Im Weltraum gibt es keine Gefühle

Für den am Asperger-Syndrom erkrankten Simon muss das Leben in fest geregelten Bahnen verlaufen, ganz so wie die Planeten im Sonnensystem. Die noch so kleinste Abweichung sorgt beim 18-Jährigen bereits für Chaos – wie jener Moment, als die Freundin seines Bruders aus der gemeinsamen Wohngemeinschaft auszieht. Also macht sich Simon auf, dem Bruder eine neue Partnerin zu finden – und entdeckt dabei, dass auch er Gefühlen gegenüber empfänglich ist. Das Spielfilmdebüt des 25-jährigen Schweden Andreas Öhman war vergangenes Jahr für den Auslands-Oscar nominiert – nun wird die pfiffige Komödienrakete in Deutschland gezündet.

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: I rymden finns inga känslor – Simple Simon
Schweden 2010
Regie: Andreas Öhman
Mit: Bill Skarsgard, Martin Wallström, Cecilia Forss, Sofie Hamilton, Kristoffer Berglund
90 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 24.11.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Asperger gilt als eine Unterform von Autismus. Typische Merkmale sind eingeschränkte und stereotype Aktivitäten und Interessen. Aufgrund ihrer Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und der (nonverbalen) Kommunikation werden Betroffene gerne als „wunderlich“ wahrgenommen. Ihre Intelligenz hingegen gilt in den meisten Fällen als normal bis überentwickelt. Zu den Besonderheiten des 18-jährigen Simon (Bill Skarsgard) gehört es, dass er – vor allem wenn um ihn herum die Welt aus den Fugen zu geraten droht – gerne in eine Tonne steigt und so tut, als begebe er sich in ihr auf eine Reise in den Weltraum. Zu erreichen ist er in diesen Momenten nur noch über eine Art NASA-Sprech. Wichtig für ihn sind aber auch minutiös geregelte Tagesabläufe ebenso wie das Wissen um die stets gleiche Mahlzeit oder die Wahl eines bestimmten T-Shirts oder Pullovers für jeden Wochentag.

Simons älterer Bruder Sam (Martin Wallström) weiß natürlich um diese Besonderheiten und ihre Wichtigkeit. Nach einem Streit mit den Eltern hat er Simon bei sich und seiner Freundin (Sofie Hamilton) einziehen lassen und kümmert sich um ihn. Ihr jedoch gehen die Ticks des Aspergerpatienten mit der Zeit auf die Nerven, hinzu kommt Eifersucht, und so trennt sie sich von Sam. Dessen Niedergeschlagenheit bleibt auch Simon nicht verborgen und so macht er sich, einem ganz bestimmten Mustern folgenden Plan, auf die Suche, dem Bruder eine neue Freundin zu finden und somit das entstandene (Gefühls)Chaos wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Dabei begegnet er Jennifer (Cecilia Forss), deren unverkrampfter Art auch er sich nicht ganz entziehen kann.

Unverkrampft, das ist auch das Stichwort für den Inszenierungsstil von Andreas Öhmans Spielfilmdebüt. Die von kleinen Schwierigkeiten begleitete Liebesgeschichte lässt sich durchaus einreihen in die Reihe zahlreicher skandinavischer Wohlfühlkomödien von „Elling“ über „Zurück nach Dalarna“ bis hin zum in seiner Skurrilität doch etwas weitergehenden „Das jüngste Gewitter“ von Roy Andersson. Als gemeinsamer Nenner fällt bei diesen Filmen auf, dass sie einen warmherzigen Blick auf das wahre Leben und sich in ihm tummelnde Außenseiterfiguren werfen und dabei mit einem leisen, nordisch-kühlen und trockenen Humor, einer Prise Slapstick und gekonnter Situationskomik ins Schwarze treffen.

