Immer Drama um Tamara

Der deutsche Titel deutet es schon an: Stephen Frears neuer Film ist eine manchmal etwas alberne, aber bisweilen auch sehr bissige Komödie. Schauplatz ist ein sprichwörtliches Kaff, in dem die reizende Tamara Drewe für Aufregung in einem abgeschiedenen Refugium für Schriftsteller sorgt. Ein sehr britischer schwarzhumoriger Film mit exzellenten Darstellern.

Webseite: www.immer-drama-um-tamara.de

OT: Tamara Drewe
England 2010, 111 Minuten
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Moira Buffini
Darsteller: Gemma Arterton, Roger Allam, Bill Camp, Dominic Cooper, Luke Evans, Tamsin Greig, Jessica Barden
Länge: 111 Min.
Verleih: Prokino Filmverleih
Kinostart: 30. Dezember 2010
 

PRESSESTIMMEN:

…liebe- und lustvoll inszeniert. …Tamara hat ihren Charme, und sie entlässt einen mit viel weniger Schmerz und Traurigkeit zurück in die Welt.
Süddeutsche Zeitung

FILMKRITIK:

Ewedown heißt das Nest, in dem sich die Abenteuer dieses Films abspielen. Hier wurde Tamara Drewe (Ex-Bond-Girl Gemma Arterton) geboren, hierhin kehrt sie nach Jahren zurück. Zahlreiche Handlungsstränge mit ebenso zahlreichem Figurenpersonal werden recht geschickt verwoben, doch nach 110 kurzweiligen Minuten fragt man sich dann doch, was das gerade Gesehene eigentlich sollte. Eine romantische Komödie ist es nicht, auch wenn sich am Ende diverse Paare in den Armen liegen. Eine bissige Satire über die Schrullen von Landbewohnern und Intellektuellen ist es allerdings auch nur in Ansätzen.

Aber wie dem auch sei: langweilig wird es hier in keinem Moment, dafür fahren Stephen Frears und seine Drehbuchautorin Moira Buffini ein zu interessantes Ensemble merkwürdiger Gestalten auf. Neben Tamara ist das der fesche Gärtner Andy, mit dem Tamara einst ein kurzes Techtelmechtel hatte. Andy arbeitet für das Ehepaar Nicholas und Beth, er ein erfolgreicher Autor von banalen Krimis und notorischer Fremdgeher, sie umsorgt ihren Mann und hält das Schriftsteller-Refugium am Laufen. Dort ist auch der amerikanische Wissenschaftler Glen zu Gast, der seit Jahren an einer Studie über den englischen Schriftsteller Thomas Hardy arbeitet. Dessen Werk und Leben, das immer wieder um Affären, meist zwischen älteren Männern und jüngeren Frauen kreist, ist eine Art Blaupause für den Film.

So entwickelt sich im Lauf der Zeit ein munterer Reigen, den Tamara mit einer überstürzten Affäre mit dem Rock-Musiker Ben eröffnet. Der wiederum hat in Ewedon zwei große Fans: Die halbwüchsigen Mädchen Jody und Zoe, die sich den lieben langen Tag langweilen und ihre Zeit mit dem Studieren von Klatschmagazinen verbringen. Das ausgerechnet diese beiden Mädchen die größten Schnodderschnauzen des Dorfes besitzen, ist einer der schönsten Aspekte des Films. Bisweilen wirkt das Duo fast wie ein griechischer Chor, der das oft zügellose Treiben der Erwachsenen mit bissigen Kommentaren versieht.

Mag sein, dass die Graphic Novel, die zunächst als kurzer Strip in der Tageszeitung The Guardien erschien, das typisch britische Landleben etwas prägnanter auf die Schippe nahm, als es diese Verfilmung tut. Stephen Frears Film schwankt bisweilen zwischen einer ironischen Satire und einer ernst gemeinten romantischen Komödie. Sich für das eine oder andere zu entscheiden hätte dem Film fraglos mehr Fokus verliehen. Doch auch so ist „Immer Drama um Tamara“ ein unterhaltsamer Film mit pointierten Dialogen und – je nach Geschmack – einigen schön bissigen bzw. unverfroren romantischen Momenten.

Michael Meyns

Als Schülerin war Tamara nicht besonders hübsch, aber jetzt, um einiges älter, hat sie eine sexy Model-Figur, vom schönen Gesicht einmal ganz abgesehen. Sie kehrt nach Jahren in ihr Dorf zurück, um eine Erbschaftsangelegenheit zu regeln.

Englisches Landleben. Die Gegend ist schön, die Leute scheinen friedlich. Alles geht seinen alltäglichen Gang; vielleicht ein wenig langweilig.

Tamara kommt an. Will sie nur ihre Geschäfte erledigen oder gar ein wenig Rache nehmen wegen früher, weil sie damals anscheinend oft gehänselt wurde?

Beth und ihr Mann, der erfolgreiche Krimiautor Nicholas, führen eine kleine Pension für Literaten, die bei ihnen schreiben, nachdenken, Stoffe suchen und sich ausruhen können.

Tamara bringt nun, abwechselnd und im Geheimen, die friedliche Dorfwelt sexuell gehörig durcheinander: Ihr früherer Freund Andy, der Rocksstar Ben, der schon etwas ältere Nicholas – alle kommen an die Reihe. Einzig der Literaturwissenschaftler Glen bleibt ungeschoren.

Die Teenager Jody und Casey begleiten was da vor sich geht mit Vergnügen, treiben selbst Schabernack damit.

Am Schluss allerdings sind die bukolischen Stimmungen und sexuellen Gelüste dahin, denn es gibt einen unglücklichen, wenn auch nicht gänzlich unverdienten Todesfall.

Zugrunde liegen ein Comic und ein sich offenbar darauf beziehender Roman. Stephen Frears nahm beides als Basismaterial – er schreibt erklärtermaßen die Drehbücher für seine Filme nie selbst – und zog alle Register. Liebesabenteuer, Schilderung des englischen Landlebens, Verweise auf die Comic- und Romanautoren, Geheimnistuerei,
witzige, teils gescheite Dialoge, Sex, natürlich typisch britischer Humor – alles ist da, und alles ist auf geschickte Weise miteinander verwoben. Stephen Frears beweist wie immer dramaturgische Routine und intelligente Meisterschaft. (Eigentlich unverständlich, dass dieser Film nach der Vorführung außer Konkurrenz in Cannes zum Teil auch abfällige Kritiken erhielt.)

Klar, dass der Regisseur für sein Werk beste Darsteller auswählte. Sie spielen denn auch mit Verve und gut drauf los – und zwar alle. Ein Vergnügen.

Thomas Engel