Homesick

„Passion und Wahnsinn sind finstere Nachbarn“ verheißt bereits das Filmplakat unheilschwanger. Tatsächlich wird die ehrgeizige Cellistin bald nicht mehr wissen, wie ihr der Kopf steht. Mit ihrem Freund ist die junge Frau gerade in eine neue Wohnung gezogen. Die Freude hält nicht lange an. Die vermeintlich nette Nachbarin entpuppt sich zunehmend als böse Alte mit fiesen Tricks. Oder ist der ganze Stalking-Zauber nur eingebildet? Weil die junge Heldin unter enormem Stress steht? Packender Psychothriller, der nicht nur durch elegante Inszenierung, gelungenes Timing und überraschende Wendungen zu überzeugend weiß, sondern brillante Akteure bietet und obendrein Platz für gut gesetzte Pointen hat. Suspense meets paranoia – Hitchcock hätte seine diebische Freude an diesem perfiden Nachbarschaftsstreit unter Psychopathen.

Webseite: www.homesick-film.de

Deutschland 2014
Regie: Jakob M. Erwa
Darsteller: Esther Maria Pietsch, Tatja Seibt, Matthias Lier, Hermann Beyer
Filmlänge: 98 Minuten
Verleih: n.n.
Kinostart: n.n.
 

FILMKRITIK:

„Ich bin anstrengend, oder?“ die junge Cello-Studentin Jessica ahnt schon, dass sie ihrem Freund Lorenz etwas auf die Nerven geht. Dabei hätte sie alle Grund zur Freude. Sie wurde als einzige Deutsche für einen wichtigen Musikwettbewerb in Moskau ausgewählt. Und die neue Altbauwohnung des Pärchens scheint ein echter Glücksfall. Dass ihr spießiger Vater beim ersten Besuch das Fehlen von Tapeten bemängelt, stört Jessica nicht besonders. Auch die Beschwerden über den nächtlichen Lärm einer betagten Nachbarin nimmt das Pärchen verständnisvoll hin und verspricht reumütig Besserung. Am nächsten Morgen nimmt Frau Domweber, die „inoffizielle Hausmeisterin“, wie sie sich nennt, die Entschuldigung erfreut entgegen und überreicht sogleich ein kleines Begrüßungsgeschenk. Die Hässlichkeit dieses roten Kitsch-Engels lächeln die neuen Mieter tapfer hinweg – nicht ahnend, welche Folgen das kleine Präsent noch haben sollte. 
 
Während Lorenz, der tagsüber arbeitet, sich in der neuen Wohnung sehr wohl fühlt, bekommt für Jessica die Gemütlichkeit bald Risse. Glotzt die alte Domweber nicht ständig durchs Fenster im Hinterhof in ihr Zimmer? Wohin ist ihr neues, kleines Kätzchen plötzlich verschwunden? Was wollen die Sargträger im Treppenhaus? Immer schlechter kann sich die Musikerin auf ihre Noten konzentrieren, dabei rückt der Wettbewerb unaufhaltsam näher. Die Gereiztheit explodiert, als beim geselligen Abend der Name der Ex ihres Freundes fällt. Auf ein freundliches „Hey entspann’ dich!“ folgt ein bissiges „Ich muss mich nicht entspannen!“. Ähnlich fruchtlos fallen die Beschwichtigungen von Lorenz aus, wenn es um das wachsende Misstrauen seiner Freundin gegenüber der Nachbarin geht: „Immer nachgeben oder auch mal kämpfen?“ wirft sie dem Softie vor. Der bleibt unerschütterlich verständnisvoll und schleppt die widerwillige Jessica zum Versöhnungs-Kaffeekränzchen in die Domweber-Wohnung. Dort bringt zunächst nur der Tauchsieder das Wasser zum kochen – dann kippt die gespielte Harmonie zur gefährlichen Hysterie.
 
Mit seinem Debüt „Heile Welt“ hat Jungfilmer Jakob M. Erwa beim Filmfest Oldenburg den „German Independence Award“ abgeräumt. Sein (traditionell schwieriger) Zweitling präsentiert sich nicht minder preiswürdig. Mit dem Billigbudget von 53.000 Euro (davon fast ein Viertel durch Crowdfunding finanziert) gelingt dem Österreicher ein angenehm sorgfältig inszenierter Psychothriller, der in der beschränkten Kulisse einer Wohnung scheinbar mühelos enorme Spannung aufbaut. Suspense meets Paranoia – Hitchcock hätte sein perfides Vergnügen an diesem Nachbarschaftsstreit.
 
Für das Gelingen des Thriller-Kuchens findet Erwa die richtigen Zutaten: Smarte Story. Plausible Figuren. Gelungenes Timing. Überraschende Wendungen. Und natürlich spielfreudige Akteure. Esther Maria Pietsch gelingt der Spagat zwischen Ängstlichkeit, Ehrgeiz, Realitätsverlust und Aggression mit überzeugender Glaubwürdigkeit – selbst mit ihrem Cello-Kasten auf dem Buckel fällt sie nicht in die Klischeekiste.
 
Der Gatte der alten Dame, ein sonderbarer Waffennarr, sagt irgendwann über seine Frau: „Der Hilde ist das unheimlich!“ – das dürfte dem Publikum ganz ähnlich ergehen…
 
Dieter Oßwald