I’m not a f**king Princess

Wer will schon wie die anderen sein? Die zehnjährige Violetta würde gerne so sein, doch ihre Mutter Hannah fühlt sich zur Künstlerin berufen. Sie inszeniert ihre Tochter als kindliches Aktmodell, um dem prekären Leben zu entfliehen und hat damit Erfolg. Die französische Schauspielerin Eva Ionesco inszeniert in ihrem Spielfilmdebüt die eigene Kindheit als abgründiges Märchen für Erwachsene. In den Hauptrollen glänzen Isabelle Huppert als exzentrische Mutter und die junge Anamaria Vartolomei als Kindfrau wider Willen.

Webseite: www.notaprincess.x-verleih.de

MY LITTLE PRINCESS
Frankreich 2010
Regie: Eva Ionesco
Mit Isabelle Huppert, Anamaria Vartolomei, Georgetta Leahu, Denis Lavant, Pascal Bongard, Jethro Cave u.a.
Länge: 104 Min.
Verleih: X-Verleih
Start: 27.10.11

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Heute ist es kaum noch vorstellbar, aber in den 70er-Jahren erfreuten sich Aktaufnahmen junger Mädchen fern der Volljährigkeit großer Popularität. Die Abbildungen der so genannten Lolitas fanden sich in zahlreichen Magazinen und Filmen wie z.B. Louis Malles "Pretty Baby" mit der jungen Brooke Shields in der Hauptrolle und den Werken des britischen Fotografen David Hamilton (Bilitis, Zärtliche Cousinen). In Folge der sexuellen Befreiung und der freien Liebe Ende der 60er-Jahre war der Reiz des Neuen und Verbotenen stärker als moralische Bedenken und lockte Scharen von Besuchern in die Kinos. Auch die deutsche "Schulmädchenreport"-Reihe und ähnlich billige Produkte machten im Rahmen des Lolita-Trends ordentlich Kasse. Zeitschriften wie "Quick", "Bunte" und "Stern" konnten sich einer Auflagensteigerung sicher sein, wenn denn nur eine nackte Minderjährige das Cover zierte. In den 80er-Jahren sollte sich das schnell ändern, da das Thema Kindesmissbrauch in den Vordergrund rückte.

Umso interessanter ist die Geschichte von Eva Ionesco, die schon als Vierjährige von ihrer Mutter Irina freizügig in pompösen Settings abgelichtet wurde. Die feierte damit große Erfolge in der Kunstszene (Voted ‘Woman of the Year’ by Time Life Photography 1977). Die Folge war eine extreme Mutter-Tochter-Beziehung, die bis zum heutigen Tage von Streitigkeiten geprägt ist, denn noch immer lebt Irina Ionesco hauptsächlich von den alten Fotos. Die letzte Veröffentlichung mit den besagten Bildern wurde 2004 veröffentlicht.
I’M NOT A F**KING PRINCESS (dies ist der ursprüngliche Titel des Films, der in Frankreich zu „My little Princess“ abgeschwächt wurde) wirkt in manchen Szenen mit seinem Hang zur Phantasmagorie wie das Ergebnis der Psychoanalyse seiner Macherin Eva Ionesco. Und es ist genau dieser Ansatz, der diesen Film zu etwas ganz Besonderen macht. Als erster Teil einer geplanten Trilogie beginnt die Geschichte mit einem kleinen Mädchen, die mit ihrer gläubigen rumänischen Urgroßmutter in einfachen Verhältnissen in Paris lebt. Die Mutter kommt nur ab und zu vorbei, versichert ihre Liebe, um dann schnell wieder ins Partyleben zu entschwinden. Zuerst hat Töchterchen Violetta ihre Ruhe, doch dann nutzt Mama sie als Modell in ihrem Atelier, das gleich einer morbiden Rumpelkammer daherkommt. Schnell wird Violetta Teil des Werks ihrer Mutter, tritt ein in die Pariser Künstlerszene der 70er-Jahre, von der sie schnell umworben wird. Doch auch kleine Mädchen werden groß und lassen nicht mehr alles mit sich machen…

