Ich sehe den Mann deiner Träume

Woody will’s wieder wissen. Pünktlich zum 75ten Geburtstag präsentiert der cineastische Neurosenzüchter seinen mittlerweile 41sten Kinostreich. Abermals hat der Altmeister aus New York in Europa gedreht – und wiederum hat sich der Trip an die Themse gelohnt. In seinem mit Antonio Banderas, Anthony Hopkins, Gemma Jones, Freida Pinto u.v.a. prominent besetzten, funkelnden Beziehungskaleidoskop um verunglückte Lieben und Leidenschaften betrügt jeder jeden und nach Liebes- und Leibeskräftgen sich selbst. Marionettenspieler Allen hält die Fäden seiner Figuren samt ihrer Marotten geschickt in der Hand. Reichlich gelungene Situationskomik, geschliffene Dialoge sowie ein gewohnt famoses Ensemble sorgen für köstliches Kinovergnügen: „Ich sehe den Film deiner Träume“…

Webseite: www.mann-deiner-traeume-derfilm.de

OT: You Will Meet a Tall Dark Stranger
USA, Spanien 2010
Regie und Buch: Woody Allen
Darsteller: Antonio Banderas, Josh Brolin, Anthony Hopkins, Gemma Jones, Freida Pinto, Lucy Punch, Naomi Watts
Laufzeit: 98 Minuten
Kinostart: 2.12.2010
Verleih: Concorde

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Alfie (Anthony Hopkins) will’s nochmals wissen. Der rüstige Herr mit schlohweißem Haar und einigem Vermögen verlässt kurzerhand seine Gattin Helena (Gemma Jones), um der drohenden ‚Late Life Crisis’ mit dem blonden Callgirl Charmain (Lucy Punch) zu entkommen. Die verlassene Ehefrau sucht verzweifelt Trost bei einer geschäftstüchtigen Wahrsagerin. Tochter Sally (Naomi Watts) findet die Hellseherei zwar Humbug, als Seelentrost für Mutti können die teuer erkauften, billigen Ratschläge freilich nicht schaden („Illusion ist besser als Medizin“). Schwiegersohn Roy (Josh Brolin) findet für den (titelgebenden) Esoterik-Trip etwas härtere Worte – die willkommene Rache dafür, dass er von der resoluten Helena ständig als Versager vorgeführt wird. Tatsächlich läuft es für den Schriftsteller nicht gerade rosig, seit Monaten versucht Roy vergeblich, seinen neuen Roman abzuschließen. Nur zu gerne lässt er sich bei seiner ständigen Schreibblockade vom Gitarrenspiel der hübschen Nachbarin Dia („Slumdog Millionär“-Heldin Freida Pinto) ablenken. Ehefrau Sally sucht gleichfalls Alternativen zur kriselnden Ehe und findet sie in den Armen ihres attraktiven Arbeitgebers, dem erfolgreichen Galeristen Greg (Antonio Banderas). Das Beziehungskarussell gerät in Schwung, als Alfie sein Luxus liebendes Blondchen ehelicht, Helena die Prophezeiungen der Hellseherin umsetzt, Sally von ihrem Liebhaber mit ihrer besten Freundin betrogen wird, und Roy die nicht ganz moralisch korrekte Idee für einen sensationellen Roman bekommt.

Hier betrügt jeder jeden und nach Liebes- und Leibeskräften vor allem auch sich selbst – das alles zur Schadenfreude des Publikums. Anthony Hopkins gibt den coolen 70-plus-Dandy im Jugendwahn so umwerfend komisch wie der Nicole Kidman-Ersatz Lucy Punch als grandios naives Sexbömbchen. Naomi Watts hat als romantiksüchtige Ehefrau sichtlich Vergnügen am aussichtslosen Flirt mit dem aalglatten Galeristen Antonio Banderas Und Gemma Jones als trinkfreudige Esoterik-Tante ist ohnehin eine Klasse für sich.

Manche Miesepeter haben in Cannes bemäkelt, Woody würde sich nur wiederholen. Stimmt schon. Aber das tut Allen bekanntlich häufig, und nicht selten fallen die cineastischen Variationen des leidenschaftlichen Jazzmusikers überaus virtuos auf. So auch diesmal. Als absolutes Meisterwerk mag diese Burleske zwar kaum in die Filmgeschichte eingehen, als exzellenter Allen-Jahrgang aber allemal. Mit famoser Leichtigkeit versteht der Altmeister sein Komödien-Soufflé anzurichten. Die Zutaten sind allesamt hochwertig: smarte Story, exzellentes Ensemble, lupenrein geschliffene Dialoge, geschicktes Timing sowie eine flotte Dramaturgie, der nie die Luft ausgeht. Was will man mehr? Eine gelungene Komödien-Sahnetorte, die der Jubilar seinen Fans zum Geburtstag schenkt. Happy Birthday, Woody! Hoch soll er leben!

Dieter Oßwald

Woody Allens Kreativität ist unerschöpflich. Jedes Jahr ein Film, einer erfrischender als der andere.

Es sind wieder alles „Stadtneurotiker“, die hier auftreten: Alfie und seine Frau Helena; Cristal, die Wahrsagerin von Helena; Alfies und Helenas Tochter Sally, die Frau von Roy, einem zerkrachten Schriftsteller; Dia, die schöne Nachbarin, der Roy nachstellt; schließlich Greg, Sallys neuer Arbeitgeber, der von dieser zwar begehrt wird, aber, obwohl verheiratet, längst ein Verhältnis mit ihrer Freundin Iris angefangen hat; weiter Charmaine, der Alfie verfallen ist; und Jonathan, der Esoterik-Buchhändler und neue Schwarm von Helena. Ein paar andere kommen noch dazu.

Alfie heiratet die um eine Generation jüngere appetitliche aber anspruchsvolle Charmaine, die ihn fast in den Ruin treibt. Er will zu Helena zurück. Diese kann ohne Prophezeiungen für sich und andere nicht leben. Roy ist ein Schwerenöter, der glaubt, mit einem gestohlenen Manuskript reüssieren zu können und der nicht begreift, was er für eine tolle Frau hat. Sally blitzt zwar bei Greg ab, ist aber diejenige, die letztlich am besten mit beiden Beinen auf dem Boden stehen wird. Dia verursacht einen Skandal, weil sie für den flatterhaften Roy ihren Verlobten ziehen lässt. Jonathan schätzt zwar Helena, nimmt jedoch in spiritistischen Sitzungen lieber Kontakt mit seiner verstorbenen Frau auf.

Wunderbar, wie Woody Allen unter Zuhilfenahme geistreicher Dialoge, natürlich wie immer von ihm verfasst, diese einzelnen und sehr unterschiedlichen Lebenssituationen wieder gebündelt und zu einem unterhaltsamen Mix gestaltet hat. In Komödienform beobachtet er Menschen, die ständig suchen, kämpfen, resignieren oder reüssieren – wie letzten Endes die meisten Menschen kämpfen müssen.

Für Woody Allen zu arbeiten ist sicherlich für viele Schauspieler ein Vergnügen, und so ist es kein Wunder,
dass er mit einer solchen Darstellerliste aufwartet: Anthony Hopkins (Alfie), Antonio Banderas (Greg), Naomi Watts (Sally), Gemma Jones (Helena), Josh Brolin (Roy), Freida Pinto (Dia, bekannt aus „Slumdog Millionär“) oder Lucy Punch (Charmaine) und andere.

Von Woody Allen wieder ein köstliches Kinovergnügen in Komödienform – mit leichtem Tiefgang.

Thomas Engel