Hamnet

Einen biographischen Film über den berühmtesten Dramatiker der westlichen Welt sollte man nicht erwarten, auch wenn William Shakespeare und seine Frau Anne Hathaway die Hauptfiguren in Chloe Zhaos „Hamnet“ sind. Eine spekulative Fiktion spinnt die chinesisch-amerikanische Regisseurin, die erneut viel Gespür für das Verhältnis von Mensch zur Natur beweist und erzählt, wie aus tiefer Trauer große Kunst entstehen kann.

 

Über den Film

Originaltitel

Hamnet

Deutscher Titel

Hamnet

Produktionsland

GBR

Filmdauer

125 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Zhao, Chloé

Verleih

Universal Pictures International Germany GmbH

Starttermin

22.01.2025

 

Wenig ist über William Shakespeare bekannt, kaum mehr als ein paar Daten, Geburt, Todestag, Hochzeit, selbst ob der aus Stratford-upon-Avon stammende Schauspieler tatsächlich auch der Autor, der unter seinem Namen veröffentlichten Stücke ist, bleibt 400 Jahre später umstritten, selbst ein Roland Emmerich nahm sich dieser Frage in seinem Drama „Anonymous“ an.

Viel Raum für Spekulationen also, die vor einigen Jahren die britische Autorin Maggie O’Farrell für einen auch in Deutschland erfolgreichen Roman nutzte, der nun von der Oscar-Gewinnerin Chloe Zhao zu einem beeindruckenden Drama verfilmt wurde.

Im 16. Jahrhundert waren in England die Namen Hammet und Hamlet praktisch identisch und wurden austauschbar genutzt. Diese Information (ob sie stimmt, dürfen Linguisten entscheiden) stellt Zhao ihrem Film voran, der mit einem Bild von Agnes (Jessie Buckley) beginnt, wie sie zwischen den Wurzeln eines Baumes schläft. Ein Naturkind ist die nicht mehr ganz junge Frau, die dennoch noch nicht verheiratet ist, denn ihre Mutter gilt den Menschen von Stratford als Hexe, weswegen Agnes, bzw. Anne – auch diese Namen werden austauschbar verwendet – alles andere als eine gute Partie darstellt.

Die ist ihr zukünftiger Mann Will (Paul Mescal) allerdings auch nicht: Sein Vater, der Handschuh-Macher der Kleinstadt, hat Schulden, Will dagegen träumt von Höherem, schreibt bei Kerzenschein Verse und unterrichtet Agnes kleine Geschwister in Latein. Ein Blick auf Agnes, da ist es um Will geschehen, eine Hochzeit würden zwar beider Eltern ablehnen, aber wo ein Wille ist ist auch ein Weg.

Nach dem ersten Kind setzt der Alltag ein, Will wirkt unruhig, gefangen im häuslichen Glück und so setzt Agnes alles daran, dass er nach London gehen kann, in die Hauptstadt, wo aus dem einfachen Will der legendäre Shakespeare werden wird. Agnes dagegen bleibt zurück in Stratford, zwei weitere Kinder werden geboren, die Zwillinge Judith und Hamnet, doch ganz vollkommen ist Agnes‘ Glück nicht, denn die mystisch veranlagte Frau hatte einst vorhergesehen, dass an ihrem Sterbebett nur zwei Kinder wachen werden…

Mit der historischen Realität hat „Hamnet“ zwar kaum etwas zu tun, doch in den Leerstellen von Shakespeares Biographie erzählt Chloe Zhao einen leisen, ruhigen Film, der einer sich stetig steigernden dramatischen Struktur folgt, die ganz auf den dann enorm berührenden Höhepunkt zugeschnitten ist.

Warum sie diesen unbedarften Jungen heiraten will, fragt ihr Bruder Agnes einmal, die nur antwortet „In ihm ist mehr verborgen, als in allen Männern, die mir begegnet sind.“ Dieses Genie zu zeigen ist an sich ein Ding der Unmöglichkeit, aber in der finalen, inzwischen schon berühmt gewordenen Szene des Films gelingt Zhao das Kunststück, die heilende, transzendente Kraft der Kunst anzudeuten.

Es ist die Aufführung von „Hamlet“, die das langsam auseinander gedriftete Ehepaar wieder zueinander führt, es ist der Moment, in dem Agnes versteht, warum ihr Mann ein Stück so nennt, wie ihren verstorbenen Sohn, in dem sie sieht, wie der geniale Autor Shakespeare aus der unbeschreiblichen Trauer um seinen toten Sohn Weltliteratur geformt hat. Ob eines der berühmtesten Theaterstücke der Geschichte tatsächlich aus dem Wunsch der Trauerbewältigung geschrieben wurde? Vermutlich nicht, aber am Ende der ergreifenden zwei Stunden von „Hamnet“ lässt man sich gerne auf diese historische Fiktion ein.

 

Michael Meyns

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