Hugo Cabret

Regie-Genie Martin Scorsese steigt vom Gewaltopus-Olymp und präsentiert – einen Kinderfilm! Ein famoses Fantasy-Spektakel in 3-D, nicht unbedingt tauglich für Kids mit gängigem „Chipmunks“-Geschmack, als Märchen für Erwachsene aber allemal ein Meisterwerk. Was beginnt wie eine harmlos herzensgute Charles Dickens-Geschichte um einen Waisenjungen in einem Pariser Bahnhof der 30er Jahre, entpuppt sich zusehends als virtuose Verneigung vor den Stummfilm-Pionieren, als leidenschaftliche Liebeserklärung an die Magie des Kinos sowie als opulente Ode an die Fantasie. Für Filmliebhaber Pflichtprogramm und Kür zugleich. Ein Oscar-Regen dürfte dem 69jährigen Maestro für seinen modernen Klassiker gewiss sicher sein. Es wäre die perfekte Eröffnung der Berlinale gewesen – was wegen dem zeitgleichen Kinostart scheiterte. 

Webseite: www.hugocabret.de

Originaltitel: Hugo
USA 2011
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: John Logan nach dem Buch „Die Entdeckung des Hugo Cabret” von Brian Selznick
Darsteller: Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Sacha Baron Cohen, Ben Kingsley, Jude Law, Ray Winstone, Christopher Lee, Helen McCory, Frances de la Tour
Filmlänge: 126 Minuten
Verleih: Paramount
Kinostart: 9.2.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Nach dem gleichnamigen Buch des preisgekrönten Illustrators Brian Selznick erzählt Scorsese die Geschichte des 12-jährigen Waisenjungen Hugo (Asa Butterfield), der in den dreißiger Jahren in den labyrinthischen Gemäuern eines gigantisch großen Pariser Bahnhofs lebt. Nach dem Tod seines Vaters, einem genialen Tüftler, wächst Hugo bei seinem Onkel auf, dem Wartungsmann der Bahnhofsuhren. Als auch der Onkel stirbt, kümmert sich der kleine Held heimlich und allein weiter um die Uhren. Nebenbei repariert er in mühevoller Kleinarbeit den Automatenmenschen, den sein Vater hinterließ. Die Ersatzteile stibitzt er regelmäßig aus dem Spielwarenladen eines gewissen Georges Méliès (Ben Kingsley). Als der mürrische Alte den Jungen erwischt, will er ihn dem gestrengen Inspektor (Sacha Baron Cohen) übergeben. Doch Hugos Notizbuch voll mechanischer Skizzen ändert schnell seine Meinung. Méliès konfisziert das Heft und droht, es zu verbrennen. Mit Hilfe von dessen neugieriger Enkelin Isabelle (Chloë Grace Moretz) hofft Hugo, die Zeichnungen retten zu können – und gerät in ein ungeahntes Abenteuer. Mit vereinten Kräften wird der Automatenmensch zum Leben erweckt, der sogleich eine gespeicherte Zeichnung zu Papier bringt: Die Rakete im Auge des Mondes – das berühmte Motiv von „Die Reise zum Mond“ des Georges Méliès.

Gemeinsam mit seinen beiden jungen Helden taucht Scorsese in der zweiten Hälfte seines Abenteuers immer tiefer ein in die Geschichte des (Stumm-)Films. In raffinierten Rückblenden lässt er den jungen Zauberkünstler Méliès auf dem Jahrmarkt begeistert eine Vorführung der Brüder Lumière erleben. Mehr noch: Man wird Augenzeuge der Dreharbeiten von der „Reise zum Mond“, erlebt eine handkolorierte Fassung des Klassikers und erfährt vom kriegsbedingten Niedergang des legendären „Star Film“-Studios von Méliès, an dessen traurigem Ende fast sein gesamtes Filmmaterial zu Plastikabsätzen für Damenschuhe eingeschmolzen wird. „Mein Leben hat mich etwas gelehrt: Happy Ends gibt es nur im Kino“ wird der Kino-Pionier später traurig sagen. Doch da täuscht er sich. Dank Hugo wird er von der französischen Akademie geehrt – und natürlich auf unnachahmliche Weise von Scorsese.

