Holy Motors

Ist das Kunst oder kann das weg? Bei Leos Carax, dem in die Jahre gekommenen enfant terrible, gehen die Meinungen gerne auseinander, ob beim Debüt „Boy meets Girl“ oder seinem letzten Werk „Pola X“, das vor 13 Jahren in die Kinos kam. Seit diesem kommerziellen Flop zog sich der eigenwillige Regisseur in die künstlerische Schmollecke zurück. Nun präsentiert er einen surrealen Trip über Identität und Wahrheit, starbesetzt mit Kylie Minogue, Michel Piccoli und Eva Mendes. Und natürlich mit seinem ewigen alter ego, Denis Lavant, der hier die multiplen Persönlichkeiten gibt. Er ist alte Frau oder Auftragskiller. Industrieller, strenger Vater oder böser Kobold. In Cannes wurde die tour de force der Bilderfluten euphorisch gefeiert – im Kino gewesen, geträumt!

Webseite: www.arsenalfilm.de

Frankreich, Deutschland 2012
Regie und Drehbuch: Leos Carax
Darsteller: Denis Lavant, Edith Scob, Kylie Minogue, EvaMendes, Elise Lhomeau, Jeanne Disson, Michel Piccoli
Filmlänge: 115 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 30.8.2012

PRESSESTIMMEN:

Ein einfallsreicher, lustiger und ziemlich wahnsinnger Film.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Worum es geht? Gar nicht so einfach! Der Held namens Oscar (Denis Lavant) fährt in einer dicken, weißen Stretchlimousine zu verschiedenen Einsätzen, chauffiert von einer geheimnisvollen Madame Céline, die ihm seine Aufträge vorlegt. Sein Job: Oscar schlüpft in unterschiedliche Rollen. Mal gibt er eine bucklige Bettlerin auf der Pont-Neuf. Dann ist er Tänzer mit Lichtpunkt-Installationen à la „Tron“. Als besorgter Vater schimpft er seine Tochter aus. Auf dem Friedhof schließlich trifft er als Kobold auf einen durchgeknallten Fotografen und dessen schönes Modell (Eva Mendes), das er entführt – um in den Katakomben mit der verschleierten Dame und erigiertem Penis die Pieta nachzustellen. Beim nächsten Job nimmt Oscar die Identität eines Opfers an, das er gerade ermordet hat und tötet sich somit gleich selbst (!). Seine merkwürdigen Aufträge erhält Monsieur vom mysteriösen Michel Piccoli, vielleicht ist das sein Chef. Oder gar Gott? „Die Fragen stelle ich!“ gibt er sich wortkarg selbstbewusst und ist so schnell verschwunden wie er kam. Nach einem Anschlag auf ein Restaurant trifft Oscar auf eine alte Bekannte (Kylie Minogue). Mit ihr wandelt er nächtens auf den Spuren gemeinsamer Vergangenheit durch das verlassene Kaufhaus „La Samaritaine“. Die Pop-Ikone stimmt auf den Treppen ein romantisch verlorenes „Who are we“ an. Wenig später erscheint ihr Freund. Und die Lady stürzt vom Dach. Für Oscar ist nun langsam Feierabend. Nach des Tages langer Arbeit kehrt er zurück in sein biederes Heim, wo bereits ein Affe auf ihn wartet. Derweil alle Strech-Limousinen nun in ihre Garage mit dem titelgebenden, großen Neonschild „Holy Motors“ fahren – und mit blinkenden Lämpchen über die Welt philosophieren und sich in den Schlaf reden.

Die visuelle Wundertüte des kreativen Tausendsassas Carax bietet reichlich Stoff zum fröhlichen Zitate-Suchen und kollektiven „Ich weiß was“-Spiel. David Lynch, Fritz Lang, Kafka, E.T.A. Hoffmann oder Lewis Carroll – all das und noch viel mehr kann der geneigte Zuschauer bei diesem surrealen Trip entdecken.

Und die Bedeutung der besoffenen Bilder? Was soll’s! Seifenblasen sind zum Staunen da und Träume verlieren beim Zerreden ihre Magie. Geradlinige, kleine Krämer-Geschichten gibt es schließlich mehr als genug im Kino. Solch ein größenwahnsinniges Fest der Fantasie ist hingegen ziemliche Mangelware. Genie oder Wahnsinn? Vermutlich beides, reine Geschmackssache. Carax, diesen freien Radikalen der Filmkunst, kann man lieben oder hassen – seine jüngste visuelle Achterbahn sollte man indes keinesfalls verpassen! Mutige Filme sind Raritäten, übermütige Filme sind es noch viel mehr. 

Dieter Oßwald

Von Leos Carax ist nie etwas „Normales“ zu erwarten. So auch hier. Es geht um „Alles oder nichts“. „Da gibt es eine Tür in meiner Wohnung, die ich bisher niemals bemerkte“ (Kafka), heißt es bei „Holy Motors“, ein Film, der dieses Jahr in Cannes für einiges Aufsehen sorgte.

Ein Tag im Leben von Oscar. Er ist Familienvater, wird aber offensichtlich bezahlt für exzentrische geheimnisvolle Auftritte. In einer weißen Strechlimousine – in dem Film gibt es als Sinnbild einer protzigen, geschmacklosen Zeit und Welt eine ganze Garage voll davon -, die von seiner schon etwas älteren jedoch strohblonden Céline kutschiert wird, hat er sozusagen seine Garderobe. Da legt er seine Masken an: als Bettlerin, als Killer, als Unternehmer, als Monster, als Liebhaber.

Weil er die finanziellen und darstellerischen Voraussetzungen für ein großes internationales Projekt nicht sicherstellen konnte, habe er einfach seine Ideen in „Holy Motors“ vereinigt, sagt Carax in einem Interview.

Es sind bildgewaltige, darstellerisch exquisite Szenen geworden, denen jedoch jeder Sinn und Zusammenhang abgeht (mit Denis Lavant, Kylie Minogue, Eva Mendes, Michel Piccoli).

Ein mixtum compositum, ebenso faszinierend wie verstört zurücklassend, ebenso verblüffend wie ärgerlich, ebenso interessant wie wahrscheinlich künstlerisch wertlos, ebenso sehenswert wie sinnlos.

Ein echter Leos Carax eben.

Carax: „Es gibt nie eine Ausgangsidee oder Absicht bei einem meiner Filme, nur zwei, drei Bilder oder Gefühle, und die füge ich zusammen. . . Der Film ist also eine Art Science Fiction, in dem Menschen, Tiere und Maschinen vom Aussterben bedroht sind – „heilige Motoren“, die durch ein gemeinsames Schicksal verbunden sind, Sklaven einer zunehmend virtuellen Welt.“

Einen gewissen, möglicherweise sogar starken Reiz übt der Film auf jeden Fall aus.

Thomas Engel