Helle Nächte

In seinem letzten Film „Gold“ zog es Thomas Arslan nach Kalifornien, sein neues Werk „Helle Nächte“ spielt in den Weiten Norwegens und ist doch durch und durch Berliner Schule, jene auch international beachtete Stilrichtung des deutschen Kunstkinos, die eigentlich schon vorbei ist. Doch Arslans bei der diesjährigen Berlinale ausgezeichneter Film wirkt zum Teil wie ein regressives Werk, das zwar ansatzweise nach vorne blickt, aber nur bedingt Bilder für seine bewusste Leere auf dramaturgischer Ebene findet.

Webseite: www.piffl-medien.de

Deutschland/ Norwegen 2017
Regie & Buch: Thomas Arslan
Darsteller: Georg Friedrich, Tristan Göbel
Länge: 86 Minuten
Verleih: Piffl
Kinostart: Herbst 2017

AUSZEICHNUNGEN:

Silberner Bär auf der Berlinale 2017 für Georg Friedrich als Bester Darsteller

FILMKRITIK:

Am Anfang ist Michael (Georg Friedrich) allein, am Ende wird er immer noch allein sein. Dazwischen versucht er, die Beziehung zu seinem Sohn Luis (Tristan Göbel) zu kitten, mit dem er seit Jahren kaum Kontakt hat. Doch Luis will nichts kitten, widersetzt sich den Versuchen Michaels, jetzt auf einmal eine Beziehung aufzubauen, ausgerechnet in Norwegen, wohin Michaels Vater gezogen ist, um die letzten Jahre seines Lebens in der Einsamkeit zu verbringen. Seine Beerdigung bildet den Anlass für die Begegnung zwischen Vater und Sohn, eine Begegnung, die vor allem aus Schweigen und sporadischen Momenten der Emotion besteht, die aber zu nichts führen.
 
Berliner Schule wurde der lose Zusammenschluss diverser Filmemacher genannt, die vor inzwischen 15, 20 Jahren ihre Debüts drehten und dem deutschen Kino nach Jahren des künstlerischen Siechtums wieder zu internationalem Renommee verhalfen. Die Filme von Regisseuren wie Christian Petzold, Christoph Hochhäusler, Maren Ade oder Thomas Arslan zeichneten sich durch ihre genaue Beobachtung von Alltäglichem aus, oft auch durch eine betonte Langsamkeit, eine manchmal etwas beflissen künstlerische, oft auch manierierte Machart, durch die sie bei allem kritischen Erfolg einem breiteren Publikum stets verschlossen blieben.
 
Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, das auch Thomas Arslans „Helle Nächte“, der immerhin im Wettbewerb der Berlinale seine Premiere erlebte und recht überraschend mit dem Preis für den Besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, an der Kinokasse kein Erfolg sein wird. Denn die kaum 90 Minuten von „Helle Nächte“ als spröde zu bezeichnen, wäre noch eine Untertreibung. Ein paar Sätze streut Arslan hin- und wieder ein, die Hintergründe, eine Entfremdung andeuten, wie man sie im Kino schon oft gesehen hat. Klassisches Muster ist dann im Normalfall, dass sich Mann oder Frau, Frau oder Freundin, oder eben Vater und Sohn durch das gemeinsame Durchleben einer Extremsituation wieder zusammenraufen, eine Katharsis statt findet und am Ende die Hoffnung auf eine dauerhafte Überwindung des Konfliktes steht.
 
Arslan erzählt jedoch das genaue Gegenteil, was in seiner erzählerischen Radikalität zunächst einmal Respekt verdient. Doch leider geht er stilistisch nicht weit genug, um wirklich überzeugende Bilder für die Leere der Narration zu finden. Auch wenn im Vergleich zu gewöhnlichen Filmen wenig gesagt wird, wird doch viel, ja, zu viel gesagt, zumal Arslan alles andere als ein Autor natürlich klingender Dialoge ist. Doch gerade das spröde, das stilisierte, das in vielen seiner Filme funktioniert, ja ihre besondere Qualität ausmacht, kontrastiert hier auf unbefriedigende Weise mit dem Versuch einer nicht-Narration.
 
In manchen Momenten deutet Arslan auch in „Helle Nächte“ an, wie so ein Unterfangen hätte funktionieren können. In der eindrucksvollsten Szene des Films etwa gleitet die Kamera minutenlang entlang einer endlosen Straße, entsteht durch die Fahrt durch eine kurvige Landschaft eine geradezu hypnotische Qualität, zumal immer stärkerer Nebel aufkommt, der die Sicht bald auf wenige Meter reduziert. Hier findet Arslan ein brillantes Bild für die inneren Zustände seiner Figuren, doch allzu oft sind es dann doch Worte, mit denen gesagt wird, was gezeigt werden müsste. So radikal der Ansatz von „Helle Nächte“ auch ist: Am Ende ist die filmische Umsetzung vielleicht doch nicht radikal genug, um wirklich zu überzeugen.
 
Michael Meyns