Die großartige Isabelle Huppert zeigt in ihrer Rolle als Hannah auf’s Neue die zerbrechliche Härte, von der Claude Chabrol einst behauptete, dass nur sie das so kann. Hier ist sie gleichzeitig die gute und böse Fee. Eva Ionescos Inszenierung überzeugt durch Stilsicherheit und übernimmt typische Genre-Elemente des 70er-Jahre-Kinos inklusive eines wunderbaren Soundtracks von Bertrand Burgalat, der in seinen besten Momenten an Ennio Morricone erinnert. Darüber hinaus entwickelt Ionesco eine eigene Bilderwelt, die konsequent die Sichtweise des Kindes einnimmt und die moralische Wertung dem Zuschauer überlässt.

Eric Horst

Die Regisseurin Eva Ionesco hat hier einen weitgehend autobiographischen Film gedreht. Ihre Mutter wurde nämlich im Laufe der Zeit zu einer besessenen Photographin und lichtete ihr Kind schon ab vier Jahren immer und immer wieder ab. Allmählich wurden Aktphotos daraus, mit denen die Mutter gar eine Ausstellung bestückte. Damals im Paris der 70er Jahre bedeutete dies ebenso eine Sensation wie einen Skandal.

Für den Film ausgeschmückt und arrangiert wird das hier dargestellt. Isabelle Huppert spielt die bis ins Psychiatrische gehende Mutter Hannah, Anamaria Vartolomei das mehr oder minder „vergewaltigte“ Kind Violetta.

Violetta, zwölf Jahre alt, lebt bei ihrer Urgroßmutter, Mamie genannt. Ab und zu schaut Hannah herein, um den beiden zu sagen, dass sie sie liebt und um ihnen ein wenig Geld zu bringen.

Hannah, die Irre, photographiert das Kind ständig, umgibt es mit ausgefallenen Kleidern, Schmuck, Spielzeug, Nippes, Spiegeln – so entsteht eine ins Krankhafte gehende Phantasiewelt.

Violetta tut sich deshalb in der Schule schwer. Sie wird von ihren Schulkameradinnen entweder ins Abseits gestellt oder bewundert.

Hannah ist mit dem Künstler Ernst befreundet, der sie unterstützt. Sie bringt das Kind unter Geschäftsleute und Verleger. Immer extremer werden die Kinderbilder. Hannah verkauft jetzt die Nacktphotos von ihrer Violetta.

Diese beginnt nun aufzubegehren. Es ist ein langsamer, immer heftiger werdender Prozess und Protest. Das Jugendamt schaltet sich ein, will Violetta ihrer Mutter wegnehmen, zumal Mamie gestorben ist.

Violetta kann sich schließlich vom Wahn ihrer Mutter erlösen.

Wie weit dürfen Erwachsene mit Kindern gehen? Was ist Kunst, was Pornographie? Welche Folgen hat ein solches Vorgehen auf ein Kind? Könnte so etwas beispielsweise auf das heutige dreckige Kinderpornogeschäft im Internet einen Einfluss haben? Das sind Fragen, die im Film nicht ausdrücklich behandelt werden, die jedoch unterschwellig quasi automatisch auftauchen.

Abgesehen vom ernsten Thema ist das Gebotene ein Bilderrausch, ein ästhetisch-erotischer Reigen, ein Film, der in keiner Sekunde ausgetretene Pfade begeht, sondern sich ganz schön originell und ausgefallen gibt.

Isabelle Huppert ist Hannah. Sie spielt auch diese wie alle ihre Rollen souverän. Und sie hat in Anamaria Vartolomei eine „Tochter“ gefunden, die an Grazie (wie auch an spielerischem Können) in ihrem Alter nicht leicht zu übertreffen ist.

Thomas Engel