Ich war ein Zeuge

Die kleine Dokumentation erzählt von vier Menschen in Deutschland, die als „Zeugen Jehovas“ aufwuchsen und sich bewusst dazu entschieden haben, aus der Glaubensgemeinschaft auszusteigen. 

Ungewöhnlich ist neben einer reichen Bildsprache hier vor allem das Verhalten des Interviewers Andreas Reiner, der nicht nur die Gespräche führt, sondern auch selbst Stellung bezieht. Dies gibt dem Film eine zusätzliche persönliche und emotionale Note.

 

Über den Film

Originaltitel

Ich war ein Zeuge

Deutscher Titel

Ich war ein Zeuge

Produktionsland

DEU

Filmdauer

84 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Agler, Monika / Moritz, Günter / Reiner, Andreas

Verleih

Der filmverleih GmbH

Starttermin

26.03.2026

 

Im Zentrum stehen vier persönliche Geschichten: Männer und Frauen, die viele Jahre – oft seit Kindheitstagen – Mitglieder der „Zeugen Jehovas“ waren, die von vielen und vermutlich durchaus mit Berechtigung als Sekte angesehen wird. Aus unterschiedlichen Gründen und nach vielen inneren Kämpfen haben diese vier Menschen eines Tages beschlossen, die Gemeinschaft zu verlassen. Doch was wie eine Gewissensentscheidung wirken könnte, die vielleicht mit dem fehlenden Gottesglauben zu tun hat, ist keinesfalls vergleichbar mit dem Austritt aus der Kirche, sondern bei allen vier Aussteigern das Ergebnis einer individuellen Entwicklung. Die bewusste Trennung erweist sich schnell als radikaler Einschnitt – es ist auf jeden Fall ein sehr mutiger Schritt, der nicht spontan erfolgt, sondern der unter Umständen das Ergebnis jahre- oder jahrzehntelanger Überlegungen und vieler vorausgegangener Demütigungen, Qualen und Misshandlungen ist. Aber mit dem Austritt allein sind die Probleme noch lange nicht beendet, denn durch die Abkehr von der Gemeinschaft verlieren die meisten Aussteiger nicht nur ihren spirituellen Halt, sondern auch ihre Familie, den Freundeskreis und ihr gesamtes soziales Umfeld. Der Film macht unter anderem deutlich, wie hoch der Preis ist, den Aussteigerinnen und Aussteiger für ein selbstbestimmtes Leben zahlen müssen. Doch vor allem zeigt er das perfide System, mit dem die „Zeugen Jehovas“ ihre Tradition aufrechterhalten – ein offenbar gut funktionierender Unterdrückungsapparat im Namen Gottes. Darunter leiden am meisten die Schwächsten in der Gemeinschaft, die Kinder. Die beiden Frauen Rebecca und Leonie wurden als Kinder geschlagen, misshandelt und sexuell missbraucht – alles mit Duldung der Gemeinschaft. Alex hingegen musste als schwuler Mann jahrzehntelang damit leben, dass er „umgedreht“ werden sollte. Der vierte Protagonist hingegen, genannt „der Älteste“, gehörte zur Führungsriege. Er möchte unerkannt bleiben und spricht relativ neutral und ohne große Emotionen über die Organisation der Gemeinschaft, die sich dadurch noch mehr nach Sekte anhört, als es ohnehin schon der Fall ist.

Der Film lässt seine vier Protagonisten selbst sprechen, er gibt ihnen Zeit, lässt sie reden – ruhig, konzentriert und ohne sensationelle Zuspitzung, aber im Dialog mit dem Co-Autor Andreas Reiner, an dem die Gespräche nicht spurlos vorbeigehen. Er zeigt Emotionen und gibt sogar gute Ratschläge. Ein ungewöhnliches Verhalten für einen Filmemacher, was manchmal auch ein wenig deplatziert wirkt, aber insgesamt auch die Betroffenheit deutlich macht, mit der die Filmemacher konfrontiert wurden.

Für einen Interviewfilm verfügt „Ich war ein Zeuge“ über eine sehr reiche Bildsprache – die Gespräche finden meistens in der Natur statt, und in der Ruhe der Landschaft findet sich auch der Wunsch der Protagonisten wieder, selbst zur Ruhe zu kommen. Der kleine Film ist weniger eine Abrechnung mit den „Zeugen Jehovas“ als eine Einladung zum Zuhören. Der Film bietet Einblicke in eine abgeschlossene Glaubenswelt und zeigt gleichzeitig, welche Kraft nötig ist, um sich aus ihr zu lösen.

 

Gaby Sikorski

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