Home for Christmas

Erneut schuf der norwegische Regisseur Bent Hamer mit seinem feinfühligen Episodenfilm „Home for Christmas“ eine eigenwillige, leise Tragikomödie. Den geheimnisvollen Charme des hohen Norden bezieht sein modernes Weihnachtsmärchen nicht zuletzt aus dem sympathischen Spiel seiner Darsteller. Ungeachtet skurriler Momente menschlichen Zusammenleben, die deutlich weniger dominieren als in Hamers groteskem Filmjuwel „Kitchen Stories“ oder „ dem melancholisch feinsinnigen Arthouse-Meisterwerk „O´Horten“, beeindruckt die sensible, anrührende Inszenierung vor der winterlichen Kulisse Norwegens.

Webseite: www.pandorafilm.de

Norwegen/Deutschland 2010
Regie: Bent Hamer
Darsteller: Trond Fausa Aurvåg, Fridtjof Såheim, Reidar Sørensen, Ingunn Beate Øyen, Nina Andresen Borud, Tomas Norström, Joachim Calmeyer, Kai Remlov, Cecilie Mosli, Igor Necemer, Nina Zanjani, Henriette Steenstrup, Gard Eidsvold, Robert Skjærstad, Levi Henriksen
Drehbuch: Bent Hamer
Länge: 79 Minuten
Verleih: Pandora Filmverleih
Kinostart: 18. November 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Eine weiße Winternacht. Blauschwarze Tannen säumen schemenhaft den Weg. Alles ist in schimmerndes Sternenlicht getaucht. Am Firmament strahlt Sirius. Bei jedem Schritt knirscht der Schnee unter den Stiefeln Knuts (Fridtjof Såheim). Der Arzt kommt von einem Notfall. Ein ausländisches Paar in einer abgelegenen Blockhütte benötigte seine Hilfe. Auf dem Weg zur Schwester in Schweden setzten bei der jungen Albanerin die Wehen ein. Sie konnten nicht mehr weiter. Ihr Auto streikte.

„Home for Christmas“ steht auf dem Pappschild. Jordan (Reidar Sørensen), ein Obdachloser, versucht damit Geld aufzutreiben, um sich eine Fahrkarte kaufen zu können. Sein Wunsch: Er möchte seine alten Eltern an Weihnachten besuchen. Doch die Einkaufsstraßen von Skogli, einem kleinen norwegischen Städtchen, sind bereits menschenleer. Abgerissen landet er vor dem Wohnwagen seiner ehemaligen Jugendliebe Johanne Jakobsen, die wie jedes Jahr Christbäume verkauft.

In ihrem Apartment löscht Karin (Nina Andresen-Borud) unzählige, flackernde Teelichter, schminkt sich sorgfältig vor dem Spiegel und legt den neuen roten Seidenschal um. Ein Geschenk ihres verheirateten Geliebten Kirsten (Tomas Norström) , mit dem sie noch vor wenigen Stunden Sex hatte. Sie macht sich auf den Weg zur Kirche. Entschlossen betritt sie die Mitternachtsmesse und setzt sich direkt neben Kirstens Ehefrau (Jessica Pelligrini). Beide tragen haargenau denselben roten Schal. Nach und nach begreift auch der untreue Ehemann was vor sich geht. Schweiß läuft tropfenweise über sein Gesicht.

Zwischen Bintu (Sara Bintu Sakor), die als Muslimin kein Weihnachtsfest feiert, und ihrem Klassenkameraden Thomas (Morten Ilseng Risnes) dagegen, entspinnt sich eine junge Liebe. Die beiden Teenager trafen sich zufällig in Skoglis Fußgängerzone vor dem Schaufenster eines Ladens für Modelleisenbahnen und werfen jetzt gemeinsam einen Blick durchs Bintus Teleskop auf den strahlendsten Stern des Nachthimmels: Sirius. Während der alte Simon und seine Nachbarn mühevoll seine bettlägerige Frau treppabwärts in die vollgestellte kleine Stube schleppen. Stumm und ergeben wartet das Paar dort auf ihren Sohn, einen einst berühmten Fußballspieler. Ein Reigen mehr oder minder turbulenter Ereignisse in der „Stillen Nacht“. Verschiedenste Charaktere treffen an diesem ganz besonderen Abend mit all ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Wünschen aufeinander, verzweifelt auf der Suche nach Verbindung zu ihren Familien, Freunden oder sonst jemanden, der ihnen zuhört.

