Home

In ihrem außerordentlichen Debüt erzählt die Schweizerin Ursula Meier von einer Familie, die selbstgenügsam und glücklich in der Einöde eines unfertigen Autobahnabschnittes lebt. Als die Autobahn in Betrieb genommen wird, versucht die Familie, mit allen Mitteln an der Idylle festzuhalten. Skurril, rührend, grotesk, klug und sehr sinnlich. Mit Isabelle Huppert u.a.

Webseite: arsenalfilm.de

Schweiz/Frankreich/Belgien 2008
Regie: Ursula Meier
Darsteller : Isabelle Huppert, Olivier Gourmet, Adélaide Leroux, Madeleine Budd, Kacey Mottet Klein
Länge: 97 Minuten
Verleih: Arsenal / Die Filmagentinnen
Kinostart: 25.6.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

HOME erinnert an die Kurzgeschichten des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami. Wie Murakami erzählt die Regisseurin Ursula Meier mit sehr großer Ernsthaftigkeit eine außerordentlich seltsame Geschichte. Mutter (Isabelle Huppert), Vater (Olivier Gourmet) und drei Kinder wohnen in einem alleinstehenden Häuschen an einem unfertigen Autobahnabschnitt. Das Haus steht auf der einen Seite der unbenutzten Schnellstraße, Briefkasten und der Feldweg in die Außenwelt befinden sich auf der anderen. Es ein heißer Sommer und die Familie hat sich mit Wäscheleine, Liegestuhl, Planschbecken und Spielzeug über die ganze Straße ausgebreitet. Ab und zu radelt Julien, der Kleinste, den Asphalt rauf und runter. Mutti wäscht, Judith sonnt sich, Vater geht zur Arbeit und kommt wieder. Man ist sich selbst genug in dieser abgelegenen Idylle der weiten Blicke und entsättigten Farben.

Dann wird die Schnellstraße wieder in Betrieb genommen. Meier beschreibt in präzisen skurrilen Details die erschütternde Veränderung, die sich zunächst in seismographischen Schwingungen ankündigt – das erste Baufahrzeug, der frische Teer, das erste Auto – und dann mit voller Wucht über die Familie herein brandet. Der Aufruhr tobt auch auf der Tonspur. Wo zunächst aufgekratzter Familienlärm und tiefe Stille einander abwechselten ist nun durchgängig und unentrinnbar das Dröhnen vorbei zischender Autos zu hören. Mit dem Dauerterror der neuen Situation gehen die Familienmitglieder zunächst pragmatisch um. Die Katze wird eben angeleint, Judith setzt sich beim Sonnen Kopfhörer auf und die beiden schulpflichtigen Kinder warten abends auf der anderen Straßenseite, bis der Vater von der Arbeit kommt und mit ihnen ein paar hundert Meter weiter durch eine ungenutzte Betonröhre auf die Zuhause-Seite kriecht.

Angesichts der dramatischen Situation wirken die Versuche der Familie, die Lage in den Griff zu bekommen, rührend grotesk. Gegen die Zerstörungskraft von Dauerlärm und ständiger Beobachtung nutzen sie wenig. Die Familienmitglieder beginnen, sich einzuigeln, ihr Zusammenhalt zerfällt. Der Versuch, weiter zu machen wie bisher („Uns geht es doch gut hier“) und die veränderten Umstände einfach zu ignorieren, beschleunigt den Verfall noch. Natürlich ist das, ebenso wie Murakamis Geschichten, metonymisch zu verstehen. HOME beschreibt eindrucksvoll anschaulich die psychischen Prozesse mit denen eine Familie, eine Person, eine Gesellschaft auf eine lebensbedrohliche Veränderung reagiert, bzw. nicht reagiert sondern auf Biegen und Brechen versucht, so zu tun, als wäre alles normal.

Dennoch bleibt HOME stets wunderbar konkret. Das kleine Haus und die große Straße wirken so wirklich und fassbar, dass man sich fragt, wo sie eigentlich liegen und Isabelle Huppert als Wäsche waschende fröhliche Mutter und Hausfrau hat man selten so erdig gesehen. Ursula Meier filmt die Hitze des Sommers, den Geruch weichen Teers, das Jucken der Isolierwolle und die Schwere der Ziegel, mit denen die Autobahn, die ständig über allem und auch in den Köpfen der Zuschauer dröhnt, ausgesperrt werden soll. Die faszinierende Versuchsanordnung von HOME ist zuallererst eine zutiefst sinnliche Erfahrung.

Hendrike Bake

Ein Häuschen an einem noch stillgelegten Autobahnabschnitt in Frankreich. Eine Familie hat es bezogen: Marthe, die Mutter, Michel, der Vater, die Kinder Judith, Marion und Julien. Sie haben ein zufriedenes Leben, bis – ja, bis der betreffende Streckenabschnitt E 57 fertig gestellt und dem Verkehr übergeben wird.

Jetzt ist die Hölle los. Der Verkehr wird dichter und dichter. Der Lärm ist unausstehlich. Die Katze muss angebunden werden. Ohne Ohrenstöpsel geht nichts mehr. Sich draußen aufhalten: nahezu unmöglich. Gestank kommt auf, die Abgase werden unerträglich. Autos, Motorräder, Lkw. Der Weg zum Haus ist durch die neue Autobahn abgeschnitten.

Judith ist das alles einerlei. Sie stellt einfach ihr Radio lauter, so dass der Verkehrslärm übertönt wird. Marion dagegen misst die Luft, kontrolliert das von den Abgasen angegriffene Gras, spricht von den Gefahren, von der Bleivergiftung, von der möglichen Sterilität.

Es wird schlimmer. Die Familie fängt an die Nerven zu verlieren, wenn nicht den Verstand. Ein Zusammenbruch, eine Katastrophe zeichnet sich ab. Ruhiger ist es nur ein paar Stunden nachts. Marthe schafft es nicht mehr.

Drastische Szenen, Streit, gefährliche nervliche Explosion zwischen denen, die noch da sind. Judith hat sich ohnehin aus dem Staub gemacht.

Ein neuer Lebensversuch. Alle Türen, Fenster und sonstigen Öffnungen werden zugemauert. Vielleicht ist das Dableiben auf diese Weise noch erträglich. Aber Trugschluss. Das Leben der Familienmitglieder ist jetzt durch Luftmangel ernsthaft in Gefahr. Jetzt hilft nur noch ein Ausbruch – Luft, Licht, Sonne.

Eine überspitzte Schreckensvision. Fast so etwas wie ein gleichnishafter Film darüber, was der immer stärker wachsende Verkehr, der Lärm, der Gestank, das Gift, die Umweltverschmutzung, die zunehmende Rücksichtslosigkeit der Menschen und alle die anderen schönen Dinge anrichten können.

Ein schwieriger, ein deprimierender, drastischer, aber auch zeittypischer, ein in einem gewissen Maße höchst aktueller, notwendiger Film. Wie gesagt absichtlich überspitzt gemacht, aber irgendwie nützlich.

Übrigens mit der wie immer ihre Rolle beherrschenden Isabelle Huppert als Marthe.

Thomas Engel