Howl

Rob Epsteins und Jeffrey Friedmans gelungener Doku-Spielfilm „Howl“ kreist um das legendäre gleichnamige Gedicht von Allen Ginsberg. In der repressiven McCarty-Ära löste der amerikanische Poet der Beat-Generation mit dieser radikalen Lyrik einen Skandal aus. Gerichtsdrama, Zeitporträt, Gedichtinterpretation, Biopic und eine scharfsinnige Reflexion über die Freiheit der Kunst – der cineastische Genremix der beiden amerikanischen Dokumentarfilmer bezieht seinen Reiz genau aus dieser Kombination.

Webseite: www.pandorafilm.de

USA 2010
Regie und Buch: Rob Epstein, Jeffrey Friedman
Darsteller: James Franco, Jon Hamm, David Strathairn, Mary-Louise Parker, Jeff Daniels, Alexandro Nivola, David Strathairn
Länge: 90 Minuten
Verleih: Pandora Filmverleih
Kinostart: 6.1.2011

 

PRESSESTIMMEN:

Der Versuch einer Verfilmung des legendären Gedichts von Allen Ginsberg über das sexuelle Erwachen einer Generation – mit animierten Sequenzen, klassischen Biografie-Szenen und ein bißchen Gerichtssaal-Drama.
Energisches Kino… mitreißend.
KulturSPIEGEL

Mal was anderes: Eine als Film verkleidete Gedichtanalyse. …James Franco glänzt als rebellisches Dichtergenie Ginsberg.
STERN

FILMKRITIK:

„Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahnsinn zerstört, verhungernd hysterisch nackt.“ So beginnt das berühmteste Poem „Howl“ des amerikanischen Beatnik- und genialen Protestdichters Allen Ginsberg. Als den jungen, sprachwilden, aber persönlich scheuen und dennoch hymnisch die Homosexualität und den Rausch besingenden Allen in New York noch keiner zu drucken wagt, veröffentlicht Lawrence Ferlinghetti in seinem legendären Verlag City Light Books Mitte der 50er Jahre in San Francisco „Das Geheul“, so der deutsche Titel. Das Gedicht über eine Generation, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Freiheit und ihren Frieden in und mit der Welt verzweifelt sucht, löst einen Skandal aus.

Aufgrund obszöner Inhalte beschlagnahmt die Polizei mehrere hundert Exemplare. Verleger Lawrence Ferlinghetti wird verhaftet. In dem darauffolgenden spektakulären Prozess spricht das Gericht ihn jedoch frei und würdigt das Gedicht als herausragendes literarisches Werk. Um diese tatsächlichen Ereignisse rankt sich das engagierte Dokudrama. Ein Bio-Pic über Allen Ginsberg, diesen Popstars der Poesie, von dem der Reim „Flower Power“ stammt, war eigentlich schon längst überfällig. Schließlich brandet das Interesse an den Köpfen der Beat-Generation Jack Kerouc oder William S. Borroughs immer wieder auf.

Zahlreiche Erzählebenen verweben Rob Epstein und Jeffrey Friedmans dabei geschickt zu einem pulsierenden Organismus. Den beiden amerikanischen Dokumentarfilmern gelingt mit ihrer ambitionierten, fiktionalisierten Dokumentation des Gedichts, seiner Entstehung und Rezeption fast selbst die hymnische Verteidigung dieser radikalen Lyrik. Flimmernde körnig flackernden Schwarzweißbilder, unterlegt von Jazzrhythmen, zeigen Ginsbergs Ur-Lesung in einem verrauchten kleinen Keller-Club. Der junge Dichter, hervorragend gespielt von „Milk“ –Darsteller James Franco, mit der Kraft und Verletzlichkeit der geschlagenen Jugend jener Tage, beschwört eindrucksvoll den Zeitgeist. Dazwischen die nachgespielte Gerichtsverhandlung, in der Ginsbergs Verleger Ferlinghetti sich gegen den Vorwurf der Obszönität verteidigen muss.

Unter Vorsitz des konservativen Richters Clayton Horn (Bob Balaban) liefern sich Staatsanwalt Ralph McIntosh (David Strathairn) und der Rechtsanwalt Jake Ehrlich (Jon Hamm), damals ein prominenter Jurist der Bürgerrechtsbewegung, heftige Rededuelle. Ebenfalls in Farbe dagegen geschnitten ein nachgespieltes Radiointerview, das die Ikone der Subkultur in der Zeit des Prozesses über sich, seine Poesie und „Howl“ im besonderen gab. Der Fragesteller gerät als Person jedoch nicht ins Bild. Nur das alte Uher-Tonband läuft, und statt zu rezitieren, spricht der Dichter: über sein assoziative Schreiben, über den Zusammenhang zwischen Leben, Erfahrung, Gefühl, Rausch und dem Strom frei fließender poetischer Rede.

