Humpday

Zwei alte College-Freunde beschließen während einer durchfeierten Nacht, gemeinsam einen Porno zu drehen. Dass ist das absurde, potentiell interessante Konzept, um das Lynn Shelton ihren Film baut. In seinem besten Momenten ist "Humpday" zwar einen aufschlussreichen Einblick in die männliche Sexualität und die Grenzen liberalen Denkens, oft aber bleibt das High End-Konzept genau das: Ein artifizielles Konzept ohne wirkliches Leben.

Webseite: www.fugu-films.de

USA 2009
Regie: Lynn Shelton
Drehbuch: Lynn Shelton
Darsteller: Mark Duplass, Alycia Delmore, Joshua Leonard, Lynn Shelton, Trina Willard, Stellan Matheison, Steven Schardt
Verleih: Fugu Filmverleih
Kinostart: 23. September 2010
95 Minuten
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Im weitesten Sinne kann man „Humpday“ als weiteren "mumblecore" Film bezeichnen, eine kleine Stilrichtung des amerikanischen Independent-Kinos, die in erster Linie auf Festivals von Sundance bis zum Forum der Berlinale reüssiert. Es sind Filme in denen fast ohne Pause geredet wird, meist über vorgeblich banale Dinge, eingefangen von einer Pseudo-dokumentarischen Kamera, die versucht einen naturalistischen Blick auf das „echte“ Leben zu suggerieren. Die Ergebnisse sind oft sehr schön, leben von einer beiläufigen Authentizität, etwa Andrew Bujalskis „Beeswax“ oder Bradley Rust Grays „The Exploding Girl“, um nur zwei Titel zu erwähnen, die einen – wenn auch sehr kleinen – Start in deutschen Kinos erlebten. Lynn Shelton zählt zum weiteren Kreis der mumblecore-Schule, versucht nun aber in ihrem dritten Film, den Focus mit einem eher an überdrehte Hollywood-Teenie-Komödien erinnernden Konzept zu erweitern.

Schon die erste Szene ist ein Muster an verkrampfter Normalität: Ben und Anna liegen im Bett, man laviert herum, schließlich entscheiden beide, zu müde für Sex zu sein und beschließen mit betonten „Ich liebe dich – ich dich auch“ den Abend. Mit diesen formelhaften Liebesbelegen wird fortan jedes Telefonat des Ehepaares enden, dessen Beziehung nicht gar so innig ist, wie sie es sich einbilden. Als Katalysator der schwelenden Konflikte steht um zwei Uhr Morgens Andrew vor der Tür. Der alte Studienfreund Bens hat einen anderen Weg eingeschlagen, ein vordergründig freieres, aufregenderes Leben, voller Reisen, Abenteuer, wechselnder Affären. Trotz der betonten Männlichkeitsrituale, der Versicherung, das Leben des jeweils anderen zu respektieren, schleicht sich bald eine gewisse Verunsicherung in Ben ein. Andrew erinnert ihn an das, was er einmal war, wie er einst gelebt hat, was er für sein heiles Leben mit Beruf, Frau und bald auch einem Kind, aufgegeben hat. Und so geht er auf Andrews Idee ein, für ein bald stattfindendes lokales Porno-Filmfest einen Beitrag zu drehen. Das scheinbar aufregende Konzept: Zwei Hetero-Männer haben Sex miteinander. Fortan ist dieser geplante Porno das einzige Thema des Films, beschreibt Shelton in aller Ausführlichkeit den Morgen danach, wenn Ben und Andrew sich an diese offensichtliche Schnapsidee erinnern, aber beide zu stolz sind, um einen Rückzieher zu machen.

Wohin dieses Spiel um verkrampfte männliche sexuelle Identität, die Grenzen einer Männerfreundschaft aber nun führen soll, dass scheint auch die Regisseurin selbst nicht zu wissen. Auch als Ben und Andrew schließlich am geplanten Ort des Aktes zusammenfinden und weiter endlos über Sinn und Unsinn ihres Projektes debattieren, weiß der Film wenig mit der ungewöhnlichen Konstellation anzufangen, findet keinen befriedigenden Ausweg aus dem Konzept, in das er sich hineinbegeben hat. Zunehmend schleichen sich dann auch forcierte Dialoge ein, die weniger mit der angestrebten Authentizität zu tun haben, als mit den Notwendigkeiten des narrativen Konstrukts. Eigentlich schade, denn ansatzweise gelingt es Lynn Shelton in „Humpday“ einen aufschlussreichen, vielschichtigen Blick auf die Fallstricke männlicher Sexualität zu werfen. Nur zu einem runden Film reicht es am Ende, wahrscheinlich aber doch eher wegen des extremen Konzeptes, dann doch nicht.

Michael Meyns