Wer besondere Geschichten im Kino sehen möchte, liegt mit skandinavischen Filmen sowieso meist richtig. Dabei scheinen die Nordländer häufig einen leicht schrägen Blick auf das Leben zu haben. Das gilt auch für Bent Hamers modernes Weihnachtsmärchen. Was vor allem erneut besticht, ist seine gelungene Mischung von lakonischem Humor und sensibler Melancholie, banaler Alltäglichkeit und skurriler Absurdität. Mit minimalen Dialogen, Gesten, Blicken und visuellen Metaphern die Tiefe menschlicher Beziehungen auszuloten, war dabei schon immer die Spezialität des 54jährigen. Relativ statische Einstellungen, geringes Schnitttempo, schwache Ausleuchtung der Szenerie und immer wiederkehrende Bilder – wie der traumhafte Sternenhimmel einer klaren Winternacht – markieren seinen feinfühlig eigenwilligen Blick auf die Welt.

Dabei versteht es der Produzent, klare Kontraste zu setzen und mit leichter Hand immer wieder einen Wechsel von Tristesse zur Heiterkeit, von der Trauer zum hoffnungsvollem Leben zu schaffen, der seiner warmherzigen Arthousedramödie eine eigene Note verleiht. Ein Film, wie ein langer, erfrischender Spaziergang durch eine verschneite Landschaft, der den Kopf frei macht und den Blick schärft für das Wesentliche. Wer also eine zuckergussfreie Einstimmung ohne kitschigen Weihnachtsflitter auf das „Fest der Liebe“ erleben will, wird nicht enttäuscht sein.

Luitgard Koch

Heiligabend in dem norwegischen Dorf Skogli. Es ist ein besonderer Tag, ein Festtag. Aber läuft auch das Leben der Menschen festlich ab? Nicht ganz.

Paul wurde von seiner Frau verlassen. Ein neuer Liebhaber hat die Stelle des Ehemanns eingenommen. Nicht einmal die Geschenke für die Kinder darf Paul bringen. Doch er findet einen Weg, den Rivalen auszubooten.

Knuts Frau ist traurig, dass ihr Mann, ein Arzt, sogar an diesem Abend Dienst tut. Aber Knut passiert etwas Gutes: Er entbindet eine Flüchtlingsfrau – und wird jetzt selbst seine Ehe und den Kinderwunsch seiner Frau ernster nehmen.

Simon und seine Frau sind schon uralt. Auf ein friedliches wenn auch melancholisches Weihnachten werden sie aber nicht verzichten. Ob sogar der Sohn vorbeikommen wird?

Johanna ist seit Jahren Christbaumverkäuferin. Acht Bäume wurden ihr dieses Jahr schon gestohlen. Deshalb meint sie bei einem Geräusch, einen weiteren Dieb zu hören. Doch es ist der obdachlose Jordan, mit dem sie früher verbandelt war. Die beiden erzählen sich aus ihrem Leben. Bei Johanna scheinen immer noch Gefühle da zu sein. Jordan verabschiedet sich jedoch. Er wird nur noch einige Stunden leben.

Karin hat alles feierlich geschmückt. Sie erwartet Kristen, ihren Geliebten. Heftiger Beischlaf. Dann eröffnet Kristen Karin, dass er seine Frau Liv nun doch nicht verlassen kann. Erst wenn die Kinder groß sind! Karin ist konsterniert, rächt sich jedoch in der Christmette ein bisschen.

Thomas und Bintu sind fast noch Kinder. Weihnachten feiern? Keinen Bock. Bintu weil sie Muslimin ist, Thomas weil er Besseres zu tun zu haben scheint. Beide betrachten lieber die Sterne. Und kommen sich zaghaft näher. Voraussichtlich bahnt sich da eine Liebe an.

Bent Hamer ist für das Drehbuch (nach einer Erzählung), die Regie und die Produktion verantwortlich. Er dreht lakonische, sehr skurrile, aber überaus originelle, eigenartige Filme. Wem beispielsweise sein “O’ Horten“ nicht gefallen hat, der sollte draußen bleiben. Aber der Draußenbleiber würde einen Fehler begehen. Denn „Home For Christmas“ ist durchaus rührend. Außerdem sind die Lebensschicksale in dem kleinen norwegischen Dorf einleuchtend miteinander verbunden und filmisch prima montiert. Man könnte manches als ein wenig artifiziell ansehen, aber diese Dramaturgie war notwendig, damit es werden konnte, was es wurde. Wer sich den Film zu Gemüte führt, wird es nicht bereuen.

Über ein Dutzend Hauptrollen waren zu besetzen. Bent Hamer sorgte dafür, dass die Darsteller spurten. Die Sache ist schön geworden.

Thomas Engel