Was Öhmans Film betrifft, so überzeugt hier außerdem die Perspektive, folgt die Geschichte doch vor allem der Wahrnehmung und dem Empfinden von Simon. Dies äußert sich immer wieder auch durch eingeblendete technische Skizzen und schematische Zeichnungen, etwa von Winkelberechnungen für den exakten Wurf eines Basketballs, tickenden Uhren oder Weltraumanimationen. Mit ihnen veranschaulicht Öhman die Gedankenwelt seiner sensiblen Hauptfigur, ohne diese jedoch zu psychologisieren. Gespielt wird Simon übrigens ganz glänzend von Bill Skarsgard, dem jüngstem Sohn von Schauspieler Stellan Skarsgard und Bruder des an der Seite von Kirsten Dunst als deren Bräutigam in Lars von Triers „Melancholia“ auftretenden Alexander Skarsgard.

Dass Simon, auch aus seinem Horror vor direkten Berührungen und allzu viel Nähe heraus, eine Abneigung gegen romantische Komödien etwa mit Hugh Grant hegt, widerspricht dabei keinesfalls der Tatsache, dass „Im Weltraum gibt es keine Gefühle“ bei der Freundinnensuche selbst in Richtung dieses Genres tendiert. Anders als zuletzt deutsche Komödien wie „Ein Tick anders“, „Eine Insel namens Udo“ oder „Vincent will meer“ kalauert Öhmans pfiffiger Film (auch Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ wird einmal kurz zitiert) nicht mit den für die Außenwelt wahrnehmbaren Merkmalen eines Handicaps, sondern nimmt sein Thema und seine Figur – wenn auch stets mit einem angenehmen Augenzwinkern – durchweg ernst. Nur eines hat uns gewundert: wie passt der mit seinen langen Beinen großgewachsene Simon in sein winziges Tonnenraumschiff hinein?

Thomas Volkmann

„Im Weltraum gibt es keine Gefühle“, Debütfilm des jungen Regisseurs Andreas Öhmann und schwedischer Vorschlag für den Oscar, ist ein pointierter, sehr sehenswerter Film über den 18jährigen Simon, der am Asperger Syndrom leidet. Körperliche Nähe ist ihm unerträglich womit er sich und seinen Mitmenschen das Leben nicht einfach macht, was hier aber nicht Anlass für schwermütige Betrachtungen ist, sondern auf leichte, aber nie oberflächliche Weise thematisiert wird.

Der 18jährige Simon (Bill Skarsgard) leidet am Asperger-Syndrom: Seine sozialen Fähigkeiten sind unterentwickelt, Emotion seiner Mitmenschen kann er kaum wahrnehmen, wenn sein Leben nicht in streng reglementierte Bahnen geordnet wäre, würde er es nicht aushalten. Und nicht zuletzt erträgt er es nicht berührt zu werden. Zu Beginn von „Im Weltraum gibt es keine Gefühle“ zieht Simon von zu Hause aus, seine Eltern sind mit seinen Eigenheiten vollständig überfordert. Bei seinem ein paar Jahre älteren Bruder Sam (Martin Wallstöm) findet er eine Bleibe, sehr zum Leidwesen von Sams Freundin Frida (Sofie Hamilton). Die bemüht sich zwar redlich, doch angesichts von Simons auf die Minute genau eingeteiltem Tagesablauf verliert sie bald die Nerven und verlässt die Brüder. Damit alles wieder so wird wie es war beschließt Simon nun, seinem Bruder eine neue Freundin zu organisieren. Mit seinem rational geprägten Geist, mit dem er versucht jede Emotion in eine geradezu mathematische Formel einzuordnen, macht er sich auf die Suche. Möglichst genau soll sie zu seinem Bruder passen und seine Interessen teilen, dann muss das mit dem verlieben doch klappen – denkt Simon, und trifft bald auf den ausgeflippten Freigeist Jennifer (Cecilia Forss). Die scheint so gar nicht zu seinem Bruder zu passen, doch sie hat eine große Fähigkeit: Sie akzeptiert Simon so wie er ist und lässt sich auch nicht durch seine doch eher ungewöhnlichen Macken irritieren.

