I’m still here – The lost years of Joaquin Phoenix

Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass Casey Afflecks Dokumentarfilm über das Vorhaben von Schauspieler Joaquin Phoenix, sein Darstellerleben gegen das eines Rappers einzutauschen, tatsächlich ein Mockumentary ist. Ein Film also, der nur so tut, als entspreche das, was er als authentisch vorzugeben scheint, tatsächlich auch der Wahrheit. Entscheidend ist hier das Wie – und das ist in „I’m still here“ so verblüffend glaubhaft und wahrhaftig, dass man mit hoher Aufmerksamkeit dem Performer Phoenix auf dem Weg in ein möglicherweise neues Karrieresegment folgt.

Webseite: www.kochmedia-film.de

USA 2010, Dokumentarfilm
Regie: Casey Affleck
Mit: Joaquin Phoenix, Casey Affleck, Jack Nicholson, Billy Crystal, Danny Glover, Bruce Willis, Robin Wright, Danny DeVito, Sean „P.Diddy“ Combs, Jamie Foxx, Ben Stiller, David Letterman, Natalie Portman, Tim Affleck
107 Minuten
Verleih: Koch Media /Neue Visionen
Kinostart: 11.8.2011 (nur digital)

PRESSESTIMMEN:

Sehenswerte Doku über die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie, der Presse und das Publikumsverhalten. …ein beeindruckender Film.
ARD

FILMKRITIK:

Er habe die Nase gestrichen voll von der Schauspielerei, erklärt Joaquin Phoenix zu Beginn dieses Dokumentarfilms. Ständig nach der Pfeife von Regisseuren und Produzenten tanzen zu müssen, das entspreche so gar nicht seiner Vorstellung eines Künstlers. Natürlich fragt man sich, wieso stellt sich der gute Mann dann schon wieder vor die Kamera? Nun ja, auch Phoenix findet diese Vorstellung absurd. Man kann ihn aber insofern verstehen, als es ihm seine Agenten und all die Medienfuzzis auf seinen Fersen wirklich schwer machen, auch nur einen privaten Schritt zu machen. Denn: einer wie Phoenix verspricht Quote und Auflage.

Die Klammer dieses Films bildet denn auch ein Stück privaten Archivmaterials, ein Heimvideo vom Februar 1981, das gleich zu Beginn nahe legt: schaut her, das hier ist authentisches Filmmaterial, also werden die Bilder danach schon auch der Wahrheit entsprechen. Klein Joaquin steht in diesem Video oberhalb eines kleinen Wasserfalls im panamesischen Dschungel und überlegt, ob er springen soll oder nicht. Man kann diese Aufnahme symbolisch deuten, als Sprung ins kalte Wasser etwa. Die Idee, sich als Hip-Hop-Musiker zu probieren, wäre mit einem solchen Sprung gleichzusetzen.

Was verblüfft und fesselt, ist die Konsequenz, mit der Phoenix seine Wandlung vollzieht. Es ist streng genommen keine gute. Er gibt sich als ausgebrannter, oft sehr launischer Zeitgenosse, lässt sich Haare und Bart wachsen, bis er Jim Morrison zum Verwechseln ähnlich sieht. Vor laufender Kamera zieht er sich Kokslinien rein, flucht ununterbrochen, gibt neben philosophischen Diskursen aber auch viel unverständlichen Zeug von sich. Hoppla, denkt man da, der Mann hat Mut, sich so ungehemmt vor der Kamera zu geben. In diesem Aufzug die noch obligatorischen Terminchen als Filmstar zu absolvieren, das ist hier ein provokativer Akt, bei dem Phoenix Hollywood quasi den hochgestreckten Mittelfinger zeigt.

Sein rebellisches Verhalten hat aber durchaus auch eine erheiternde Seite, wie ganz besonders jener Auftritt in der Show von David Letterman zeigt. Anscheinend, so ist in diversen Medien immer öfter zu hören, war dieser Auftritt aber geplant – und Letterman ist dem Duo Casey Affleck und Joaquin Phoenix gehörig auf den Leim gegangen. Ebenso wie Hip-Hop-Produzent Sean „P.Diddy“ Combs, der mit einer derart großen Ernsthaftigkeit agiert, indem er Phoenix wegen dessen lausiger Singerei hochkant aus dem Studio warf.

Natürlich können dem Zuschauer mit der Zeit Zweifel kommen, ob das Gezeigte tatsächlich echt ist. Kann das sein, dass Casey Affleck im Laufe von zwei Jahren stets zum richtigen Zeitpunkt mit der Kamera präsent war? Zum Beispiel in jenem Moment, als Ben Stiller Phoenix die Hauptrolle in „Greenberg“ andient. Großartig an „I’m still here“ ist: dieser Film offeriert eine Vielzahl von Lesarten, Diskussionsstoff gibt er reichlich her – auch als Kommentar über das Räderwerk namens Hollywood, das kein Recht auf Privatsphäre einzuräumen scheint. So wie sich Phoenix vor der Kamera gibt, scheint ihm das aber auch egal zu sein. Oder tut er etwa nur so und macht sich über sein Publikum lustig, das – siehe Dschungelcamp oder Castingshow – gerne in der ersten Reihe sitzt, wenn andere ihre Seele verkaufen? Wie auch immer: Phoenix liefert hier eine erstklassige Performance ab. Und wie aus gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, wird man ihn auch weiterhin auf der Leinwand sehen können. Für Paul Thomas Anderson („There will be blood“) neuen Film „The Master“ steht er jedenfalls schon wieder vor der Kamera.

Thomas Volkmann

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