I’m not there

Die vielen Gesichter Bob Dylans in einer Filmbiographie unterzubringen, ist ein schwieriges Unterfangen. Regisseur Todd Haynes stellte sich dieser Herausforderung dennoch mit seinem so spannenden wie faszinierenden Bio-Pic-Experiment „I’m Not There“: Gleich sechs Dylans gibt es darin für die unterschiedlichen Lebensphasen des Musikers, allesamt werden sie dargestellt von einem hervorragenden Ensemble, zu dem u.a. auch Richard Gere und Heath Ledger gehören. Die atemberaubende Cate Blanchett wurde für ihre Dylan-Rolle (!) in diesem kunstvollen und von filmbiographischen Konventionen losgelösten Puzzle beim Filmfestival in Venedig als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Webseite: tobis.de

USA 2007
Regie: Todd Haynes
Buch: Todd Haynes, Oren Moverman
Darsteller: Cate Blanchett, Christian Bale, Richard Gere, Ben Whishaw, Heath Ledger, Carl Marcus Franklin
Kamera: Edward Lachman
Schnitt: Jay Rabinowitz
135 Minuten, Farbe
Verleih: Tobis Film
Kinostart: 28. Februar 2008

PRESSESTIMMEN:

Ein abstrus-faszinierendes Kunstwerk, zum Staunen, zum Bewundern.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Im Laufe seiner Karriere hatte Bob Dylan bislang viele Gesichter. Er war politisch engagierter Folk-Sänger, ein desillusioniertes Drogenwrack, ein wiedergeborener Christ und noch viele andere. Doch wie nähert man sich solch einer facettenreichen Persönlichkeit, einem solch ungreifbaren Chamäleon für eine Filmbiographie? Todd Haynes („Dem Himmel so fern“) hat mit seinem mutigen und außergewöhnlichen Bio-Pic „I’m Not There“ etwas ganz Neues probiert.

„Normalerweise wird in Filmbiografien der Charakter reduziert, ich hingegen wollte ihn möglichst vielschichtig ausbreiten“, erklärte er kürzlich in einem Interview: Und so hat er sechs Schauspieler, die Dylan verkörpern: Heath Ledger und Richard Gere sind ebenso Dylan wie Christian Bale, Ben Whishaw, Carl Marcus Franklin und Cate Blanchett. Es ist ein herausragendes Dylan-Ensemble, aus dem Blanchett sogar noch einmal heraus sticht – fahrig, drogenkaputt und mit täuschender Ähnlichkeit zum Dylan aus der damaligen Phase. In Venedig bekam sie dafür hoch verdient eine Auszeichnung für die beste Darstellerin.

Multiple Persönlichkeiten für die verschiedenen Phasen des Musikers, von denen Haynes jede auch noch in einer anderen Ästhetik inszeniert hat, die fließend ineinander übergehen. Mal wirkt das wie ein Videoclip, mal wie eine Musikdokumentation. Mal reitet Gere in Anlehnung an Dylans Rolle in „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ durch ein seltsames Westernszenario, mal wird Dylan von Carl Marcus Franklin als schwarzer Junge Woody Guthrie verkörpert, der die  Jugend und die Wurzeln des Musikers versinnbildlicht. 

Mit seiner experimentellen Anordnung verabschiedet sich der Regisseur dabei von den Bio-Pic-Konventionen und klammert sich nicht an das sonst weitestgehend übliche Abklappern von Lebensstationen, wie es in der jüngeren Vergangenheit in einer ganzen Reihe von Filmbiographien wie „Walk the Line“ zu sehen war. Vielmehr splittert Haynes die Zeitleiste auf und bringt zu einer erlesenen Auswahl von Dylan-Songs die verschiedenen Ebenen in einem assoziativ verknüpften und sehr kunstvoll inszenierten Szenenfluss zusammen.

Dabei hilft es, wenn man sich in Dylans Leben etwas auskennt und Zusammenhänge entschlüsseln kann. Schließlich lässt „I’m Not There“ mal ganz konkrete Rückschlüsse auf Dylans Biographie zu, entwirft oft aber auch nur vage, metaphorische Bilder – die sich nach 135 Minuten nicht wirklich zu einem greifbaren Ganzen zusammensetzen. Auch wenn der Film bei dieser birstenden Lebensgeschichte kein Ende zu finden scheint, ist „I’m Not There“ aufregend anregendes Kino.

Sascha Rettig