Sprunghaft überlagert wird das Ganze von kurzem dokumentarischen Material, gespielten Lebensabschnitten samt von den Versen inspirierten Zeichentricksequenzen: psychedelische Bilder eines Rausches zu wilden Free-Jazzklängen. Als „Beat Fantasie“ visualisierte sie Comiczeichner Eric Drooker eigens für diesen cineastischen Genremix. Drooker arbeitete früher selbst mit Ginsberg zusammen. Obwohl die Animationen ästhetisch stimmig eingebettet sind, wirkt ihre triviale Eindeutigkeit mitunter irritierend. Sie sind der einzige Schwachpunkt dieses ansonsten fesselnden und mutigen Filmprojekts. Denn die findigen Macher haben ihr Material nicht bloß als plakative Collage arrangiert, sondern zu einem dramatischen Bogen komponiert.

Furioser Höhepunkt das Finale des aufrührerischen Gedichts. In ihm wird die Welt und alles, was sie umfasst, heiliggesprochen. Die befreiende Botschaft dahinter: Alles und alle sind einzigartig, deshalb sollte jeder respektiert werden. Denn letztendlich ist jeder wichtig und zählt im Universum. „Es geht um eine alltägliche Aufmerksamkeit und darum, sich im Zusammenhang mit dem Universum zu fühlen und das jeden Moment“, erläutert Rob Epstein. „Das war für Ginsberg auch die Voraussetzung des Schreibens.“ All dies passt bestens zum Lebensgefühl der Beatniks auf der Suche nach einer neuen Vision, sowohl gesellschaftlich als auch literarisch, ohne deren Wirken Protestkulturen wie die Hippies und selbst No-Future-Punks späterer Dekaden schlichtweg nicht denkbar gewesen wären. Vom revolutionären Ton eines Allen Ginsberg freilich lernten sie alle, ob Bob Dylan oder Lou Reed und der ganze Velvet Underground.

Luitgard Koch

Alan Ginsberg gilt noch heute als Protagonist einer vor Jahrzehnten blühenden Anti-Kultur. Er verließ in seiner Dichtung die bis dahin geltenden Grenzen, er durchbrach die Tabus, er holte das Gute und das Schlechte, es in die Welt schreiend, aus sich heraus, er war ein Avantgardist, ein Rebell, einer, der in seinen Texten vor nichts aber auch gar nichts halt machte.

Er wurde daher Mitte der 50er Jahre in San Francisco angeklagt, in einem seiner großen Gedichte Obszönitäten verbreitet zu haben. Der Film stellt den Prozess nach, aber nicht nur das. Er rezitiert auch das Gedicht „Howl“, er führt mit Ginsberg ein imaginäres Interview und begleitet alles mit ausgesuchten Animations-Phantasien, die etwas von dem zumindest damals herrschenden Geist des Dichters wiedergeben sollen.

Realistisch-verständlich ist in der umstrittenen Schrift Ginsberg beileibe nicht alles. Oft sind es explosionsartige Ausbrüche, wildes, alle möglichen Themen umfassendes „Geheul“ (Originaltitel des Gedichts und auch des Films).

Der Staatsanwalt – mit den ihn unterstützenden Zeugen – gibt in dem Verfahren zu, nicht alles zu begreifen, aber er reitet auf der Obszönität herum, im damaligen Amerika eine durchaus Erfolg versprechende Methode. Die Verteidigung führt die künstlerische Freiheit, die kulturelle Bedeutung, das Fortschrittliche und die Verdienste des Dichters an.

Jetzt muss der Richter entscheiden. Und er verkündet ein auf jeden Fall erstaunliches Urteil.

Eine für die Mitte des vergangenen Jahrhundert eminent wichtige Problematik, in die Zukunft deutend in Angriff genommen. Sie besteht aber auch heute noch. Ausdrucksfreiheit und gesetzlicher Rahmen, Tradition und Avantgarde, auch vermeintlich Avantgarde, sie befinden sich in unserer Zeit noch im Gegensatz zueinander.

Deshalb ist „Howl“ auf jeden Fall interessant.

Die Handlungsteile Gedicht, Rezitation, Interview mit Alan Ginsberg, Animationsbegleitung und Gerichtsverfahren, sie sind sinnvoll miteinander verknüpft. Man folgt dem Geschehen und den vielfältigen Argumenten mit Spannung.

Thomas Engel