Ichi – Die blinde Schwertkämpferin

Der blinde Schwertkämpfer Zatoichi zählt zu den bekanntesten Samurai-Figuren überhaupt. Stets wurde der schweigsame Einzelgänger von Männern verkörpert – zuletzt von Takeshi Kitano. Mit dieser patriarchalischen Tradition bricht Filmemacher Fumihiko Sori in der jüngsten Verfilmung des Zatoichi-Mythos. Viele andere Gesetzmäßigkeiten und Motive des Samurai-Films lässt er dagegen unangetastet. So finden sich auch in „Ichi“ kunstvolle Schwertkämpfe, eine strenge Gut-Böse-Dichotomie und reichlich asiatisches Helden-Pathos.

Webseite: rapideyemovies.de

OT: Ichi
Japan 2008
Regie: Fumihiko Sori
Basierend auf der Geschichte und den Charakteren von Kan Shimozawa
Darsteller: Haruka Ayase, Takao Osawa, Shido Nakamura, Yôsuke Kubozuka
Laufzeit 120 Minuten
Kinostart: 14.5.2009
Verleih: Rapid Eye Movies

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auf den ersten Blick erscheint sie als das genaue Gegenteil einer unerschrockenen, kompromisslosen Kämpferin. Die blinde Ichi (Haruka Ayase) reist als Wandermusikerin von Dort zu Dorf, im Gepäck Schwert und Laute. Letztere beherrscht sie ebenso meisterhaft wie ihre Waffe. An die Einsamkeit während der Wanderschaft hat sie sich inzwischen gewöhnt. Sie redet nicht viel – mit wem auch? – und gibt sich auch ansonsten verschlossen und wortkarg. Einzig dem traumatisierten Samurai Toma (Takao Osawa) gelang es bisher, zu der geheimnisvollen Schwertkämpferin eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Bei einer Rast in dem kleinen Ort Bitu werden die beiden Samurai ohne es zu wollen in einen bereits lange Zeit schwelenden Konflikt hineingezogen. Die Dorfbewohner leben in ständiger Angst vor dem gerissenen Bandenführer Banki (Shido Nakamura), der mit äußerster Brutalität seine Gegner aus dem Weg räumt und der es nun auf Bitus Clan-Chef Shirakawa (Yôsuke Kubozuka) abgesehen hat. Schließlich bekommen auch Ichi und Toma Bankis erbarmungslose Härte zu spüren.  

Die vom japanischen Autor Kan Shimozawa geschaffene Figur des blinden Schwertkämpfers Zatoichi zählt in seiner Heimat zu den populärsten Samurai-Charakteren überhaupt. Dort kennt praktisch jedes Kind die Geschichte des schweigsamen Wandersmann, der es seit den sechziger Jahren auf stolze 26 Filme und eine über 100 Folgen starke TV-Serie brachte. Als alleiniger Zatoichi-Darsteller wurde Shintaro Katsu zu einer nationalen Berühmtheit. Katsu und Zatoichi, diese beide Namen schienen untrennbar miteinander verbunden. Doch dann kam Takeshi Kitano und mit ihm sein Kinofilm „Zatoichi – Der blinde Samurai“, mit dem er das Erbe des inzwischen verstorbenen Katsu antrat. Aber erst Fumihiko Sori, der zuvor so unterschiedliche Werke wie die Sport-Komödie „Ping Pong“ und das Science-Fiction-Anime „Vexille“ inszenierte, wagt nochmals fünf Jahre später die Revolution des Mythos.

Erstmals wird der Zatoichi-Charakter von einer Frau verkörpert. Haruka Ayase interpretiert Ichi als mysteriöse Schönheit, die zunächst kühl und unnahbar auftritt. Anders als eine „Lady Snowblood“ wird sie jedoch nie zu einer gefühlslosen Rächerin. In der Rolle ihres Gegenspielers, des gnadenlos überzeichneten Oberschurken Banki, darf Shido Nakamura unablässig wahnsinnige Grimassen schneiden und ein höhnisches Dauerlachen aufsetzen. So ungewöhnlich ein solcher Geschlechtertausch im von Männern dominierten Samurai-Genre auch sein mag, so klassisch und geschichtsbewusst präsentiert sich doch der restliche Film. Sori zitiert nicht nur ausführlich Kurosawas stilbildendes Meisterstück „Die sieben Samurai“, er bemüht sich gleichsam um einen respektvollen Umgang mit den traditionsreichen Motiven des Zatoichi-Stoffs. Die einzelnen Duelle sind – obwohl in Zeitlupe gefilmt – meist recht kurz, blutig und von einer fast schon spielerischen Leichtigkeit.

Soris Hauptaugenmerk gilt insgesamt jedoch weniger den zweifellos elegant choreographierten Action-Sequenzen als den Figuren. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang wieviel Zeit der Film aufbringt, um das Seelenleben seiner beiden Helden zu erkunden. Vor allem Toma, der als sympathischer Pechvogel und Pointenlieferant eingeführt wird, durchläuft eine beachtliche Wandlung, deren kathartisches Element weit über den Abspann hinauswirkt. Auch schenkt Sori seinen Helden eine zarte und deswegen besonders anrührende Liebesgeschichte, die „Ichi“ im Zusammenspiel mit seinen harten Kampfszenen zu einer ausgereiften Balance verhilft.

Marcus Wessel

Die Figur des Ichi, des blinden Masseurs auf Wanderschaft, geschaffen von Kan Shimozawa, ist in Japan ein in Film und Fernsehen oft behandeltes Thema. Regisseur Fummihiko Sori hat die Gestalt variiert, daraus die blinde Wandermusikerin gemacht, die ebenfalls Ichi heißt. Sie ist unterwegs mit ihrer dreiseitigen Laute und ihrem Gehstock, in dem ein Schwert versteckt ist.

In früheren Jahrhunderten, in denen der Film spielt, waren in Japan Blinde wie ausgestoßen. Deshalb ist Ichi auf ihrer Wanderschaft allein und einsam. So verloren sie ohne Augenlicht scheint, sie hat doch andere Gaben: Sie weiß vorzüglich mit dem Schwert umzugehen, sie besitzt ein außergewöhnlich gutes Gehör, und sie errät beim Spiel sogar die Zahlen, die nach dem Würfeln auftauchen.

Der einzige, der sich ihr nähert, ist der Samurai Toma, der jedoch traumatisiert ist und nicht mehr kämpfen zu können scheint. Ichi rettet ihm das Leben. Und später, als sie auf der Suche nach ihrer Vergangenheit in einem Schwertkampf dem berüchtigten Bandenführer Banki gegenübersteht, tritt Toma ihr zur Seite.

Kein Zweifel, dass Ichi diesen Kampf bestehen muss und bestehen wird und dass damit auch die Ungewissheit, ob Schatten oder Licht, ob Feind oder Freund überwunden werden kann.

Episch und elegisch, in typisch fernöstlicher Manier wird dies erzählt. Mittelalterliche Epoche und ländliches Leben wechseln ab mit Szenen der einsamen Ichi und ausladendem Kampfgetümmel. Ein Charakteristikum des Genres ist der zerdehnte Rhythmus. So auch hier. Schöne Landschaftsbilder sind zu sehen und passende Musik ist zu hören.

Der Jungstar Haruka Ayase spielt die Rolle der Ichi wunderschön. Bei Takao Osawa, der den Toma verkörpert, wäre es besser gewesen, wenn er sich etwas zurückgenommen hätte.

Thomas Engel