Happy-Go-Lucky

Wie die moderne Antwort auf Pippi Langstrumpf, verbreitet die 30jährige Grundschullehrerin Poppy chronischen Frohsinn in ihrer Umwelt. Regiealtmeister Mike Leigh überrascht mit einem unbeschwerten Feelgoodmovie, dessen Charme man insbesondere aufgrund der überzeugenden Hauptdarstellerin erliegt.

Webseite: www.happy-go-lucky-derfilm.de

Großbritannien 2008
Regie: Mike Leigh
Darsteller: Sally Hawkins, Alexis Zegerman, Eddie Marsan, Samuel Roukin, Kate O’Flynn, Sylvestra Le Touzel, Karina Fernandez, Andrea Riseborough, Sinéad Matthews, Stanley Townsend
118 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 03.07.2008

AUSZEICHNUNGEN

Silberner Bär für Sally Hawkins als Beste Darstellerin

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Mit der Leichtigkeit eines Kindes schlendert die 30jährige Grundschullehrerin Pauline – von allen nur Poppy genannt – durch Londons Straßen. Dabei erinnert nicht allein die Auswahl ihrer Garderobe sondern auch ihre lockere Lebensart an eine moderne Antwort auf Astrid Lindgrens quirlig-anarchistische Pippi Langstrumpf. Mit ihrem kunterbunten aber eben auch lebensfrohen und optimistischen Erscheinungsbild, macht sie sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Ob beim Trampolinspringen, beim Flamenco-Kurs oder im Club mit ihrer Frauen-Clique, stets bringt ihr sonniges Gemüt ein wenig Frohsinn in eine latent schwermütige Umwelt. Alles und jedem schenkt Poppy ein Lächeln und selbst über ihre Rückschmerzen kann sie nur lachen.

Chronische Lebensfreude macht sich breit, die auf manche Mitmenschen aber auch albern, befremdlich oder gar verstörend wirken mag. Denn was bei ihren Schülern und in ihrem Freundeskreis beliebt, ist bei ihrem Fahrlehrer der Nährboden einer ausgewachsenen Nervenkrise. Kein Wunder, ist Poppy mit ihrer unbekümmerten Art doch das exakte Gegenteil des dauergrantigen Lehrers. Gegen seinen Griesgram scheint kein Kraut gewachsen und so gleichen Poppys Fahrstunden geradezu einer emotionalen Berg- und Talfahrt. Ganz anders als ihr Leben im Allgemeinen, das sie in erster Linie durch positive Feedbacks in ihrem Tun bestätigt. Und selbst die Liebe dürfte nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.

Mit Filmen wie „Lügen und Geheimnisse“ und „Vera Drake“ ist und war Mike Leigh auf sozialkritische Leinwanddramen abonniert. Nun jedoch überrascht der Regiealtmeister mit einem schrillen und völlig unbeschwerten Feelgoodmovie. Nur ganz dezent und recht geschickt, werden verschiedene kleine Alltagsprobleme in die Handlung eingeflochten. Dabei wirkt diese zu keiner Zeit bemüht pädagogisch, sondern durchweg herzhaft und ehrlich. Die anmutende Handlungsarmut, kaschiert Leigh geschickt durch perfektes Timing, Wortwitz und Tiefgang. Eine mögliche Schwäche des Films, wird so zu seiner großen Stärke. Poppys Fahrstunden und das Zusammenspiel zweier großartig aufspielender Akteure (brillant: Eddie Marsan als Fahrlehrer Scott), ziehen sich wie ein roter Faden durch das Geschehen und sind eines der absoluten Highlights des Films. Das größte Highlight jedoch heißt Sally Hawkins. Die überzeugende Hauptdarstellerin versteht es in jeder Sekunde, ihre sympathische und manchmal leicht entrückte Filmfigur mit unbändiger Lebenslust anzureichern. Schnell erliegt man ihrem unwiderstehlichen Charme und gibt sich vorbehaltlos einer mitunter märchenhaft anmutenden Erzählung hin. Für diese Leistung gab es jüngst den Silbernen Bären als beste Darstellerin.

Gary Rohweder

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Autor und Regisseur Mike Leigh kam beim Philosophieren zu dem Schluss, dass in heutiger Zeit die Welt überwiegend negativ betrachtet werde. Das findet er weder gut noch voll gerechtfertigt, und deshalb ist Poppy, die Hauptfigur von „Happy-Go-Lucky“, eine fast immer menschenfreundliche, fröhliche, vertrauensselige, zum Scherzen aufgelegte Figur. 

Poppy, eigentlich Pauline, lebt zusammen mit ihrer Wohngenossin Zoë in London. Sie ist Grundschullehrerin. Ab und zu macht sie mit ihren Schwestern Suzy und Helen sowie zwei weiteren Freundinnen einen drauf, dann wieder widmet sie sich liebevoll ihren Kindern in der Schule. Trampolinspringen tut sie ebenfalls, und mit ihrem Fahrlehrer Scott, der sie heimlich liebt, erlebt sie immer wieder Fahrstunden, die einem Kriegszustand ähneln. Sie hat eine kryptische Begegnung mit einem Stadtstreicher und rückt pädagogisch einem ihrer Schüler zuleibe, der lieber streitet als zu lernen. Ein rassiger Flamenco-Kurs gehört ebenso zu ihrem Programm. 

Und natürlich bleibt sie auch von der Liebe nicht verschont. Tim heißt der Kandidat Poppys, die sich ohnehin schon glücklich fühlt. Jetzt kommt noch Tim dazu – also glücklicher geht’s nicht. 

Drei Dinge fallen im Zusammenhang mit diesem spaßigen, wenngleich dramaturgisch und formal ohne Sensation ablaufenden Film auf. 1. Man wird es Mike Leigh nicht verdenken, wenn er die mürrisch und düster daherredenden Pessimisten einmal aufscheucht. 2. Der Streifen lebt von ausreichend netten romantischen und ernsthaften Ideen. 3. Sally Hawkins als Poppy ist eine darstellerische Ausnahmeerscheinung. Sie lebt ihre absichtlich positive Rolle voll aus, kann manchen als „Stadtneurotikerin“ auch auf die Nerven gehen, weil überkomisch, ist aber im Großen und Ganzen durchgehend von mitreißender Sympathie. 

Bei der diesjährigen Berlinale gab es für diese Leistung denn auch den Silbernen Bären als beste weibliche Schauspielerin. 

Thomas Engel