Hochstapler, die

Figuren wie Till Eulenspiegel und Felix Krull gelten als sympathische Schlitzohren. Dieses positive Image von Hochstaplern nutzt Alexander Adolph, um Interesse für seine vier Interviewpartner zu erzeugen, die ihre Opfer gehörig hinters Licht geführt haben. Doch sein klasssischer Interview-Film ist nur am Anfang eine lustige Anekdoten-Sammlung. Schnell zeigt sich, dass die Hochstapeleien nüchtern betrachtet zwanghafter Betrug sind und die Täter auffällige Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Adolph stellt die Frage, ob Hochstapler weniger Kriminelle als Menschen mit psychischen Störungen sind und ob drakonische Strafen die richtige Antwort auf ihr Verhalten darstellen.

Webseite: www.hochstapler-film.de

D 2006
Regie: Alexander Adolph
Länge: 84 Minuten
Verleih: Majestic Filmverleih
Kinostart: neu 26. April 2007

PRESSESTIMMEN:

"Entlarvend, aberwitzig und erschreckend zugleich. Ein verblüffender und sehenswerter Film!
ZDF Heute-Journal

FILMKRITIK:

Für seine Kunden war Jürgen Harksen ein Vermögensberater, er selbst nennt sein Tun „Kasperletheater“. Da ist was dran. Harksen versprach vermögenden Hamburger Geschäftsleuten und Anwälten Renditen von 1300 Prozent und schwatzte ihnen sogar fünf Millionen Dollar teure Tickets für einen Flug zum Mond auf, der durch Werbung auf der Rakete ein Vielfaches der Reisekosten einspielen sollte. Wie kann man nur auf so einen Blödsinn reinfallen? „Geldgier“, sagen Harksen und seine Hochstapler-Kollegen unisono. Sie wissen auch, wie sie das Misstrauen ausschalten, das diese Gier im Zaum hält: indem sie eine Vertrauensposition aufbauen und ihren Opfern mitunter gar freundschaftliche Gefühle vorgaukeln.

Ganz schön fies. Mark Z., der zunächst unsympathischste der vier Betrüger, erzählt leidenschaftslos, wie er einen biederen Familienvater in den Ruin trieb oder eine gemietete Villa auf Mallorca an ahnungslose Käufer verscherbelte. „Hat Spaß gemacht.“ Den Tätern geht es vordergründig um schnell verdientes Geld, Reputation und Statussymbole. Doch da ist noch mehr. Am deutlichsten wird das bei Torsten S., der als Diplomat und enger Freund Joschka Fischers auftrat und als US-Offizier, der eine Sicherheitskonferenz organisiert. Sein zwanghaftes Wechseln der Identitäten ist Folge traumatischer Erfahrungen in Heimen in der früheren DDR, wo Kinder wie in Gefängnissen gehalten und misshandelt wurden. Wie kommt man da raus, wenn man die Mauern nicht überwinden kann? Indem man in die Rolle eines anderen schlüpft.

Diese psychologischen Zusammenhänge erklären auch, warum die Hochstapler mit ihren Betrügereien nicht einfach so aufhören können. Strafrechtlich ist das fatal. Immer wieder landen die Betroffenen vor Gericht und irgendwann droht wegen der Wiederholungsgefahr Sicherungsverwahrung.  Das heißt, auch nach Verbüßung ihrer Strafe bleiben die Verurteilten im Gefängnis. Mit einer Therapie wäre ihnen – und der Gesellschaft – wahrscheinlich mehr geholfen. Das liegt bei Peter G. auf der Hand, der dank Sicherungsverwahrung 28 Jahre im Gefängnis saß. Seine Eltern, Zeugen Jehovas, verweigerten ihm jede Form der Zuwendung. Geld, das er mit Scheckbetrügereien einsammelte, wurde für Gerd G. zum Fetisch, mit dem er jede Mangelerfahrung kompensierte.

Alexander Adolph verknüpft geschickt und unaufdringlich inhaltliche Aspekte mit persönlichen Facetten seiner vier Hochstapler. Er entschied sich für einen klassischen Interviewfilm. Sprechende Köpfe sind auf die Dauer ermüdend. Hier jedoch bleibt das Interesse wach, weil die Interviewsituation Teil der Geschichte ist. Der Zuschauer forscht ständig in den Gesichtern der Männer, ob sie im Flirt mit der Kamera oder der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, in eine Rolle verfallen oder ehrlich sind. Der Millionenbetrüger Harksen spielt wahrscheinlich am meisten Theater, um Sympathien zu gewinnen. Er präsentiert sich als harmloses Kerlchen, das doch nur die Gier der Reichen offengelegt habe. Er nahm jedoch auch kleine Leute aus und verhöhnte seine Opfer in einem Buch, weshalb er keine Chance mehr hat, vorzeitig entlassen zu werden. Zwei Aspekte übrigens, die im Film nicht vorkommen.

Volker Mazassek                     

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Vier Männer stellt dieser Dokumentarfilm vor. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie waren jahrelang als erfolgreiche Betrüger unterwegs. Heute sitzen sie hinter schwedischen Gardinen.

Sie gaben sich als Millionäre aus oder als hochgestellte Offiziere mit Diplomatenpass und Nato-Auftrag. Sie spielten den Arzt oder den Immobilienmakler. Sie fuhren Luxusautos und warfen mit dem Geld nur so um sich. Sie bewohnten die exzentrischsten Villen und kauften sich die schönsten Frauen. Sie blufften in den Banken. Einer versprach gar zehn Personen einen Mondflug.

Wie war das möglich? Weil die Gier der Menschen und die Dummheit gleich groß sind. Weil die „Kunden“ auf Rendite aus waren. Weil sie die ihnen vorgegaukelten Riesengeschäfte nicht nachprüften. Weil sie sich von gerissenen Verbrechern täuschen ließen.

Man hält es nicht für möglich, was hier alles erzählt wird. Auf welche Märchen und Lügen die Menschen hereinfallen. Wie Männerfreundschaften und Reichtum vorgetäuscht werden.

Es ist anscheinend leicht. Je stärker man angibt, je besser man gekleidet ist, je mehr man redet und Geschichten erzählt, desto leichter ist es, Vertrauen zu erschleichen.

Ab und zu werden ein paar Jugendbilder, Schilderungen der Eltern oder Erkenntnisse der Opfer eingespielt, doch meistens erzählen die früheren Betrüger und heutigen Häftlinge ihre unglaublichen Stories vom Geld als Machtfaktor.

Langsam scheinen dann auch die psychologischen Grundlagen und Motive durch. Einer, Sohn eines Zeugen-Jehova-Paares, fing an, seine Eltern zu betrügen, weil ihm die mit dem Sektenglauben der Eltern aufgezwungenen Missionierungen zuwider waren. Aber alle fanden mit der Zeit Gefallen an den Traumwelten, an den Lebenslügen, an den falschen Identitäten.

Denn einst waren sie Heimkinder, Legastheniker, Insassen im Jugendgefängnis, Arbeitslose. Ihr späteres Leben war Luxus und Balanceakt, Kasperle-Theater und Tragödie in einem. Mit Millionen jonglierten sie, Jahre werden sie jetzt im Gefängnis sitzen. Ihre Namen verschweigen sie keineswegs.

Ein Dokumentarfilm über Chuzpe und Dummheit, über falsche Autorität und geblendete Menschen, über Verbrechen und Strafe. Eine höchst aufschlussreiche Angelegenheit.

Thomas Engel