Im Keller

Ulrich Seidl zeigt menschliche Abgründe als sorgsam arrangierte Bilder mit Schockeffekt. Der erste Eindruck: In österreichischen Kellern lauert das Grauen. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich der Ausflug in den Untergrund als tragikomischer Balanceakt zwischen Exhibitionismus und Voyeurismus. Seidls Protagonisten führen vor und lassen sich vorführen.
Alles ist inszeniert, nichts bleibt dem Zufall überlassen. Das ist Seidls Stil, zu dem die verstörenden Bilder ebenso gehören wie sein Wille, immer noch mehr zu zeigen. Hier sind es die Bilder von SM-Sexpraktiken, die sensible Kinobesucher abschrecken könnten, aber wohl zum wahren Leben im Keller gehören. Seidl provoziert nicht, er präsentiert und stellt damit auch die Rolle des Zuschauers in Frage.

Webseite: www.neuevisionen.de

Österreich 2014 – Dokumentation
Regie: Ulrich Seidl
Idee & Konzept: Ulrich Seidl, Veronika Franz
Kamera: Martin Gschlacht
Länge: 85 Minuten
Verleih: Neue Visionen Filmverleih GmbH
Kinostart: 4. Dezember 2014
 

FILMKRITIK:

Schon der Beginn des Films liefert einen Vorgeschmack auf das, was kommt: Ein Mann sitzt starr und schweigend vor einem Terrarium, in dem eine lange weiße Pythonschlange liegt. Vor ihrem Kopf mümmelt ein nichts ahnendes Meerschweinchen. Der Mann schaut am Terrarium vorbei, aber jeder ahnt, was geschehen wird – die Frage ist nur, wie lange es dauert. Quälend langsam vergehen die Sekunden, der Tod des Meerschweinchens ist wie eine Erlösung, für das Tierchen, für die Zuschauer und natürlich auch für den Python, der nun ein paar Tage gesättigt ist. So sind und funktionieren Ulrich Seidls Filme, der seine Geschichten der Heimlichkeiten im Keller wieder als sorgsam inszenierte Tableaus präsentiert. Dabei ist das Publikum in der Situation des stillen Beobachters. Seidls Protagonisten verkörpern Python und Meerschweinchen, manchmal sogar in einer Person.
 
Hier unten können sie alle sein, wie sie wollen: Die Kleinen können sich groß fühlen, die Unterdrückten mächtig und die Einsamen sind weniger allein. Sie sind sie selbst in ihrer Schrecklichkeit, in ihrer Primitivität, Perversion oder in ihrer dumpfen, bedrückenden Alltäglichkeit. Hier geht es nicht um schön und hässlich als Kriterien einer oberflächlichen Ästhetik, sondern um die Präsentation von Seelenzuständen. Und die sind allesamt verhältnismäßig grauenerregend, aber erstaunlich in der Konsequenz, mit der die Urheber zu ihren Obsessionen stehen. Das kann komisch wirken, wie der verhinderte Operntenor in seinem Schießkeller oder der Schwimmer in seinem Kellerpool, der für jede Bahn knapp drei Züge benötigt. Mindestens ebenso erschütternd wie der stumme Mann vor der Schlange ist die Frau, die im Keller lebensechte Säuglingspuppen in Schachteln aufbewahrt. Sie hebt sie heraus aus ihren Pappbettchen, hält sie im Arm und spricht mit ihnen. Hier zeigt sich sehr deutlich Ulrich Seidls Geschick, Erhabenes und Lächerliches zu einem Gesamtbild menschlichen Leides zu verbinden, das keinerlei Kommentars bedarf, sondern an sich schon eine ganze Geschichte erzählt.
 
Ulrich Seidl macht vor dem Privaten ebenso wenig Halt wie vor dem Intimen. Er entblößt seine Protagonisten, von denen einige schon aus anderen seiner Filme bekannt sind, nicht nur bis auf die Haut, sondern bis in die Seele. Das, was da zum Vorschein kommt, sind die heimlichen Obsessionen, die kleinen und großen Marotten bis hin zu pathologischen Störungen, aber letztlich gehören sie doch zum Menschen und seiner Natur. Das ist oft schwer erträglich, wie in den allzu ausführlich dargestellten SM-Szenen, aber manchmal auch einfach saukomisch. Seidls gnadenlose Kamera macht es möglich, bizarre Geschichten zu erzählen, die geradewegs dazu einladen, einfache Urteile zu fällen. Aber darum geht es nicht. Ebenso wenig geht es um die naheliegenden Verbindungen zu den Verbrechen, die in den letzten zehn Jahren aus österreichischen Kellern heraus an die Öffentlichkeit kamen: die Fälle Kampusch und Fritzl. Bei Ulrich Seidl geht’s immer ums Ganze. Er staunt und zeigt, kommentiert nicht in Worten, sondern in Bildern. Seine Feel Bad Movies sind grotesk, ohne zynisch zu sein. Sie erzählen von Menschen und ihren Beziehungen untereinander. Oder, um mit Sartre zu sprechen: „Die Hölle, das sind die anderen.“
 
Gaby Sikorski