Dass es „Im Weltraum gibt es keine Gefühle“ nun schafft diese Konstellation nicht zu einem kitschigen Happy End zu führen, in dem Simon seine Krankheit überwindet und alles gut wird, allein dafür kann man Andreas Öhmann nicht genug loben. Genauso wenig aber wird das Asperger-Syndrom zu einer tragischen Krankheit stilisiert, die das Leben für die Betroffenen unmöglich macht. Irgendwo zwischen diesen Extremen positioniert der Film sich, vermeidet es sowohl die Krankheit zu banalisieren als auch sie zu dramatisieren, sondern zeigt sie als Teil des Lebens von Simon, der letztlich gar nicht so weit von bisweilen auftretenden autistischen Momenten entfernt ist, die jeder Mensch kennt.

Das Simon im Laufe des Films beginnt aus seinem Kokon auszubrechen, sich seiner Umwelt und vor allem anderen Menschen ein wenig öffnet, liegt in der Natur der Geschichte, die hier erzählt wird. Doch Öhmann vermeidet sämtliche Fallstricke und Klischees und schafft es statt dessen mit der idealen Mischung aus komischen und nachdenklicheren Momenten von einem Menschen zu erzählen, der viel komplexer ist, als er am Anfang noch erscheint. Was auf den ersten Blick ein angestrengter Problemfilm über eine ungewöhnliche Krankheit zu werden droht, erweißt sich letztlich als sehr amüsanter, pointierter Film, der nicht zuletzt durch die originelle visuelle Umsetzung seiner Geschichte überzeugt.

Michael Meyns

Simon ist ein hübscher Kerl, weist jedoch psychische Besonderheiten auf. Er leidet am Asperger-Syndrom. In seinem Leben muss alles „wissenschaftlich“ sein, mathematisch, kreisrund oder gerade, alles auf die Sekunde genauestens geregelt.

Simons Eltern kommen damit schwer zurecht, sein Bruder Sam schon eher. Deshalb zieht Simon zu Sam. Ohnehin hat er schon ein seelisches Ventil gefunden: Simon sagt, im Weltraum gebe es weder Probleme noch Chaos. Deshalb versteht er sich als Außerirdischer. Die Art und Weise, wie dies bei ihm zum Ausdruck kommt, ist für sein Umfeld jedoch nicht gerade einfach.

Frida ist Sams Freundin. Sie tut sich mit Simon schwer, wird von ihm oft, zu oft, herausgefordert. Sie verlässt deshalb Sam, der seinen Bruder liebt und ihm die Treue hält.

Simons Welt gerät durch Fridas Weggang aus den Fugen. So sehr, dass er nun auf „wissenschaftliche“ Weise versucht, Sam eine neue Freundin zu verschaffen.

Gottlob gibt es da Jennifer. Ob sie letzten Endes für Sam oder gar für Simon bestimmt ist, bleibt sehr die Frage.

Es ging Regisseur Andreas Öhman wohl darum, die Balance zu halten einerseits zwischen der Schilderung der nicht gerade harmlosen Krankheit und andererseits einer gewissen vor allem jungen Menschen zugänglichen Leichtigkeit im Umgang damit.

Also ein ernsthafter und zugleich lustig-witziger Film war das Ziel. Das ist einigermaßen gelungen. Es gibt dramatische, rührende, traurige, kuriose und liebevolle Momente, alles in einem ziemlich bunten, lauten und wie gesagt eher für Jugendliche geeigneten Stil – Zielpublikum nennt man das heute.

Nette Ideen sind eingeflochten, etwa die Sache mit den 13 Erkenntnis- und Bewährungsfragen, anhand derer Simon die Zukünftige für Sam herauskristallisieren will.

Übrigens macht der noch sehr junge Bill Skarsgaard, der den Simon spielt, seine Sache ausgezeichnet. Gut auch Martin Wallström als Sam sowie die Darstellerinnen der Jennifer und der Frida.

Thomas Engel