Half Moon

Groteske, Requiem, Roadmovie, Politikum – der neueste Film des kurdisch-iranischen Regisseurs Bahman Ghobadi (ZEIT DER TRUNKENEN PFERDE, SCHILDKRÖTEN KÖNNEN FLIEGEN) ist ein äußerst eigenwilliges Stück Filmkunst. Es erzählt vom alten Musiker Mamo, der sich voller Begeisterung mit seinen neun erwachsenen Söhnen und einem alten Reisebus auf den Weg in den kurdischen Teil Iraks macht, um dort ein Konzert zu geben. Endlich wieder kurdische Musik öffentlich spielen dürfen! Doch was als Triumphzug beginnt, wird nach und nach zur unheilsschwangeren Odyssee in den kargen schneebedeckten Bergen des türkisch-iranisch-irakischen Grenzgebietes.

Webseite: www.pandorafilm.com

Iran/Österreich/Frankreich 2006
Buch und Regie: Bahman Ghobadi
Kamera: Nigel Bluck, Crighton Bone
Musik: Hossein Alizadeh
Darsteller: Ismail Ghaffari, Allah Morad Rashtiani, Hedye Tehrani
Länge: 107 min.
Verleih: Pandora Film
Kinostart: 9.8.2007

PRESSESTIMMEN:

Ein äußerst poetischer, stellenweise mit bizarrem Humor inszenierter Film, der sich dem Thema "Grenzen und ihre Überwindung" in vielfacher Weise verschrieben hat.
film-dienst

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FILMKRITIK:

Mitten im Hahnenkampf erreicht Kako die gute Nachricht: der alte Musiker Mamo hat eine Auftrittserlaubnis und ein Visum für den kurdischen Teil Iraks bekommen. Kako trommelt Mamos neun Söhne zusammen, organisiert einen Reisebus, packt den Lieblingshahn mit ein und macht sich auf den Weg zu Ruhm und Erfolg, so glaubt er. CNN wird berichten! Doch die Reise ist beschwerlich und schon vor der Grenze häufen sich die unheilvollen Vorzeichen. Immer wieder taucht das Bild eines Sarges vor Mamos innerem Auge auf und sein Jüngster bringt Nachricht von der Wahrsagerin: Mamo solle nicht fahren, etwas Schreckliches werde passieren. Aber Mamo muss fahren. Der Wunsch, endlich wieder als Musiker auftreten zu können, treibt ihn unerbittlich an und lässt ihn alle Warnungen in den Wind schlagen. Er zwingt seine Söhne, ihm zu folgen und setzt durch, dass Hesho, die „himmlische Stimme“, mitgenommen wird, obwohl sie als Frau weder ein Visum noch eine Auftrittserlaubnis hat.

An der Grenze beginnt rapide die Auflösung der Gruppe. Die Einreise in den Irak wird ihnen verwehrt, die Instrumente zerstört. Die Söhne gehen nach und nach in der endlosen Weite der kurdischen Landschaft verloren und die Entschlossenheit des Sängers, dessen Gesundheit zusehends verfällt, nimmt immer wahnsinnigere Züge an. Die verbliebenen Männer meandern auf einer nicht enden wollenden Suche nach einer Einreisemöglichkeit durch ein trostloses Niemandsland aus Steinen und Schnee. Das rauschende Konzert, das sie vor Augen hatten, wird immer mehr zur Chimäre und der Film, der mit robuster Komik und folkloristischen Eindrücken begann, wandelt sich unmerklich zur Allegorie.

Hommage und Requiem in einem feiert HALF MOON die Zähigkeit der kurdischen Kultur, die vor allem in der Musik ihren Ausdruck findet. Zugleich erzählt Ghobadi in seiner eigentümlich konkret-poetischen Bildsprache von den schier unüberwindlichen Hindernissen, die kurdische Künstler überwinden müssen. Inmitten einer unwirtlichen Gegend, verlassen von den Begleitern und überall zu spät, mühen sich die wenigen Unverbesserlichen, einen Weg in ein freies Kurdistan zu finden. Einige, wie Hesho, die zusammen mit 1334 anderen Sängerinnen in ein (von Ghobadi erfundenes) Bergdorf verbannt wurde, haben schon aufgegeben. Andere haben noch Hoffnung. Obwohl Ghobadi sich zumeist im Unkonkreten bewegt, wird die politische  Haltung deutlich. Der Film wurde kurz nach der Uraufführung im Iran, in dem Frauen nicht in Gegenwart von Männern solo singen dürfen, verboten.

Von der filmischen Herangehensweise ist HALF MOON der bisher eigenwilligste Film des Regisseurs von ZEIT DER TRUNKENEN PFERDE und SCHILDKRÖTEN KÖNNEN NICHT FLIEGEN.  Auf der Bildebene überwiegt das Dokumentarische: liebevoll und präzise porträtiert der Film die kurdische Berglandschaft, die verwitterten Gesichter der Männer, die bunten Kleider der Frauen und die Details des alten Reisebuses. Die Geschichte dagegen oszilliert beständig zwischen Realiät und Traum, Groteske und Tragödie. Halluzinationen tauchen auf einmal als reale Personen auf, Situationen eskalieren bis zur Absurdität und immer wieder gönnt Ghobadi sich und seinen robusten, streitsüchtigen Charakteren ein paar derbe Scherze.

Hendrike Bake

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Die Kurden sind ein Volk, das leidet. Sie stellen eine Nation dar, besitzen aber kein Staatsgebiet. Im Irak wurden sie unter Saddam schwer verfolgt, in der Türkei sind sie nicht besser gelitten. In den angrenzenden Gebieten ist es ebenfalls nicht anders. Indirekt ist der Film diesem seit Jahrzehnten bestehenden schmerzlichen und geopolitisch unmöglichen Zustand gewidmet.

Saddam ist gestürzt. Endlich darf der alternde Musiker Mamo mit einem „Orchester“, das aus seinen zehn Söhnen besteht, im Irak wieder ein Konzert geben. Viele, viele Jahre war das undenkbar. Jetzt muss ein klappriger Bus organisiert werden, dann kann es losgehen.

Tagelang führt die Reise durch eine karge Bergwelt. Die Straßen sind schlecht. Eine in der Gegend bekannte Sängerin soll noch abgeholt werden. Doch sie wird, weil sie Auftrittsverbot hat, von den Behörden gesucht und von den Grenzbeamten auch entdeckt. Die Reise muss ohne sie vonstatten gehen.

Die Zeit spielt nur eine geringe Rolle. Und das ist auch gut so, denn mehrmals werden die kurdischen Musiker an den Grenzübergängen schikaniert. Um dies zu vermeiden, müssen sie riesige Umwege fahren. Doch sie geben nicht auf.

Es ist ein einfacher, ethnisch klar abgegrenzter, nicht unbedingt leicht zugänglicher Film geworden. Man muss sich an diese schweigsamen, in sich gekehrten, immer unter einer gewissen Last stehenden Männer gewöhnen. Ab und zu taucht leise Komik auf. Die düsteren Gebirgsregionen, durch die der Streifen führt, haben auch etwas Großes.

Der entscheidende Aspekt aber scheint das klare politische Anliegen zu sein – zumindest indirekt. Es ist in das Leben, das Schicksal und die hoffnungsvolle, auf eine bessere politische Zukunft ausgerichtete Reise dieser Männer eingebettet.

Thomas Engel