Imagine

Ein Film über Blindheit und die Kraft der Imagination, das ist „Imagine“ der neue Film des polnischen Regisseurs Andrzej Jakimowski („Kleine Tricks“). Angesiedelt in einer Blindenschule erzählt Jakimowski von einem blinden Lehrer, der in seiner Blindheit kein Hindernis sieht, ein so normales Leben wie möglich zu leben. Eine Haltung, die ihm immer wieder Probleme einbringt.
Ausgezeichnet auf dem Filmfestival Warschau 2012 für die Beste Regie und mit dem Publikumspreis!

Webseite: www.neuevisionen.de

Portugal/Großbritannien/Polen/Frankreich 2012
Regie, Buch: Andrzej Jakimowski
Darsteller: Edward Hogg, Alexandra Maria Lara, Melchior Derouet, Francis Frappat
Länge: 105 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 9. Januar 2014

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Als durch und durch visuelles Medium ist die Darstellung von Blindheit nicht unbedingt eine Stärke des Kinos. Denn wie kann man mit visuellen Mitteln die Dunkelheit darstellen, in der Blinde leben, wie ihre Wahrnehmung der Welt andeuten, in der andere Sinne als das Sehen im Vordergrund stehen. In seiner Romanverfilmung „Die Stadt der Blinden“ griff Fernando Meirelles vor ein paar Jahren auf Unschärfen und verwaschene Bilder zurück, eine eher unbefriedigende Lösung. Andrzej Jakimowski dagegen verzichtet auf visueller Ebene vollständig auf einen Versuch, die Wahrnehmung eines Blinden darzustellen. Geht man ohne Vorwissen in seinen Film, dann braucht man sogar eine ganze Weile um zu realisieren, dass seine Hauptfigur blind ist.

Denn dieser Ian (Edward Hogg), der zu Beginn in eine Klosterschule irgendwo im südlichen Europa kommt (gedreht wurde unverkennbar in Lissabon, doch der Schauplatz spielt keine Rolle), bewegt sich wie auf Schienen durch die Welt. Ein Pflaster auf der Stirn verrät zwar, dass seine Fähigkeiten sich mittels Schall zu orientieren nicht unbegrenzt ist. Doch in seinem Versuch, sich ohne Hilfsmittel, ohne Stock oder Blindenhund in der Welt der Sehenden zurechtzufinden, sind weit gediehen.

In der Schule soll er einer Gruppe von blinden Kindern und Jugendlichen Techniken beibringen, sich selbstbewusster zu verhalten. Doch Ian geht in seinem Unterricht viel weiter, als der Leiter der Klinik geplant hat: Nicht nur das Einschenken von Flüssigkeiten in Gläser steht auf dem Programm, auch das Wahrnehmen von Räumen, von der Welt im Allgemeinen unterrichtet Ian.

Was nicht zuletzt die melancholische Eva (Alexandra Maria Lara) fasziniert, die ebenfalls in der Klinik lebt. Wenn Ian von der Welt berichtet, beschreibt, was er „sehen“ kann, was er allein mit seiner Wahrnehmung erahnt, vermeint auch sie für Momente wieder sehen zu können. Und auch als Zuschauer ist man in diesen Momenten versucht, die Augen zu schließen und nicht mehr zu sehen, sondern nur noch zu hören.

Zusammen unternehmen Ian und Eva Ausflüge in die Außenwelt, verlassen die Mauern der Klosterschule, um durch die Straßen zu ziehen, in einem Cafe ein Glas Wein zu trinken, die Schiffe im fernen Hafen zu hören, die salzige Meerluft auf der Haut zu spüren. Doch über allem schwebt die Frage, was von Ians Beschreibungen wirklich wahr ist und was er nur erfindet.

Eine höchst allegorische Geschichte ist es, die Andrzej Jakimowski in seinem Film erzählt, den er seiner Frau Ewa gewidmet hat. Nicht nur dieser Hinweis zeigt an, dass es in „Imagine“ vor allem um die Liebe geht, die immer auch mit Illusionen zu tun hat, die ein Wagnis ist und Vertrauen verlangt. Beim Leiter der Schule stößt Ian mit seinen Methoden bald auf Ungnade und auch etliche seine Schüler zweifeln an seinen Fähigkeiten.
Dass Jakimowski völlig darauf verzichtet, seinen Figuren mehr Substanz zu geben, man nichts über ihre Vergangenheit erfährt, die Ursachen ihrer Blindheit, über das, was ihren Charakter geprägt hat, lässt sie bisweilen schematisch wirken. Sehr lose entwickelt sich die Geschichte, in mal mehr, mal weniger überzeugenden Episoden, die vor allem dann berühren, wenn die Kraft der Illusion beschworen wird.

Michael Meyns