Heute bin ich Samba

Mit ihrer 2011 realisierten Komödie „Ziemlich beste Freunde“ haben die Franzosen Éric Toledano und Olivier Nakache grandiose Erfolge in zahlreichen Ländern feiern können. Obwohl ihr Nachfolgewerk „Heute bin ich Samba“ komplexer und ernsthafter ausfällt, gelingt mit dem unbeschwerten Omar Sy in der Hauptrolle als illegal in Paris lebendem Senegalesen trotzdem das Kunststück, ein Feel-Good-Movie mit gesellschaftskritischer Brisanz und Aktualität zu füttern. Ohne in Betroffenheitsrhetorik abzudriften, werden Themen wie Immigration und Integration ebenso gestreift und ausgelotet wie Identitätskrisen oder die Grenzen sozialen Engagements.

Webseite: www.senator.de

OT: Samba
Frankreich 2014
Regie: Éric Toledano & Olivier Nakache
Darsteller: Omar Sy, Charlotte Gainsbourg, Tahar Rahim, Izïa Higelin, Youngar Fall, Issaka Sawadogo, Hélène Vincent
118 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 26.2.2014
 

Pressestimmen:

"'Heute bin ich Samba' gelingt die Verbindung aus gebührendem Ernst und befreien­dem Humor. Sehenswert ist der Film aber noch aus einem ganz anderen Grund: weil er unseren Blick auf die Welt verändert."
Cinema

FILMKRITIK:

Zehn Jahre schon lebt der aus dem Senegal stammende Samba (Omar Sy) in Frankreich. Illegal allerdings. In Paris schlägt er sich mit Aushilfsjobs durch, ist aktuell als Tellerwäscher in einem großen Nobelrestaurant beschäftigt, was eine längere Kamerafahrt in der Eröffnungssequenz sogleich auch deutlich macht. Die High-Society feiert (sich), im hintersten Winkel der Küche steht einer, der gute Arbeit leistet, für die und in der Gesellschaft aber unsichtbar bleiben soll und muss. Samba ist ein meist gut gelaunter Optimist, er träumt von einer unbefristeten Stelle als Koch. Als er es wagt, bei den Behörden um die dazu notwendigen Aufenthaltspapiere zu bitten, bekommt er statt des langersehnten Dokuments die Anweisung, das Land unverzüglich zu verlassen.
 
In dieser Situation begegnet er der sensibel und psychisch labilen Alice (Charlotte Gainsbourg), die von ihrem Hauptjob aktuell eine Auszeit nimmt und sich ehrenamtlich für eine Organisation engagiert, welche Einwanderer dabei unterstützt, nicht ausgewiesen oder abgeschoben zu werden. Den Rat ihrer Kollegin, den hilfesuchenden „Kunden“ gegenüber auf Distanz zu bleiben, deren Einzelschicksale nicht zu nah an sich heranzulassen und schon gar nicht ihre private Telefonnummer herauszurücken, kann sie dem charmanten Samba gegenüber nicht widerstehen.
 
Dass die auch fürs Drehbuch verantwortlichen Regisseure Éric Toledano und Olivier Nakache mit Charlotte Gainsbourg jene Frau vor die Kamera holten, die in Lars von Triers „Nymph(o)maniac“ noch eine von sexueller Lust getriebene Frau spielte, ist ein durchaus genial zu nennender Besetzungscoup, auf den tatsächlich auch angespielt wird. Hier nämlich gibt sich Gainsbourg schüchtern, darf ihre sensible Seite zeigen und dies in einer Beziehung, die ja in Bezug auf ihre Figur nicht nur aus professionellen Gründen zurückhaltend sein sollte, sondern die auch aus gesellschaftlicher Sicht ungewöhnlich scheint. Gleichwohl: Gainsbourg glänzt hier mit sowohl romantischem wie auch komischem Spiel.
 
Der Spagat, die Erschwernisse eines Alltags in der Illegalität mit der Angst vor dem Entdecktwerden und seinen Folgen zu meistern gleichzeitig mit einem Kampf gegen Depressionen und Burn-Out-Symptome mit Komik zu kreuzen, gelingt diesem unterhaltsamen Film also durchaus. In erster Linie liegt das an Omar Sy und der seiner Figur innewohnenden positiven Einstellung zum Leben. Dass er trotz seines Namens ein Tanzmuffel ist, mag auch einer Verweigerungshaltung der beiden Regisseure geschuldet sein, erinnert man sich doch immer noch zu gerne an Omar Sy’s flotte Tanzeinlage in „Ziemlich beste Freunde“. Da sagten sich Toledano und Nakache wohl: man muss nicht alles, was gut war, 1:1 wiederholen.
 
Als Side-Kick liefert aber auch Sambas Freund Wilson (Tahar Rahim aus „Le Prophète“) einige starke Szenen ab. Dass er sich als heißblütiger Brasilianer definiert, obwohl er doch eigentlich aus Algerien stammt, ist als „Notlüge“ ein schönes Beispiel dafür, wie schwer es bestimmte Kulturen oder Nationalitäten bei der Integration in anderen Gesellschaften haben. Als Brasilianer jedenfalls ist Wilson ein akzeptierter Exot, als Algerier würden ihm ständig Steine in den Weg gelegt. Schön auch eine Szene, die das Sprichwort „Kleider machen Leute“ bestätigt. Sein Onkel rät Samba, dass er sich mit Anzug und Hemd bekleiden und schicke Schuhe tragen und einen Aktentasche unter den Arm klemmen solle, schon würde man ihn für einen seriösen Geschäftsmann halten. Eine Flucht über die Dächer von Paris hätte freilich nicht ganz so dramatisch ausfallen müssen.  
 
„Heute bin ich Samba“ transportiert den mitunter gefährlichen Alltag von (illegalen) Einwanderern auf eine unterhaltsame Weise. Die von Verständigungsschwierigkeiten bei Behördengängen und vom Bürokratiewahnsinn erzählenden Szenen sind treffend und in ihrer Überspitzung exakt auf den Punkt gebracht. In der Figur von Alice ist aber auch sehr schön dargestellt, wie gesellschaftlicher Erfolgsdruck Menschen an ihre Grenzen bringt. Man würde sich wünschen, dass Menschen wie Samba viel mehr ziemlich besten Freunden begegnen, die ihnen dabei helfen, Fuss in einem Land ihrer Wahl zu fassen und sie beim Aufbau einer ehrlichen Existenz zu unterstützen. Eben weil dieser Film mit seinen spielfreudigen Hauptdarstellern nicht auf die Betroffenheitsschiene setzt und ernsten Themen eine humorvolle Seite abgewinnt, könnte er genau dies einem breiten Publikum gegenüber bewusst machen.
 
Thomas Volkmann