Im Nebel

Mit seinem Spielfilm-Debüt „Mein Glück“ wurde der in Berlin lebende ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa prompt nach Cannes eingeladen. Auch mit dem zweiten Streich „Im Nebel“ ging er beim weltweit wichtigsten Festival in den Wettbewerb (2012). Sein Drama über Moral und menschliche Abgründe erzählt von drei Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Der eine, zu Unrecht als Kollaborateur verdächtigt, ein guter Mensch. Der zweite ein Pragmatiker. Der dritte ein übler Opportunist. Was sich mit diesem ungleichen Trio im einsamen Wald abspielt, wirkt wie ein moderner Klassiker. Formal meisterhaft in Szene gesetzt und von drei charismatischen Helden höchst eindrucksvoll gespielt.

Webseite: www.neuevisionen.de

Deutschland, Russland, Lettland, Niederlande, Weißrussland 2012
Regie und Drehbuch: Sergei Loznitsa
Darsteller: Vladimir Svirski, Vlad Abashin, Sergei Kolesov, Vlad Ivanov
Filmlänge: 128 Minuten
Verleih: Neue Visionen Filmverleih
Kinostart: 15.11.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Am Anfang war der Strang. In einer russischen Grenzprovinz werden im Kriegsjahr 1942 drei Gleisarbeiter wegen Sabotage öffentlich gehenkt. Ihr vierter Komplize, der Idealist Sushenya, wird von den deutschen Besatzern freigelassen, weil es sich standhaft geweigert hat als Spitzel zu arbeiten. Der deutsche Kommandeur weiß sehr wohl, dass diese Freilassung ein sehr viel perfideres Todesurteil bedeutet. Die Rache der Partisanen an dem vermeintlichen Kollaborateur ist nur eine Frage der Zeit. Und damit wird ihm nicht nur das Leben, sondern auch die Ehre geraubt.

Tatsächlich stehen schon wenig später zwei Bewaffnete vor der Tür des Helden, um ihn zu erschießen. Anführer Burov, ein langjähriger Freund des Todeskandidaten, gewährt ihm als letzte Gnade, dass die Exekution nicht vor Frau und Kind stattfindet, sondern draußen im Wald. Sushenya fügt sich klaglos seinem Schicksal, schleppt sogar freiwillig die Schaufel, mit der er sein Grab ausheben wird. In letzter Sekunde wird die Erschießung durch einen Zwischenfall verhindert und Burov bei einem Scharmützel schwer verletzt. Während sein feiger Mitstreiter Voitik schnell das Weite sucht, kümmert sich Sushenya selbstlos um jenen Mann, der ihn gerade noch töten wollte.
Wenig später ist das ungleiche Trio wieder vereint und irrt bei seiner Flucht gemeinsam durch den Wald.

In drei Rückblenden wird die jeweilige Geschichte der Figuren aufgeblättert. Wie der aufrichtige Sushenya von den Deutschen zum Verräter gestempelt. Wie der rechtschaffene Burov aus purem Trotz zum Partisanen wurde. Und wie schnell der Feigling Voitik sein Fähnchen nach dem Wind richtet. Die drei unterhalten sich über ihre Vergangenheit, doch Sushenya wird seine Unschuld nicht mehr beweisen können.

Mit verblüffender Leichtigkeit thematisiert Loznitsa vermeintlich schwere philosophische Fragen über Gut und Böse und die Verantwortung des Menschen. Und präsentiert dabei, gleichsam als Psychothriller, eine packende Parabel über Schuld und Sühne, Moral und Mitläufertum.
Visuell überzeugt das Drama durch seinen rigorosen Stil. Fast alles spielt im Wald, in dem gut zweistündigen Werk gibt es lediglich 72 Schnitte. Zu dieser formalen Finesse der Meisterklasse gesellen sich drei großartige, hierzulande fast unbekannte Akteure, deren ausdrucksstarke Gesichter mit kleinen Gesten ganz große Wirkung zeigen.

Kaum verständlich, dass Loznitsa mit diesem modernen Klassiker beim Palmen-Rennen so ganz und gar leer ausging. Als kleinen Trost gab es immerhin den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik. Zudem dürfte vor einem so stilbewussten, 48jährigen Regisseur ohnehin noch eine reichlich preisverdächtige Kinozukunft liegen.

Dieter Oßwald

1942 an der weißrussischen-russischen Grenze. Die Wehrmacht hat das Gebiet besetzt. Gegen die Deutschen gibt es verständlicherweise einheimische Widerstandskämpfer. Werden solche gefangen genommen, leben sie nicht mehr lange. Der Galgen wartet.

Suschenja war ebenfalls Widerständler. Doch er wurde nach der Gefangennahme wieder frei gelassen, er entkam dem Tod. Warum nur?

Die Partisanen können daraus nur einen Schluss ziehen: Suschenja hat Kameraden verraten. Deshalb muss er ebenfalls sterben. Burow und Voitik werden losgeschickt, ihn zu fangen – und zu erschießen.

Suschenja wehrt sich nicht. So ist eben der Krieg. Er muss Frau und Kind verlassen. Er ist unschuldig, aber das nützt ihm nichts. Sein Tod wegen Verrats ist beschlossene Sache. Er wird im Wald gar sein eigenes Grab schaufeln müssen.

Kurz vor dem Todesschuss für den Verurteilten werden die drei von der mit den Besatzern kollaborierenden Miliz angegriffen. Suschenja kann fliehen, die Rächer werden verletzt. In einigen episodischen Rückblenden wird berichtet, aus welchen Motiven heraus die drei sich den Partisanen anschlossen.

Der, der getötet werden sollte, ist nun frei. Doch er ist ein humaner Mann. Er kehrt zurück, kümmert sich um den schwer getroffenen Burow. Als der stirbt, trägt er sogar die Leiche noch eine weite Strecke.

Voitik taucht bewaffnet wieder auf. Doch vor dem fürchtet der aufrechte Suschenja sich nicht.

Was der Krieg aus dem Menschen macht, hier wird es wieder einmal auf unheimliche Weise deutlich. Keiner, der nicht auf irgendeine Weise verändert daraus hervorgeht. Es handelt sich wirklich um einen Anti-Kriegsfilm par excellence.

Im Wald, oft in der Dunkelheit, in einer überaus düsteren Stimmung, in einem jedes Tempos entbehrenden Rhythmus, mit kargen Dialogen, mit ausdrucksvollen Gesichtern läuft alles ab. Es ist ein schwerblütiger, doch in seiner Zielrichtung eindrucksvoller, beklommen machender Film.

Anti-Kriegsfilme aber gibt es nie genug.

Keine Frage, dass die – hierzulande weitgehend unbekannten – russischen Schauspieler zur beabsichtigten Aussage beachtlich beitragen.

Thomas Engel