Ich und Earl und das Mädchen

Sensibler Teenie-Außenseiter bewährt sich im Krebsdrama – die Formel ist kaum neu, aber allemal populär, siehe „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Mit vielversprechenden Vorab-Lorbeeren geht die nächste Coming-of-Age-Variante an den Start: Grand Prix der Jury samt Publikumspreis bei Redfords renommiertem Sundance-Festival, viel mehr Kult-Potenzial geht kaum. Tatsächlich überzeugt die berührende Story um einen Schüler, der sich mit einer Leukämie-Kranken anfreundet, durch eine überaus lässige Erzählweise, der die schwierige Balance zwischen Komik und Trauer gekonnt gelingt. Die charmanten Figuren fallen psychologisch plausibel aus, ihre Darsteller agieren angenehm unbekümmert. Die Pointen geraten erfrischend unaufdringlich, derweil die Songs von Brian Eno für einen exquisiten Sahnehäubchen-Soundtrack sorgen.

Webseite: www.ichundearlunddasmädchen.de

USA 2015
Regie: Alfonso Gomez-Rejon
Darsteller: Thomas Mann, Olivia Cooke, RJ Cyler, Connie Britton,
Filmlänge: 104 Minuten
Verleih: Fox
Kinostart: 19. November 2015
 

Pressestimmen/Auszeichnungen:

"Bis zum allerletzten Moment ist ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN berührend, unterhaltsam, schräg und liebevoll zugleich. Ein großartiger Film, über eine Freundschaft, die ein Leben ändern kann. Und eine bezaubernde Geschichte, die man nicht so schnell vergisst. – Prädikat besonders wertvoll."
FBW

FILMKRITIK:

„Fall’ nicht groß auf! Stell dich mit allen gut! Sei unsichtbar!“, so lautet das Motto des sensiblen Greg, um die Highschool möglichst unbeschadet zu überstehen. Mit seiner sozialen Kompetenz ist es nicht besonders weit her. Selbst Earl, seinen besten und einzigen Freund aus Sandkastenzeiten, nennt Greg lieber nur „Mitarbeiter“. Die beiden verbindet eine große, cineastische Leidenschaft, sie drehen Kurzfilm-Parodien auf Kino-Klassiker. 42 Werke hat das Kumpel-Duo bereits fabriziert, darunter illustre Titel wie „A Sockwork Orange”, „Senior Citizen Canes“, „Eyes Wide Butt“ oder „Rosemary Baby Carrots“. Ihre kreativen Späße darf freilich keiner sehen, was insbesondere Gregs Vater ärgert, ist der faule Philosophie-Professor doch ein glühender Fan von Werner Herzog, der den beiden Kids einst „Aguirre, der Zorn Gottes“ in der Originalfassung zeigte. Das geruhsame Teenager-Leben ändert sich grundlegend, als Gregs Mutter darauf besteht, dass ihr Sohn mit der Tochter ihrer besten Freundin Zeit verbringen soll – denn bei Rachel wurde Leukämie festgestellt. Widerwillig begibt sich der 17-Jährige zum Krankenbesuch, nicht minder lustlos reagiert die Patientin auf den Gast. Das abgekartete Spiel ihrer Mütter ist beiden Kinder gleichermaßen peinlich. Doch überraschend schnell bricht das Eis und je mehr Zeit die beiden Außenseiter miteinander verbringen, desto größer wird die Sympathie. Klar, dass daraus eine wunderbare Freundschaft entsteht. „Aber keine heiße Liebe, schließlich ist das kein romantischer Film“, wie der Ich-Erzähler ausdrücklich betont.

Diese direkte Ansprache ans Publikum erweist sich als gelungenes Stilmittel, schafft sie doch Distanz und Nähe gleichermaßen. „Keine Sorge, Rachel wird nicht sterben!“, beruhigt Greg schon nach einer halben Stunde die Zuschauer und wiederholt die emotionale Entwarnung später nochmals als sich der Gesundheitszustand seiner neuen Freundin dramatisch verschlechtert. Die große Herausforderung steht Greg und seinem Kumpel Earl ins Haus, als sie einen Film für Rachel drehen sollen. Zum ersten Mal gibt es Streit unter den Freunden. Aber wer den versehentlichen Drogenrauch gemeinsam besteht, meistert auch kreative Krisen. Schließlich wächst man bekanntlich mit seinen Aufgaben und damit auch das knappe Selbstvertrauen!
 
Nach seinem Debüt „Warte, bis es dunkel ist“ legt der Texaner Alfonso Gomez-Rejon einen überzeugenden Zweitling hin – seine Assistentenzeit bei Martin Scorsese, Nora Ephron und Alejandro González Iñárritu zahlt sich sichtlich aus. Visuell setzt er auf vergnüglich schräge Einstellungen und Schwenks. Was schnell zur affigen Werbefilm-Ästhetik verkommen könnte, bleibt hier stets angenehmes Stilmittel, weil die quirligen Bilder bestens zur Story passen. Ähnlich unaufdringlich erweist sich die entspannte Herangehensweise an die heiklen Themen. Krankheit, Tod und Teenagerängste sind hochgradig kitschgefährdet, doch die schwierige Balance zwischen Komik und Trauer gelingt gekonnt, ganz ohne Larmoyanz und falsches Pathos. Zum einen sind die Figuren psychologisch plausibel gestrickt und damit glaubwürdig. Zum anderen kommen sie bei aller Kauzigkeit als echte Sympathieträger daher: Mit solchen Typen lacht und leidet man gleichermaßen gerne mit, zumal bei stimmig wortwitzigen Dialogen.  
 
Die Chemie zwischen dem titelgebenden Trio stimmt perfekt. Auf den Auftritt des lässigen Hauptdarstellers („Ich habe ein Gesicht wie ein Murmeltier!“) im Remake von „The Stanford Prison Experiment“ darf man gespannt sein. Seinen Namen kann man sich recht einfach merken: Thomas Mann – damit hätte er hierzulande im echten Leben wohl gleichfalls keine ganz so einfache Schulzeit gehabt… 

Dieter Oßwald