowski (Ben Becker) ein typischer Nazi im Dorf erscheint, der mit unterschwelliger Aversion die Zustände in der Mühle betrachtet.

Eine konkrete Geschichte entfaltet sich nun jedoch nicht. In Riesenschritten durchpflügt der Film die Kriegszeit, springt oft mit einem Schnitt Jahre voran und erstickt dadurch jegliche dramatische Entwicklung im Keim. Mal scheint Jana im Mittelpunkt zu stehen, mal Habermann und sein den Nazis zugeneigter kleiner Bruder Hans (Wilson Gonzales Ochsenknecht), mal taucht ein Zug mit deportierten Juden kurz im Bild auf, dann sind für einen Moment tschechische Untergrundkämpfer Thema. In kaum 100 Minuten versucht der Film praktisch sämtliche möglichen Aspekte anzureißen, schafft es in all seiner Eile aber nicht, auch nur eins wirklich stimmig zu behandeln. Die Schauspieler bemühen sich in Momenten sehr erfolgreich ihren schematischen Figuren etwas Leben einzuhauchen, doch in der nächsten Szene ist der Film schon wieder ganz woanders und jede aufgebaute Intensität verpufft.

Letztlich ist Habermann einer jener Filme, die viel wollen, aber wenig erreichen. Wirklich schlecht ist nichts an Juraj Herz Film, besonders gut allerdings auch nicht. Die Möglichkeit, ein zwar heikles, aber auch wichtiges Thema deutsch/ tschechischer Geschichte filmisch interessant umzusetzen, wurde bedauerlicherweise vergeben.

Michael Meyns

Anfang der 40er Jahre. Seit Jahrzehnten läuft die Mühle der Familie Habermann im Sudetenland. Deutsche und tschechische Müller arbeiten friedlich zusammen. Das Geschäft geht gut.

August Habermann ist Deutscher. Er heiratet Jana. Diese ist Halbjüdin, weiß es aber selbst nicht, denn sie wurde von katholischen Nonnen erzogen.

Hitler holt das Sudetenland „heim ins Reich“. Mit dem Frieden ist es plötzlich aus. Die Kluft zwischen Tschechen und Deutscher wird immer tiefer, erstere gehen in den Widerstand.

SS-Mann Koslowski regiert den Ort mit brutaler Gewalt. Als er bei Jana nicht landen kann, lässt er sie verhaften. August muss seinerseits soweit gehen, sich für Geiselerschießungen zur Verfügung zu stellen. Er kommt schließlich auch zu Tode.

Der Krieg ist aus – verloren. Die SS’ler fliehen.

Jetzt räumen die Tschechen mit den Deutschen auf: Morde, Vertreibungen, Konfiszierungen.

Was Hitler und seine Nazis der Welt Schlimmes zugefügt haben, darüber herrscht nicht der geringste Zweifel, und das wird auch niemals vergessen werden.

Dass aber jetzt, nach Jahrzehnten, in einer vorwiegend tschechischen Produktion ziemlich schonungslos aufgedeckt wird, was der sudetendeutschen Bevölkerung unmittelbar nach dem Krieg aus Rache angetan wurde, das ist schon sehr beachtlich und erstaunlich, und zwar sowohl politisch als auch menschlich.

Der tschechische Regisseur Juraj Herz steht dafür, dass dies alles auch formal und filmisch gut durchgezogen und dargestellt wurde. Ben Becker brilliert (allerdings nahe an der Grenze zum Chargieren) in der Rolle des SS-Obersturmbannführers Koslowski. Hanna Herzsprung ist eine aparte und überzeugende Jana. Mark Wasche ist ebenso eingängig als August Habermann.

Thomas Engel