Hirngespinster

Zu den wohl am besten gehüteten Familiengeheimnissen gehört, wenn ein Mitglied an einer psychischen Erkrankung leidet. Denn, so sagt Regie-Debütant Christian Bach, Krankheiten der Seele lösen ein tiefes Unbehagen aus. In „Hirngespinster“ spielt Tobias Moretti einen an Schizophrenie leidenden Familenvater, Newcomer Jonas Nay seinen Sohn, der sich nicht lösen kann von seiner dysfunktionalen Familie. Beide Darsteller wurden 2013 für ihre Leistungen mit einem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.

Webseite: www.hirngespinster.de

Deutschland 2013
Buch und Regie: Christian Bach
Darsteller: Tobias Moretti, Jonas Nay, Stephanie Japp, Hanna Plaß, Ella Frey, Johannes Silberschneider
Kamera: Hans Fromm
Länge: 96 Minuten
Verleih: Movienet Film
Kinostart: 9. Oktober 2014
 

FILMKRITIK:

Simon (Jonas Nay) ist 22 Jahre alt und wohnt noch zuhause. Einen richtigen Job hat er nicht, zum Geldverdienen fährt er den Schulbus. Simon verfügt über ein beträchtliches Zeichentalent, das er von seinem Vater Hans (Tobias Moretti), einem für seine Projekte ausgezeichneten Architekten, geerbt hat. Dennoch traut sich Simon nicht, den Schritt in sein eigenes Leben zu wagen. Denn er ist sich nicht sicher, ob das Zeichentalent das Einzige ist, was Hans an ihn weitergegeben hat. Der leidet seit Jahren an paranoider Schizophrenie, eine Krankheit, die vererblich ist. Auch will Simon seine kleine Schwester und seine erschöpften Mutter (Stephanie Japp) nicht allein lassen. Die harmlose Installation einer Satellitenantenne am Nachbarhaus löst bei Hans einen erneuten Krankheitsschub aus. Ausgerechnet jetzt verliebt sich Simon in die angehende Medizinstudentin Verena (Hanna Plaß).
 
In unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft gibt es durchaus noch genügend Tabus. Darunter fallen mit Sicherheit auch alle Arten psychischer Krankheiten. Paranoide Schizophrenie inspiriert wohl immer noch mehr Serienkiller-Thriller als Familiendramen. Die Krankheit hier in einem solchen Kontext zu sehen, ist deshalb tatsächlich unter dem Stichwort „Aufklärung“ zu vermerken. Vor allem, weil Tobias Moretti seine Rolle mit einer so radikalen Intensität ausfüllt. Die erschöpft sich hier nicht in schauspielerischen Manierismen und Effekthascherei. Moretti und Regisseur Christian Bach streben nach Authentizität. Es geht darum, einen Menschen zu zeigen, der nächtelang nicht schläft, sich in Wahnvorstellungen verliert und unter der Wirkung von Neuroleptika leidet. Dieses Leiden spiegelt sich in Morettis Gesicht.
 
Dass die anderen Figuren neben dieser großartigen Leistung etwas verblassen, liegt in der Natur der Sache. Jonas Nay tut sein Möglichstes, um seinem Simon etwas Kontur zu geben. Das fällt ihm schwer, weil die Figur etwas blass geschrieben ist. Arg still und schicksalsergeben treibt dieser junge Mann durch die Geschichte. Wie überhaupt etwas mehr dramaturgischer Mut und auch stilistische Experimentierfreude dem Film gut getan hätten. Bach hakt ein wenig einfallslos Plotpoints ab, die zudem stellenweise arg an den Haaren herbeigezogen wirken – zum Beispiel, wenn Simon sich für Verena als Retter in der Not vor einem zudringlichen Nachtclubbesucher erweist. Einerseits reißt die allzu brav erzählte Geschichte nicht wirklich mit, andererseits nutzt Bach unnötig den dramaturgischen Holzhammer.
 
Als coming-of-age-Geschichte will „Hirngespinster“ nicht funktionieren, dazu bewegt der Film sich in allzu bekannten Gewässern. Vielleicht hemmt den jungen Filmemacher der unbedingte Wille, dem wirklichen Krankheitsbild der Schizophrenie gerecht zu werden. Das wiederum gelingt ihm vorbildlich. Vor allem, weil nicht eine aufklärerisch getarnte Sensationslust sein Drehbuch treibt. Hans bringt zwar andere Menschen in Gefahr, wird aber nie wirklich gewalttätig. Klar kann es für eine solche Geschichte kein Happy-End geben. Hans will sein Krankheitsbild bis zum bitteren Ende nicht wahrhaben. Dass ihm das Drehbuch das nicht zum Vorwurf macht, sondern sein Verhalten erklären will, zeichnet es aus.
 
Oliver Kaever