Heli

Kein schöner, aber ein herausragender Film ist Amat Escalantes „Heli“, der in rohen, teils brutalen Bildern von der alltäglichen Gewalt erzählt, die weite Teile Mexikos beherrscht. Wie eine Familie in die Fänge der Drogenmafia gerät, mit Korruption, Folter, Vergewaltigung und Mord konfrontiert wird, ist teils schwer zu ertragen, aber in seinem Realismus bemerkenswert.

Webseite: www.temperclayfilm.de

Mexiko 2013
Regie: Amat Escalante
Buch: Gabriel Reyes, Amat Escalante
Darsteller: Armando Espitia, Andrea Vergara, Linda González, Juan Eduardo Palacios, Reina Torres
Länge: 110 Minuten
Verleih: Temperclayfilm 
Kinostart: 18. September 2014

FILMKRITIK:

Heli (Armando Espitia) lebt zusammen mit seiner Frau Sabrina (Linda González), einem gemeinsamen Baby und Helis Vater in einem kleinen baufälligen Haus. Fünftes Mitglied der Familie ist Estela (Andrea Vergara), Helis 12jährige Schwester, die noch in die Schule geht und von ihrem Bruder zum Fleiß angetrieben wird. Heli und sein Vater arbeiten in einer Autofabrik, der eine die Tag-, der andere die Nachtschicht, man sieht sich selten, vielleicht mal auf der staubigen Straße, die vom Dorf in die Fabrik führt.
 
Auf dieser Straße trainiert auch Beto (Juan Eduardo Palacios), 17jähriger Rekrut der Armee und Estelas Freund. Es ist die große Liebe, glauben Beto und Estela, sie wollen heiraten, wollen raus aus dem schmutzigen Kaff, in dem das Leben nur aus Überleben besteht. Als die Armee eine große Menge beschlagnahmter Drogen vernichtet, werden einige Pakete Kokain abgezweigt. Beto nimmt sie an sich und versteckt sie mit Estelas Hilfe im Haus, mit dem Plan, sie zu verkaufen und endlich verschwinden zu können. Als Heli die Drogen entdeckt und vernichtet, setzt er eine Spirale der Gewalt in Gang, an deren Ende Tod und Leid steht.
 
Gleich die erste Szene von Amat Escalantes „Heli“ gibt den Ton vor: Zwei zerschundene Körper werden in einem Laster zu einer Brücke transportiert, der eine schließlich mit heruntergelassenen Hosen baumelnd aufgehängt. Ein Bild, wie es in Mexiko fast an der Tagesordnung ist, als Warnung der Drogenmafia, sich nicht in ihre Belange einzumischen. Als Transitland des Kokainhandels zwischen den Anbaugebieten in Kolumbien und den USA, dem Hauptabnahmemarkt für Kokain, ist Mexiko in den letzten Jahren von einer Welle der Gewalt ergriffen worden, die zehntausende Tote gefordert, der Korruption Tür und Tor geöffnet und Gewalt in alle Sphären der Gesellschaft zur traurigen Normalität gemacht hat.
 
Gerade die Beiläufigkeit, mit der Escalante zeigt, wie diese Gewalt von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert wird, erschrickt: Bei seiner Armeeausbildung wird Beto bis zum Erbrechen gedrillt, sind Methoden, die eher als Folter zu bezeichnen sind, an der Tagesordnung. Wenn dann Beto und Heli selbst zur Strafe gefoltert werden, schauen die jugendlichen Kinder der Folterer interessiert zu: Offenbar sehen sie so etwas nicht zum ersten Mal.
 
Diese verrohte Welt schildert Escalante in präzisen Bildern, die meist in langen Einstellungen beobachten, wie eine zwar einfache, aber doch gefestigte Familie zerfällt. Auch wenn manche Bilder schwer zu ertragen sind, spielt sich ein Großteil der Geschichte im Off ab, bleiben Fragen nach den Umständen offen und verstärken dadurch nur noch die Allgemeingültigkeit der Geschichte. Nach dem mexikanischen Film „Miss Baja“ 2011 und auch Ridley Scotts „The Counselor“, der aus amerikanischer Sicht über die Macht der Kartelle erzählte, ist Amat Escalantes “Heli“ nun der nächste Film, der ein seit Jahren akutes Problemfeld aufzeigt, dass in der breiten Öffentlichkeit dennoch kaum Aufmerksamkeit findet. Allein das macht „Heli“ zu einem wichtigen Film, der aber vor allem auch als Film außerordentlich ist: Schwer zu ertragen, aber unbedingt sehenswert.
 
Michael Meyns