„Kommt und träumt mit mir!“ lässt er seinen Helden einmal sagen und macht sich das zum eigenen Motto. Gleich zum Auftakt gibt es einen grandiosen Schwenk über die Dächer von Paris hinein in diesen pompösen Bahnhof (von Dante Ferretti im Londoner Studio grandios erbaut) bis zur großen Uhr, hinter deren Ziffer 4 der kleine Junge hockt. Die fliegende Kamera begleitet den Knirps scheinbar schwerelos, wenn der durch die Gänge des Gebäudes rennt, sich durch die Massen der Reisenden zwängt oder zwischen den riesigen Zahnrädern der Uhrwerke balanciert. Inmitten dieser opulent dreidimensionalen Bilderbuchwelten, an denen ein Tim Burton seine Freude hätte, sorgt ein fideles Figurenkabinett für Vergnügen. Der sonst auf Rüpel-Rollen abonnierte Comedian Sacha Baron Cohen gibt als tölpelhafter Inspektor den bösen Kinderfänger im schrägen Slapstik-Stil. Blutsauger-Ikone Christopher Lee stillt als bezaubernder Buchverleiher den Wissensdurst der Kinder. Selbst der sonst gerne eine Spur zu selbstgefällig agierende Ben Kingsley bleibt diesmal angenehm zurückhaltend als verbitterter Kino-Pionier Méliès, dem die Kids zu neuem Stolz verhelfen.

Bei seiner Hommage an die frühen Magier der Leinwand ist das Herzblut von Scorsese in jeder Szene spürbar. Die Original-Ausschnitte reichen von der „Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“, dem legendären ersten Werk der Lumière-Brüder, über den an der riesigen Uhr zappelnden Harold Lloyd aus „Safety Last“ bis zur nachkolorierten, märchenhaften „Reise zum Mond“ des vergessenen Genies Georges Méliès, der fast 500 Filme fabrizierte. Frei nach dem „Taxi Driver“ heißt es bei Scorsese diesmal: „You dreamin’ with me?“.

Dieter Oßwald

Hugo Cabret ist ein technisch sehr begabter Junge, der von seinem Vater, einem Uhrmacher und Automatenbauer, eine Menge gelernt hat. Als sein Vater durch Unfall plötzlich stirbt, ist Hugo quasi sein Nachfolger und hält sich für zuständig für die großen Uhren in einem Pariser Bahnhof der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in dem er den größten Teil seiner Zeit verbringt. Zwei Dinge hat er geerbt, die ihm am Herzen liegen: ein Notizbuch und einen defekten menschenähnlichen Automaten.

Der Bahnhof ist so etwas wie sein Zuhause geworden. Aber mit der Versorgung hapert es. Deshalb versucht er ab und zu etwas zu stibitzen, vor allem um den Automaten betreiben zu können. Das bringt ihn in Schwierigkeiten mit dem Bahnhofsvorsteher und mit dem ein kleines Geschäft betreibenden Paten der etwa gleichaltrigen Isabella, die seine Freundin wird.

An Handlung ist nicht allzu viel auszumachen, dafür umso mehr wie oft bei Scorsese wieder an filmischer Neuerung und Bedeutung (die Welt als große Maschine), an Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg oder an Kinogeschichte und Nostalgie, dazu vor allem an Bewunderung für den Kinopionier Georges Méliès, den „ersten Magier des Kinos“, wie er zu Recht oft genannt wird.

Der Regisseur arbeitet dieses Mal mit 3 D und veranstaltet damit eine technische Spielerei, die fasziniert und beeindruckt. Die imposanten Uhrenwerke, das nächtliche Paris, die zahlreichen Kameraperspektiven, der quirlige Betrieb in der Bahnhofshalle, das gute Spiel der beiden Kinder, die Faxen des Sacha Baron Cohen (Bahnhofsvorsteher) und die ikonenhafte Darstellung des Isabella-Ziehvaters und –Paten Ben Kingsley – das animiert den Betrachter schon sehr.

Unübersehbar in erster Linie die Bewunderung und Verehrung, die Scorsese, längst selbst zur Ikone geworden, dem bahnbrechenden Filmpionier Georges Méliès zollt. Kein anderer als Ben Kingsley stellt sich schließlich als dieser heraus. Eine schöne Idee.

Eigentlich eher ein Familien- und Kinderfilm – aber filmisch- technisch teilweise derart verblüffend, dass man sich das nicht entgehen lassen sollte. Natürlich gab es dafür auch bereits einen Golden Globe.

Thomas Engel