Ich reise allein

Es gibt Ereignisse, die können ein Leben von einer auf die andere Sekunde schlagartig verändern. Verkehrsunfälle etwa. Beim Literaturstudenten Jarle Klepp verhält sich die Sache etwas anders. Sein „Unfall“ liegt bereits sieben Jahre und neun Monate zurück und ist, so sich Jarle überhaupt daran erinnert, in der Schublade „Affären nach Partynacht“ abgelegt. Doch nun steht da ein Mädchen vor seiner Tür, die seine Tochter sein soll. Die realitätsnahe norwegische Komödie „Ich reise allein“ verhandelt diese Situation in sowohl philosophischen wie praxistheoretischen Szenarien – weniger zum Amüsement von Jarle, dafür aber des Kinogängers.

Webseite: www.ichreiseallein.de

OT: Jeg reiser alene
Norwegen 2011
Regie: Stian Kristiansen
Mit: Rolf Kristian Larsen, Amina Elonora Bergrem, Pal Sverre Hagen, Ingrid Bolso Berdal, Gustaf Hammarsten
94 Minuten
Verleih: Neue Visionen Filmverleih GmbH
Kinostart: 29.12.2011

PRESSESTIMMEN:

Ein origineller Film mit viel Herz.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Schon als Teenager ist Jarle Klepp (Rolf Kristian Larsen) ein Partyhengst. Als er eines Morgens mit verkatertem Schädel neben der hübschen Annette aufwacht, erschrickt er erst einmal und weiß schon nicht mal mehr, ob er beim sehr wahrscheinlich stattgefundenen One-Night-Stand ein Kondom benutzt hat. Mehr als sieben Jahre später – der Schauplatz hat nun von Stavanger ins idyllische Studentenstädtchen Bergen gewechselt, die Fülle an Bierflaschen legt nahe, dass es an Feierlaune nach wie vor nicht mangelt – flattert Jarle ein Brief in die unaufgeräumte Studentenbude. In ihm konfrontiert ihn jene Annette von einst damit, dass offenbar wohl nicht richtig verhütet wurde und er der Vater eines sechsjährigen Mädchens sei. Doch es kommt noch dicker: Charlotte Isabel (Amina Elonora Bergrem), so ihr Name, befindet sich bereits für einen einwöchigen Kurzurlaub auf dem Weg zu ihm.

Die Nachricht inklusive dem plötzlichen Auftauchen seiner Tochter erschüttern Jarle in seinen Grundfesten. Er, der freiheitsliebende Jungakademiker, gewohnt daran, den eigenen Launen zu folgen und Verantwortung und Ordnung weit von sich zu schieben, ist nun mit einer Gegenwart konfrontiert, bei der ihm auch sein Lieblingsschriftsteller Marcel Proust nicht mehr weiterhilft. Der Filmtitel „Ich reise allein“ nimmt nämlich nicht nur einfach auf jenes Schild um Charlotte Isabels Hals bei ihrer Ankunft Bezug, sondern eben auch auf Prousts subjektive Wahrheitsvorstellung, der zufolge erstens kein Mensch die Wirklichkeit oder Wahrheit als solche vollständig zu erkennen vermag, andererseits aber auch jeder Mensch seinen eigenen Kosmos abbilden, also subjektiv allein durch seine einzigartige Welt reisen würde. Erschwerend für den literaturtheoretisch geschulten Jarle kommt hinzu, dass seine aktuelle Freundin (Ingrid Bolso Berdal) eine Affäre mit seinem Professor hat.

Man kann verstehen, wie schwer es Jarle fällt, einen Kontakt zu seiner Tochter aufzubauen. Mehr noch, als die sich für so weltfremde Dinge wie Tamagotchis interessiert und in ihrem Gefühl, selbst eine kleine Prinzessin zu sein, unbedingt der Fernsehübertragung von Prinzessin Dianas Begräbniszeremonie folgen will. Auch wenn wenig Zeit für eine Annäherung da ist, statt findet sie trotzdem – und das ist auch gut so.

