Hairspray

Kein Remake im eigentlichen Sinne ist dieser Film, sondern die Filmversion des Broadway-Musical-Erfolges, der wiederum auf dem Film von John Waters basierte. Der etwas komplizierten Genese zum Trotz ist „Hairspray“ ein erstaunlich gelungenes Musical, das in einer absurd naiven Fantasiewelt existiert, in der gemeinsames Singen und Tanzen jegliche Probleme überwindet. Exzellente Songs, spritzige Dialoge und einige wahrlich bizarre Casting-Entscheidungen machen „Hairspray“ zu einem sehr kurzweiligen Vergnügen.

Webseite: www.hairspray-derfilm.de

Regie: Adam Shankman
Buch: Leslie Dixon
Kamera: Bojan Bazelli
Schnitt: Michael Tronick
Musik: Marc Shaiman
Darsteller: Nikki Blonsky, John Travolta, Christopher Walken, Michelle Pfeiffer, Amanda Bynes, Queen Latifah
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 6. September

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Angesichts der Figuren und Themen, die sich gewöhnlich in den Filmen von John Waters finden, dürfte „Hairspray“ der einzige Film der schwulen Ikone sein, die auch nur im entferntesten für eine Broadway-Version in Frage kam. Doch selbst hier wurde der satirische Ton der Vorlage schon leicht entschärft und auch die neue Verfilmung hält sich nicht lange mit den gesellschaftlichen Verwerfungen auf, die Hintergrund der Geschichte sind. Diese spielt immerhin im Amerika der beginnenden 60er Jahre, als verschiedene Strömungen zusammenkamen, die gewaltige Umbrüche nach sich zogen.

Neben der Huldigung von Pop-Musik und entsprechend wilden Tänzen, war das vor allem die Bürgerrechtsbewegung, die langsame Schritte auf dem Weg zur Gleichstellung von Weiß und Schwarz machte. Das Zentrum des Films ist die fiktive Fernsehsendung „The Corny Collins Show“, in der jeden Nachmittag Jugendliche mit hochtoupierten Haaren (Sponsor ist ein Hairspray-Hersteller, dessen Produkt ozonzerstörend exzessiv eingesetzt wird) zu Rock’n’Roll Musik tanzen. Einmal im Monat schließlich findet der so genante „Negro Day“ statt, an dem auch die Schwarzen mittanzen dürfen, allerdings durch Absperrseile hübsch getrennt von den Weißen.

In diese Welt taucht nun die Hauptdarstellerin Tracy Turnblad ein. Mit ihrem deutlichen Übergewicht ist sie eine typische John Waters Inkarnation, der immer wieder Außenseiter jeglicher Couleur geschaffen hat, denen es stets gelang ernst genommen und respektiert zu werden. Tracy gelingt dies durch ihr tänzerisches Talent, das ihr schnell Aufnahme in die Fernsehshow verschafft. Dort entwickelt sie sich zum Star der Show, erweckt die Aufmerksamkeit des süßesten Jungen und erwehrt sich der dünnen, blonden Amber und ihrer streitsüchtigen Mutter. Gespielt von Michelle Pfeiffer mit viel Lust am Rumzicken.

Pfeiffer ist eine von etlichen Stars, die in Nebenrollen zu sehen sind, während die Hauptrollen der Jugendlichen mit eher unbekannten Schauspielern besetzt sind. Neben Pfeiffer stechen besonders Christopher Walken und John Travolta hervor. Letzterer liefert als Tracys Mutter Edna eine erstaunlich selbstironische Performance ab, mit der er immerhin in die Fußspuren von John Waters Lieblingsschauspieler(in), dem Transvestiten Divine tritt. Im Zusammenspiel mit Walken, der seinen/ihren Ehemann spielt, gelingen Travolta einige der absurdesten Szenen des Jahres, die einen schönen Kontrast zu den luftigleichten Gesangsnummern abgeben. Deren Texte sind zwar oft von satirischem Biss geprägt, angesichts der mitreißenden Musik dürften diese aber eher untergehen.

So fragt man sich trotz allem Amüsement schon, was für eine Weltvorstellung hinter den diversen Hairspray-Inkarnationen steckt. Mit der Realität hat das Ganze jedenfalls so gut wie gar nichts zu tun, dort lassen sich Vorurteile, Rassismus und Diskriminierungen nicht einfach mit einer schmissigen Tanznummer überwinden. Aber für zwei Stunden darf man sicherlich auch mal an eine typische Hollywood-Fantasiewelt glauben, in der unmögliches möglich ist.

Michael Meyns