Wer hat’s erfunden? In der Schweiz gilt Betty Bossi seit Ende der 50er Jahre bis heute als „Köchin und Hausfrau der Nation“. Dabei existiert Betty gar nicht wirklich, sie war die geniale Idee einer Werbetexterin, die auf diesem Weg den Speiseöl-Umsatz eines Kunden erhöhen wollte. Anno 1956 gelingt Emmi Creola dieser umwerfende PR-Coup. Die Kochgeister, die sie rief, wird Emmi nicht mehr los. Weil immer mehr Menschen ihre Betty lieben, muss die zurückhaltende Werbetexterin die erdachte Fake-Figur real verkörpern. Das neue Leben als ruhmreiche Koch-Ikone im Rampenlicht hat freilich so seine Schattenseiten. Humorvoll gewürzt und mit nostalgischem Retro-Charme serviert, zeichnet diese wahre Emanzipationsgeschichte ein bewegendes Sittengemälde jener Zeit. Kino und Kochen sind seit jeher ein gutes Rezept für Unterhaltung der bekömmlichen Art.
Über den Film
Originaltitel
Hallo Betty
Deutscher Titel
Hallo Betty
Produktionsland
CHE
Filmdauer
110 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Monnard, Pierre
Verleih
Alpenrepublik GmbH
Starttermin
31.12.2026
TV-Kochshows boomen auf allen Kanälen, Fernsehköche haben längst Promi-Status, Dschungel-Camp und Co. inklusive. In der guten alten Medien-Mahlzeit war alles anders. Clemens Wilmenrod, der Pionier, brachte in den 50er Jahren den „Toast Hawaii“ in die deutschen Küchen. Ausgebildeter Koch war er gar nicht, sondern Schauspieler. Ganz ähnlich ging es in der Schweiz zu. Dort erfindet anno 1956 die Werbetexterin Emmi Creola (Sarah Spale) eine kluge Hausfrau namens Betty Bossi. Mit deren Rezepten im Zeitungsformat soll der Umsatz von Speiseöl gesteigert werden. Pech nur, dass bei Emmi die kulinarische Kompetenz auf sehr niedriger Stufe köchelt. Ihr Rösti-Rezept der ersten Ausgabe gerät zum Flop. Zum Glück findet sich alsbald eine clevere Komplizin, die nicht nur für köstliche Kreationen nach italienischer Art sorgt, sondern zudem „gelingsichere Rezepte“ verspricht.
Der PR-Coup gelingt, Betty Bossi avanciert zur Köchin und Hausfrau der Nation. Sogar eigene Supermärkte mit ihrem Namen werden eröffnet. Doch bald verlangen die Fans nach der echten Betty. Die Fake-Köchin muss zum Leben erweckt werden. Und so schlüpft Werbetexterin Emmi in die Rolle ihrer erfundenen Kunstfigur. Das Leben als Kultfigur gerät zur Tortur für die dreifache Mutter. Sie muss neben der Karriere noch die Familie versorgen. Das bisschen Haushalt ist doch nicht so schwer, sagt ihr Mann. Zumal er ihr die neuesten technischen Errungenschaften in die Küche stellt. Die große Beziehungskrise droht, als Papi sich um die Kinder kümmern soll, weil Mutti immer mehr Erfolge feiert. „Sie sind doch schon verheiratet. Weshalb arbeiten Sie denn noch?“ zischt eine Kollegin. „Frauen, die arbeiten, sind keine guten Mütter“, bekommt der Familienvater von seinem Chef zu hören.
Bei „Jäggie & Partner“ sorgt die Karriere gleichfalls für Neid. Eine Frau in leitender Funktion? Da stehen den Herren der kreativen Branche die grauen Haare zu Berge. „Andere dürfen ganze Konzepte schreiben!“, klagt Emmi ihrem Mann. „Vielleicht musst du mit einer Krawatte ins Büro!“, lautet seine schnippische Antwort.
Mit dem Drogendrama „Platzspitzbaby“ gelang Regisseur Pierre Monnard vor sechs Jahren ein Kino-Coup, der in seiner Heimat zum erfolgreichsten Film des Jahres avancierte. Sein „Hallo Betty“ sagt gleichfalls Hallo Publikum: 50.000 Zuschauer in den ersten zwei Wochen bescheren einen Platz in den Top Ten. Gemeinsam mit „Heldin“ gehört „Betty“ in diesem Jahr zu den meistgesehenen Filmen der Eidgenossen.
Das Rezept für einen Crowdpleaser? Beste Zutaten bei Drehbuch und Besetzung! Man nehme eine märchenhafte, aber wahre Geschichte über eine sympathische Frau. Mit Charme und Cleverness setzt sie sich als Hausfrau und Mutter in einer toxischen Männerwelt selbstbewusst durch. Serviert wird die amüsante Emanzipationsgeschichte mit nostalgischem Retro-Charme der 50er Jahre: Das Auge isst schließlich mit! Für die Geling-Garantie sorgt eine leinwandpräsente Sarah Spale, die ihrer Figur die richtige, süßsaure Mischung aus Selbstbewusstsein und Zweifeln, aus Frustration und Euphorie verleiht. Die echte Emmi Creola hätte wohl Geschmack an diesem kinematografischen Kochkunstgenuss gefunden.
Dieter Oßwald







