Honey Don’t!

Der knallige Genremix als Markenzeichen – Ethan Coens zweiter Teil seiner queeren B-Movie Trilogie beeindruckt wieder mit einer intensiven, sehr dichten Atmosphäre, die diesmal an klassische Western erinnert, und in dem einmal mehr die überragende Margaret Qualley zu sehen ist. Sie spielt eine einsame Ermittlerin, die in einem US-Provinzkaff eine Mordserie aufklären soll. Nach einem Drehbuch, das Ethan Coen wieder gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Tricia Cooke schrieb, ist ein greller, schräger Provinz-Thriller entstanden – nicht immer ganz logisch, aber sehr unterhaltsam und garniert mit einer hübschen Ironie, die wie der Abgesang auf den amerikanischen Traum über dem Film liegt.

 

Über den Film

Originaltitel

Honey Don’t!

Deutscher Titel

Honey Don’t!

Produktionsland

USA, UK

Filmdauer

89 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Coen, Ethan

Verleih

Universal Pictures International Germany GmbH

Starttermin

11.09.2025

 

B-Movies waren ursprünglich preiswert und schnell produzierte Genrefilme mit eher unbekannten Darstellern, die zu Versuchslabors fürs Kino wurden und oft als Sprungbrett für junge Filmschaffende dienten. Wenn heutzutage Ethan Coen behauptet, er würde B-Movies drehen, und gleich eine ganze Trilogie davon, dann ist das eigentlich ein Etikettenschwindel: Denn seine sogenannten B-Movies sind hochgradig artifizielle Filme, da ist nichts billig oder improvisiert oder mal eben huschhusch gedreht. Hier erinnert vor allem der Stil – ein knalliger Genremix – an die kultigen Vorgänger.

Das gilt auch für den 2. Teil der B-Movie-Trilogie nach „Drive Away Dolls“ von Ethan Coen, wieder mit Margaret Qualley („The Substance“) und diesmal als Honey O’Donahue, eine ebenso taffe wie elegante Privatdetektivin, die aus ihrer Vorliebe für Frauen kein Geheimnis macht, auch wenn der B-Movie-typische dämliche Sheriff gar nicht begreifen kann, dass er keine Chance bei Honey hat. Die ist normalerweise mit irgendwelchen Nachforschungen zu Ehe- und Partnerschaftsproblemen beschäftigt. Ein Todesfall, der ein Mord sein könnte, gehört eigentlich nicht in ihr Konzept, aber Honey würde, ebenso wie ihre männlichen Vorbilder, niemals einen Auftrag ablehnen, mit dem sie etwas Geld verdienen könnte.

Bei ihren Recherchen stößt sie schnell auf Wiedersprüche, irgendwie scheint niemand so recht an der Aufklärung interessiert zu sein, und Honey bekommt keinen Zugang zu den Beweismitteln, so dass sie sich, eigentlich zunächst aus Ermittlungsgründen, an die Polizistin MG ranmacht, die in der Asservatenkammer gelandet ist und dort ein ödes Leben fristet. Schon das erste Treffen an der Bar wird zur Sexnummer, wenn beide Frauen ganz nonchalant und unauffällig unter dem Rock der anderen landen. Doch der heiße Sex, der sich durch den Film zieht, bleibt weitestgehend angedeutet, und das gilt nicht nur für die lesbischen Bettszenen, sondern auch für die Orgien, die der angesagte Bösewicht des Films, Reverend Drew (Chris Evans) mit willfährigen Partnerinnen feiert – er führt eine Sekte an, die im „Four-Way-Temple“ äußerlich den religiösen (Heiligen)Schein wahrt, aber tatsächlich eine Tarnung für Drogenhandel und Schlimmeres darstellt. So wie es sich für B-Movies gehört, gibt es jede Menge Nebenhandlungen, Verdächtige, falsche Spuren und „red herrings“, und zusätzlich werden in der nicht immer ganz kohärenten Handlung auch einige unerwartete Twists geboten sowie ein halbwegs überraschender Schluss, der die bis zur Absurdität verdichtete Atmosphäre des Mittleren Westens noch einmal aufnimmt. Eigentlich könnte der Thriller „Honey don’t!“, der mit seinen grellen Farben und einem ausgefuchsten Setting auch in den 60er Jahren spielen könnte, genauso gut ein klassischer Western sein – mit der lässig coolen Margaret Qualley, die so schön mit ihren sexy Absätzen klackert, als Lonesome Rider.

Anders als bei den Sexszenen werden in „Honey don’t!“, ebenfalls ein Markenzeichen der Coens, solange die beiden Brüder noch gemeinsame Filme drehten, die Gewaltpassagen sehr ausufernd und bis zur Unglaubwürdigkeit überzogen dargestellt. Das ist inzwischen so bekannt, dass es kaum überraschend wirkt, aber dennoch nicht jedermanns Sache. Die Gewalt wirkt durchaus manchmal beinahe komisch – so wenn ein kochendheißer Teekessel als Waffe benutzt wird. Aber das Thema wird teilweise doch sehr strapaziert, es gibt zwar keine echten Gewaltorgien, doch eine sehr lange, ausführliche Szene auf einem Parkplatz, in der ein Mann mehrfach überfahren wird, ist schon dicht dran. Tatsächlich ist aber die Gewalt hier ein wichtiges Stilmittel, um den ironischen und teilweise satirischen Charakter des Films zu betonen. Auch Honey selbst schreckt nicht vor Gewalt zurück – sie ist ein Kind ihrer Zeit und lebt in einem Land, in dem Waffen, Brutalität und Gewalt offenbar Bestandteil des Kulturguts geworden sind. Nicht mehr wegzudenken aus dem Leben der Menschen, die in dieser gottverlassenen, verarmten Region kaum noch etwas haben, wofür es sich zu leben lohnt. Auch das zeigt der Film in kaum verhüllter Sozialkritik.

Dass dabei die Handlung nicht immer einer klaren Logik folgt, war auch schon in „Drive Away Dolls“ zu bemerken und wird nunmehr vielleicht ebenfalls zum Markenzeichen. Zu einem B-Movie gehörte eben auch, dass zugunsten einer knalligen Wendung oder eines unerwarteten Gags auf Erklärungen verzichtet wurde oder das eine oder andere Auge zugekniffen wurde. Die Frage, die sich hier stellt, lautet eher, ob das Konzept eines imitierten B-Movies noch immer so sinnvoll ist. Sie kann hier mit einem deutlichen Ja beantwortet werden. Das liegt zum einen an der Selbstverständlichkeit und – ja, auch – Frechheit, wie hier ein Film mit queeren Figuren präsentiert wird. Aber vor allem liegt das an der Tatsache, dass auch „Honey don’t“ extrem unterhaltsam ist. Da freut man sich schon auf den dritten Teil der Trilogie!

 

Gaby Sikorski

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