Her Private Hell

Schon mancher Künstler hat sich nach einer schweren Krankheit, einer Nahtoderfahrung auf das Wesentliche besonnen und im Anschluss eine besonders persönliche Arbeit vorgelegt. So nun auch der dänische Regieexzentriker Nicolas Winding Refn, dessen Herz vor einigen Jahren stehenblieb und der nun in „Her Private Hell“ von der schwierigen Beziehung einer Tochter zu ihrem Vater erzählt.

 

Über den Film

Originaltitel

Her Private Hell

Deutscher Titel

Her Private Hell

Produktionsland

USA, DK

Filmdauer

109 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Nicolas Winding Refn

Regisseur

Nicolas Winding Refn

Verleih

PLAION PICTURES GmbH

Starttermin

01.01.1972

 

Es sieht atemberaubend aus: Das Hotel, in das die junge Schauspielerin Elle (Sophie Thatcher) einzieht, mit seinen langen Fluren, dem reduzierten Design, den ausladenden Fenstern, die auf eine künstliche Stadt blicken lassen, die ganz im Nebel versinkt, nur einzelne Hochhäuser ragen heraus. Ebenso atemberaubend wirken die Menschen, die diese Welt bevölkern, neben Elle ihre Schauspielkollegin Hunter (Kristine Froseth) und ihre Stiefmutter Dominique (Havana Rose Liu). Sie alle sollen im neuen Film von Johnny (Dougray Scott) mitspielen, Elles Vater, der, wie er selbst einmal sagt, schöne Menschen und schöne Dinge schätzt.

Johnny warnt die Frauen vor einem Killer namens Leatherman, der sein Unwesen treibt und seine Opfer auf brutale Weise aufschlitzt. Auch der GI Private K (Charles Melton) sucht seine Verschwundene Tochter, die im Japan der Nachkriegszeit verschwand und dann ist da noch der mehr als lässige Gigolo Nico (Diego Calva), der verführt und betört.

Viel zu stringent hört sich diese Beschreibung der Handlung an, lässt an einen konventionellen Film denken, eine Genrevariation. Doch in seinem ersten Kinofilm seit zehn Jahren hat der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn alles andere im Sinn als Klarheit. Viel mehr mag man „Her Private Hell“ als Versuch eines Filmemachers verstehen, sein Unterbewusstsein auf die Leinwand zu bringen, seine filmischen und privaten Obsessionen in einer surrealen Bilderwelt zu übersetzen, die rätselhaft wirkt, die manche als langweilig, anmaßend und nervtötend empfinden werden, andere als enigmatisch, originell und faszinierend.

Glänzende Oberflächen üben seit Jahren einen enormen Reiz auf Refn aus, seine letzten Kinofilme „Drive“ und „The Neon Demon“ erzählen ebenso davon, wie die beiden in den letzten Jahren entstandenen Fernsehserien „Too Old to Die Young“ und „Copenhagen Cowboy“, mit denen sich Refn zunehmend von konventionellen narrativen Mustern löste, um stattdessen assoziative Bilderwelten zu zeigen, die auf vielfältige Weise interpretierbar sind.

In diesem Fall hilft es zu wissen, dass Refn vor einigen Jahren mit einer schweren Herzerkrankung ins Krankenhaus kam, für 25 Minuten praktisch tot war, bevor er gerettet werden konnte. Und dass er mehrere Töchter hat, die damals fast den Vater verloren hätten. Seitdem hat Refn nach eigener Aussage sein Leben geändert, lebt weniger riskant und exzessiv (lassen wir einmal offen, was genau damit gemeint ist) und hat seine Beziehung zu seinen Töchtern, seiner Familie nun in „Her Private Hell“ verarbeitet.

Zumindest in Andeutungen, die selbstverständliche in keiner Weise als klare Allegorie zu verstehen sind, sondern als oft widersprüchliche Momente, die nicht zuletzt andeuten, das Refn und sein Psychotherapeut sich sicherlich viel zu sagen haben.

Wenn man Refn, sein Werk und seine Obsessionen kennt, dann ist „Her Private Hell“ eine wahre Fundgrube: Neonlichter, atemberaubend schöne Oberfläche, langsame Kamerabewegungen, die den Zuschauer ins Geschehen zu saugen scheinen, Momente exzessiver Brutalität, dazu eine opernhafte, exaltierte Musik, die diesmal der italienische Komponist Pino Donaggio schrieb, der nicht nur in seiner Heimat die Musik zu zahlreichen Giallos schrieb, sondern auch für etliche Filme von Brian De Palma. Der zählt neben vielen anderen – unübersehbar auch David Lynch – zu Refns Vorbildern, seinen Inspirationsquellen, bei denen er einmal mehr aus dem Vollen schöpft.

Das Ganze als Style over Substance zu bezeichnen ist ebenso richtig wie oberflächlich, denn warum muss jeder Film eine stringente, leicht nachvollziehbare Handlung erzählen? „Her Private Hell“ ähnelt oft eher dem Experimentalkino, scheint direkt in den Kopf seines Machers zu blicken, wirkt mehr wie ein Rausch als ein Film und dürfte in wenigen Jahren Kultstatus besitzen.

 

Michael Meyns

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