Ich verstehe Ihren Unmut

Schwer zu ertragen wirkt Kilian Armando Friedrichs Debütfilm „Ich verstehe ihren Unmut“, der in der Panorama-Sektion der diesjährigen Berlinale gezeigt wurde, und genau deswegen kann man das Drama nur empfehlen. Denn Friedrich wirft einen ungeschönten, harschen, aber immer humanistischen Blick auf das Leben im Niedriglohnsektor, also die Basis der Gesellschaft, an der immer mehr gespart wird, zum Schaden aller, aber besonders der Menschen, die in diesem Bereich arbeiten.

 

Über den Film

Originaltitel

Ich verstehe Ihren Unmut

Deutscher Titel

Ich verstehe Ihren Unmut

Produktionsland

DEU

Filmdauer

93 min

Produktionsjahr

2026

Regisseur

Friedrich, Kilian Armando

Verleih

Real Fiction

Starttermin

04.06.2026

 

Seit ewigen Zeiten arbeitet Heike (Sabine Thalau) in der Gebäudereinigung und hat es inzwischen zur Objektleiterin gebracht. Was etwas mehr Geld, aber viel mehr Verantwortung bedeutet. Rastlos fährt die Endfünfzigerin zwischen den Gebäuden, die sie betreut, hin und her, versucht nebenbei am Telefon Probleme zu lösen und vor Ort dafür zu sorgen, dass die Mitarbeitenden nicht zu lange Pause machen, die jeweiligen Hygieneregeln befolgen und trotz der schlechten Arbeitsbedingungen nicht plötzlich abspringen.
Trifft sie mal auf einen motivierten Mitarbeiter, versucht sie diesen an sich zu binden, denn der Kampf um Angestellte ist groß. Der Versuch, Geld zu sparen, hat zu einer Zerstückelung des Sektors geführt, zu Unternehmen, die ihre Aufträge an Subunternehmen weitergeben, die zwar vielleicht etwas günstiger arbeiten, deren Qualität zu kontrollieren aber eine zusätzliche Belastung darstellt.
Zumal die Ansprüche der Kunden oft weit über das hinaus gehen, was sie zu zahlen gewillt sind. Zwischen Beschwerden von allen Seiten – sowohl den Auftraggebern, als auch den Angestellten – rotiert Heike unermüdlich, versucht ruhig und freundlich zu bleiben, aber das fällt zunehmend schwer.
Ganz genau nimmt sie es mit den Regeln auch nicht immer, versucht Putzmittel abzuzweigen und außerhalb der Firma zu verkaufen, was unweigerlich entdeckt wird. Aber gegen die Vorstellung, eine Gewerkschaft zu gründen, um zumindest etwas bessere Rechte zu erstreiten, sträubt sich Heike dennoch lange, Solidarität der Arbeiterklasse scheint ein Gedanke zu sein, der im Niedriglohnsektor längst vergessen wurde.
Es überrascht nicht, zu erfahren, dass Kilian Armando Friedrichs vor seinem Spielfilmdebüt dokumentarisch gearbeitet, sich dabei oft mit den Arbeitsbedingungen in unterschiedlichen Bereichen beschäftigt hat. Sein erster Spielfilm „Ich verstehe ihren Unmut“ bedient sich nun eines dokumentarischen Duktus, was sich zum einen in der Besetzung zeigt. Nur wenige professionelle Schauspieler finden sich im Ensemble, die meisten Rollen sind mit Laien besetzt, die Variationen ihrer selbst spielen. Vor allem Hauptdarstellerin Sabine Thalau ist hier zu nennen, die tatsächlich in der Gebäudereinigung tätig ist, also um den Kampf weiß, den ihre Figur mit sich und einem System ausficht, in dem es nicht um vernünftige Arbeitsbedingungen geht, sondern um immer weitere Einsparmöglichkeiten und kleinste Gewinnmaximierung.
Ein Ansatz, den auch Doyen des sozialkritischen, humanistischen Kinos wie der Engländer Ken Loach und die belgischen Dardenne-Brüder verfolgen. Besonders die frühen Filme Letzterer haben deutlich den Stil von „Ich verstehe ihren Unmut“ inspiriert, der mit ähnlich mobiler Handkamera gefilmt wurde, die in praktisch jedem Moment an Heike klebt, sie verfolgt, kaum zur Ruhe kommt und einen unwiderstehlichen Sog auslöst.
Denn wie die Figuren der Dardenne-Filme, versucht auch Heike in einer oft unmenschlichen Welt, menschlich zu agieren, versucht gegenüber ihren Kollegen gerecht und fair zu agieren, scheitert aber immer wieder an den eigenen Ansprüchen. Nicht aus eigener Schuld, sondern weil das System so konstruiert ist, dass Mitmenschlichkeit und Humanismus kaum noch Platz haben. Ähnlich wie die großen Vorbilder lässt aber auch Kilian Armando Friedrich sein sehenswertes Debüt mit einem Funken Hoffnung enden, deutet an, dass sich die Dinge doch ändern könnten, wenn es den Arbeitern gelingen würde, ihre Animositäten zu überwinden und zusammenzuarbeiten.

 

Michael Meyns

Mehr lesen

Neuste Filmkritiken

ℹ️ Die Inhalte von programmkino.de sind nur für die persönliche Information bestimmt. Weitergabe und gewerbliche Nutzung sind untersagt. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Filmkritiken dürfen ausschließlich von Mitgliedern der AG Kino-Gilde für ihre Publikationen verwendet werden.