Henriette und Guido – eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Ruhig und respektvoll begleitet der Film zwei Menschen, deren Beziehung sich unter besonderen Bedingungen entwickelt hat. Im Zentrum steht Henriette, eine Frau mit neurologischen Einschränkungen, deren Alltag von Vorurteilen, aber auch von Zuwendung und Verständnis geprägt ist. Die sehenswerte Dokumentation von Stella Tinbergen macht sichtbar, welche Voraussetzungen notwendig sein könnten, um Inklusion nicht nur zu behaupten, sondern auch zu leben.

 

Über den Film

Originaltitel

Henriette und Guido – eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Deutscher Titel

Henriette und Guido – eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Produktionsland

DEU

Filmdauer

102 min

Produktionsjahr

2024

Regisseur

Tinbergen, Stella

Verleih

Der filmverleih GmbH

Starttermin

22.01.2026

 

Henriette ist Ende 40, sieht aber, zumindest wenn sie lacht, viel jünger aus und lebt mit einem Frontalhirnsyndrom, das mit weiteren Krankheitsbildern und Symptomen verbunden ist, wie Epilepsie, fehlende Impulskontrolle und Bewegungseinschränkungen. Sie gilt als „Systemsprengerin“, das heißt: Das vorhandene System zur Heilung, Pflege und Betreuung funktioniert bei ihr nicht. Daran trägt Henriette keine Schuld, aber sie muss damit leben, dass sie seit ihrer Geburt herumgereicht wurde, weil niemand es mit ihr ausgehalten hat oder wusste, wie man mit ihr umgeht. Nicht einmal ihre Mutter. Sie ist Ärztin und hatte kaum Gelegenheit, einen intensiven Kontakt zu ihrer Tochter aufzubauen, weil das Kind ständig im Krankenhaus war. Ihre wichtigste Bezugsperson heute ist Guido, mit dem sie zusammenlebt. Die beiden hängen sehr aneinander. Guido ist Henriettes Halt im Alltag, er kümmert sich um sie, putzt, kocht und passt auf sie auf, soweit es ihm möglich ist. Er erträgt es, wenn sie scheinbar grundlos explodiert, und er beweist dabei große Geduld, die allerdings nicht grenzenlos ist. Guido ist liebevoll und sensibel, vorsichtig, manchmal überfordert, aber immer ehrlich. Über Henriette sagt er, dass sie knallig sei, er vergleicht sie mit einer Wundertüte. Zu ihrer Mutter und zu ihren Geschwistern hat Henriette kaum Kontakt, wobei die Mutter offen über ihre Beziehung zu Henriette spricht, auch über die Schuldgefühle, die sie viele Jahre mit sich herumtrug.

Stella Tinbergen begleitet Henriette und Guido, setzt aber den Akzent eindeutig auf Henriette, zeigt sie im Alltag, beim Training für einen Job auf einem Erlebnisparcours für Menschen mit und ohne Behinderungen, beim Matheunterricht und zusammen mit einer Tanzpädagogin beim Einstudieren eines Bewegungsevents, bei dem unklar bleibt, zu welchem Zweck und auf wessen Veranlassung die offenbar einmalige Veranstaltung stattfindet, bei der lediglich Henriette und Tamara, die Tänzerin mitwirken.

Die Kamera beobachtet das Geschehen mit großer Zurückhaltung, einschließlich einiger Beispiele, wie Henriette von einem Moment zum anderen aggressiv wird. Auch ihre zahlreichen unangenehmen Begegnungen mit der Polizei werden thematisiert, denn offenbar hat Henriette neben ihren sonstigen Schwierigkeiten auch Probleme mit Autoritäten. Ganz eindeutig braucht Henriette viel Zuwendung, und vielleicht ist dafür nicht einmal Guidos Liebe groß genug, um ihr das zu geben, was sie einfordert. Henriettes Einschränkungen werden dabei keinesfalls ausgestellt, sondern als Teil ihrer Identität ernst genommen. Sichtbar werden dabei nicht nur ihre Herausforderungen, sondern auch gesellschaftliche und soziale Barrieren durch das Verhalten ihrer Umwelt: Unsicherheiten im Umgang, gut gemeinte oder von Ungeduld geleitete Bevormundungen, die permanente Frage nach der Zumutbarkeit. Der Respekt, den Henriette einfordert, wird ihr nur selten entgegengebracht. Und sie ist selbst teilweise alles andere als respektvoll. Dies als Teil ihrer Persönlichkeit und ihrer Krankheit zu akzeptieren, ist vermutlich das größte Problem, mit dem Henriettes Umgebung immer wieder aufs Neue konfrontiert wird. Guido, der selbst eine schlimme Kindheit hinter sich hat, schafft das, weil er ihr mit Respekt und Liebe begegnet. Das macht ihn überaus liebenswert.

Der Film ist, anders als der Titel erwarten lässt, eigentlich keine Liebesgeschichte. Dafür gibt es zu wenig Informationen über Guidos und Henriettes Beziehung. Aber er zeigt eine ungewöhnliche Verbindung zwischen zwei ganz besonderen Persönlichkeiten und macht deutlich, wie schnell behinderte Menschen auf ihre Einschränkungen reduziert werden und wie befreiend es für sie – und für alle anderen – sein kann, als Person wahrgenommen und respektiert zu werden. Und das wäre dann tatsächlich Inklusion.

 

Gaby Sikorski

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