Ida

Eine echte Filmperle von selten konzentrierter Kraft ist dem britischen Regisseur Pawel Pawlikowski ("My Summer of Love") gelungen, der sich zurück zu seinen polnischen Wurzeln begibt und ein sensibles Drama über die Unmöglichkeit des Vergessens gedreht hat. In poetischen Schwarz-Weiß-Bildern, gerahmt im Retro-Format 4:3 erreicht er die visuelle Eindringlichkeit alter Fotografien, samt ihrer in die Vergangenheit weisenden Sogwirkung. In Frankreich konnte „Ida“ bereits am ersten Wochenende einen Besucherrekord feiern.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Polen, Dänemark 2013
Regie: Pawel Pawlikowski
Mit Agata Kulesza, Agata Trzebuchowska, Joanna Kulig u.a.
Länge: 80 Min.
Verleih: Arsenal
Kinostart: 10.4.2014
 

FILMKRITIK:

Pawlikowski situiert seine Handlung auf einer frappanten Bruchstelle der Geschichte Polens, Anfang der Sechziger Jahre. Die Schatten des Holocaust liegen noch unverarbeitet über dem vom Katholizismus geprägten Land, während der Stalinismus bereits eine neue Welle der Gewalt heraufbeschwört. Aus diesem gesellschaftlichen Spannungsverhältnis entwickelt er auch die Zerrissenheit seiner Figuren, mit großer Eindringlichkeit.
Anna (Agata Trzebuchowska) ist eine junge Novizin, aufgewachsen im kargen Umfeld der Klostermauern, die kurz davor steht, in ihrem Gelübde jenes Dasein der Enthaltsamkeit und Devotion für den Rest ihres Lebens zu besiegeln. Doch es stellt sich heraus, dass sie noch eine lebende Verwandte in der Stadt hat, so dass die Äbtissin sich nicht mehr gezwungen sieht für das junge Mädchen zu sorgen und es zu dieser entsendet. Die Begegnung mit ihrer Tante Wanja (Agata Kulesza), die sich als Schwester ihrer Mutter herausstellt, fällt unterkühlt aus und irritiert Anna zunächst. Die mondäne Frau könnte nicht grundverschiedener von ihr sein – in ihrer eleganten Stadtwohnung gehen die Liebhaber ein und aus und auch anderen Lastern ist die sich hinter ihrem Zynismus versteckende Alkoholikerin nicht abgeneigt.

Erst nach und nach entdeckt Anna einige erstaunliche Zusammenhänge, darunter auch die jüdische Herkunft ihrer Familie, ihren richtigen Namen, Ida, und das ungeklärte Ende aller nächsten Anverwandten, über das Wanja zu sprechen vermeidet. Zunächst voller Unverständnis für den überzeugten Glauben ihrer Nichte, überwindet sie schließlich ihre Distanz und willigt ein, Anna auf der Suche nach dem Verbleib ihrer Eltern zu helfen. Es stellt sich heraus, dass Wanja durchaus dazu in der Lage ist, da sie als politische Funktionärin im sozialistischen Polen eine hohe und äußerst zweifelhafte Stellung bekleidet.

Aus diesem Szenario entwickelt sich jedoch nur für einen Teil des Films so etwas wie ein Road Movie – "Ida" widersteht allen allzu leichten Einordnungen in ein bestimmtes Genre, ja sogar in den zeitgenössischen polnischen Film selbst, zugunsten einer wunderbaren Eigenwilligkeit, die stellenweise eher Momente der Nouvelle Vague aufruft.

Es sind zwei faszinierende und konträre Charaktere, die Pawlikowski in seiner Geschichte entwickelt, hervorragend besetzt, vielschichtig und in ihrer Entwicklung überraschend.

Auch wenn sie unterschiedlicher kaum sein könnten, zeigt er doch ihre gemeinsame Bindung an eine traumatische Erfahrung, die beide immer wieder heimsuchen wird, mit tragischen Konsequenzen. Es ist keine versöhnliche Botschaft, die sich daraus ergibt – es zeigt sich, dass manche Ereignisse so einschneidend, so tiefgreifend sind, dass sie die Kraft eines Einzelnen übersteigen und dass manchmal auch eine unverhoffte Solidarität nicht genug Trost spenden kann, Unaussprechliches zu überwinden.

So ist "Ida" stets getaucht ins Melancholische, aus der Monochromie der Bilder strahlt die Einsamkeit einer unteilbaren Erfahrung, so wie sie das totalitäre Desaster des 20. Jahrhunderts als Spur in den Menschen hinterlassen hat. Und dennoch ist Pawlikowskis Film von atemberaubender Schönheit, wie ein sanfter Jazz-Song in der späten Nacht, immer wieder durchbrochen von hintergründigem Humor.

Keine Kamerabewegung ist unnötig, jede Einstellung eine komplexe Komposition mit hohem künstlerischen Abstraktionsgrad. Es sind solche Verdichtungen von Bild und Handlung, die den Zuschauer völlig in ihren Bann zu schlagen vermögen und das Gefühl vermitteln, man würde in ein altes, lange vergessenes Familienalbum eintauchen und eine andere Zeit einatmen.

„Ida“ ist ein kleiner, stiller Film mit großer Wirkungskraft – vollkommen zurecht mit dem Kritikerpreis beim Toronto Filmfestival ebenso wie in London und Warschau ausgezeichnet.

Silvia Bahl