Dem norwegischen Regisseur Stian Kristiansen und seinem Drehbuchautor Tore Renberg gelingt es, das Szenario ihres Films mit einer Vielzahl passender allegorischer und popkultureller Anspielungen und Referenzen zu füttern. Die Musik der 90er Jahre – darunter die Pixies, Pulp sowie die schwedischen Bob Hund – sorgt für Drive und bringt das Lebensgefühl jener Tage gut auf den Punkt. Die Gedankenwelt von Proust sowie des russischen Philosophen Mikhail Bachtin wiederum steht als theoretisches Gebilde dem wahren und nicht immer vorhersehbaren Leben gegenüber. Für jene, die die neue Situation als Bereicherung oder Chance für ihr eigenes Leben annehmen – Jarles Mutter etwa freut sich darüber, Großmutter sein zu dürfen – ist das prima. Für Jarle freilich ist die Situation schwieriger, fühlt er doch seine bisherigen Ideale verraten. „Ich reise allein“ zeigt das Verhalten der Figuren in diesem auch die Nachbarschaft, Freunde und die überraschend auftauchende Annette einbeziehenden Familienpuzzles aber plausibel und realitätsnah auf, manchmal vielleicht mit ein bisschen zu viel Alkohol. Dass Jarle sich in seiner Situation wie ein Gefangener fühlt, äußert er (bewusst oder unbewusst) in jener Szene beim abschließenden Kindergeburtstag, in der er in en Sträflingskostüm schlüpft. Hier schließt sich der Kreis dann wieder zum Beginn dieses manchmal schrägen, aber voller Lebensfreude steckenden Films.

Thomas Volkmann

Der 24jährige Norweger Jarle Klepp ist Literaturstudent und beschäftigt sich vor allem mit dem französischen Literaten Marcel Proust („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“). Genau soviel, wie er studiert, hängt er mit Kumpels herum und geht so oft wie möglich auf Partys.

Deshalb ist die Verwirrung groß, als er eines Tages einen Brief erhält, wonach er aus einem One-Night-Stand vor sieben Jahren eine kleine Tochter hat. Die Mutter der Kleinen, Anette Hansen, will angeblich ein Paar Tage Urlaub machen, und so soll der frisch gebackene Vater auf Charlotte Isabel oder Lotte, so der Name der Kleinen, aufpassen. Das Mädchen wird in Kürze eintreffen. Außerdem hat Charlotte Isabel Geburtstag, der gebührend gefeiert werden muss. Jarle ist baff.

Mit seiner Freundin, der Studentin Herdis, hat er gerade erhebliche Schwierigkeiten. Zwischen Lotte und Herdis allerdings klappt es viel besser, und es wird einiges unternommen. Ebenso gut ist das Verhältnis zwischen Jarles liebevoller Mutter Sarah und dem Kind.

Zwischen Aufregung, Ablehnung des von ihm Verlangten, Besäufnis, Flucht in die Disco, Arbeiten, Zuwendung an die Kleine und langsamer Wandlung zur Vernunft schwankt nun Jarles Leben. Das dauert einige Zeit, zumal Herdis’ Rückkehr zu ihm (nach einem sexuellen Intermezzo mit dem Literaturprofessor der beiden) sowie die Ankunft von Lottes Mutter Anette Hansen die Situation nicht gerade einfacher gestaltet.

Jarle verliebt sich jetzt in Anette – den Rest kann man sich ausmalen.

Der Film kommt nur langsam in die Gänge, ist aber dann doch so etwas wie ein Beweis dafür, dass Kinder sich instinktiv meist klüger und gradliniger verhalten als viele Erwachsene, die sich immer wieder Umwege, Leerlauf, Unvernunft oder gar Dummheit leisten.

Immerhin kommen alle am Ende mehr oder weniger der Vernunft ein wenig näher. Jarle Klepp war wie sein Studienobjekt sozusagen „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Allegorie springt ins Auge. In einem gewissen Maße gilt dies auch für die anderen Beteiligten.

Formal ist „Ich reise allein“ (Norwegen) guter Durchschnitt. Auffällig ist wieder einmal das gute Spiel der Mitwirkenden. Den Vogel schießt dabei die kleine Amina Eleonora Bergrem als Charlotte Isabel Hansen mit ihrer Fische und Unbekümmertheit ab.

Thomas Engel