In Darkness

Was bewegt eine renommierte Regisseurin wie Agnieszka Holland, einen Film über den Holocaust zu drehen, über den doch alles gesagt zu sein scheint? Holland nimmt eine sehr eigene Perspektive ein. Sie stellt moralische Fragen in den Vordergrund und bricht das Täter-Opfer-Schema auf. Das ergibt ein etwas anderes, aber nicht erträglicheres Bild des Holocaust. „In Darkness“ ist ein bedrückendes Epos, das dem Zuschauer einiges abverlangt.

Webseite: www.indarkness-derfilm.de

Polen Deutschland 2011
Regie: Agnieszka Holland
Buch: David F. Shamoon
Darsteller: Robert Wieckiwicz, Benno Fürmann, Agnieszka Grochowska, Maria Schrader, Herbert Knaup
Filmlänge: 144 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 9. Februar 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wäre der Heiland 1943 in der Kanalisation der damals polnischen Stadt Lvov geboren worden, hätte er die Welt schon bald wieder verlassen, seine Botschaft wäre nie vernommen worden. So muss man wohl den Kindsmord in „In Darkness“ verstehen. Eine polnische Jüdin bekommt in dem unterirdischen Versteck, in dem sie mit einigen Leidensgenossen haust, einen Sohn und tötet ihn kurze Zeit später. Er hätte, da ist sie sich sicher, keine Chance gehabt zu überleben. Agnieszka Holland, Tochter eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter, inszeniert nicht nur diese Episode – mit dem expliziten Hinweis, dass Jesus Jude war -, entlang der christlichen Überlieferung. Die Flüchtlinge, die vor den Nazi-Häschern in die Kanalisation fliehen, sind gewissermaßen Auserwählte. Wie die Apostel, heißt es im Film, stapfen sie durch die Kloake. In ihrer Not halten sie sich auch am Glauben fest. Doch nicht nur die Kindstötung legt Beunruhigendes nahe: Von Gott ist in der dunkelsten Stunde des jüdischen Volkes nichts zu sehen.

Die Geschichte vom Überlebenskampf in der Kanalisation orientiert sich an tatsächlichen Ereignissen. Darin spielt der Arbeiter und Gelegenheitsdieb Leopold Socha eine zentrale Rolle. Ohne ihn hätten die Juden im Untergrund nicht monatelang überlebt, er war ihr Retter. Natürlich kommt einem da Oskar Schindler in den Sinn, dem Steven Spielberg in „Schindlers Liste“ ein Denkmal setzte. Während Spielberg Täter und Opfer, gut und böse klar trennt, lässt Holland diese Grenze verschwimmen. Sie liefert einen Gegenentwurf zu Spielbergs einfachem Bild. Schuld und Niedertracht sind für sie auf beiden Seiten zu finden. So ist Leopold Socha nicht der gute Mensch von Lvov. Er wittert ein Geschäft, als er die Juden im Kanal entdeckt, lässt sich seine Dienste teuer bezahlen und ist immer wieder in Versuchung, die Gejagten zu verraten oder einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Auch von den Opfern gibt es nicht nur Gutes zu berichten. Socha will nur zehn Menschen verstecken. Die Gruppe ist aber viel größer. Also trifft der Anführer, der als einziger Geld besitzt, eine Auswahl. Die Übriggebliebenen sehen dem sicheren Tod entgegen. Auch unter den Auserwählten herrscht keine Solidarität. Drei Männer stehlen die Geldreserven und setzen sich heimlich ab. Da schimmert der Verrat des Judas durch.

Die Einbettung der Ereignisse in die Passion Christi hängt mit den moralischen Fragen zusammen, die Holland stellt. Das Christentum macht wie jede Religion klare Vorgaben zum richtigen Handeln. Moralische Prizipien, das zeigt Holland in vielen ernüchternden Episoden, greifen aber nicht unter den Bedingungen des Terrors. Da will jeder nur überleben, egal wie. Und selbst derjenige, der Gutes will, auch das zeigt „In Darkness“ schmerzhaft, beschwört mitunter eine Katastrophe herauf. Wer jemanden rettet, darf nicht vergessen, dass dafür andere sterben.

Der Film macht es einem nicht einfach, weil er keine Einzelschicksale verfolgt. Im Gewimmel der Figuren bekommen nur Socha und Mundek Margulies, sein misstrauischer Verbündeter auf Seiten der Juden, individuelle Konturen. Einen unerbittlichen Sog entwickelt „In Darkness“ aber dadurch, dass er die Zuschauer im Laufe von zweieinhalb Stunden buchstäblich immer weiter in die Tiefe zieht. Das Geschehen verlagert sich mehr und mehr in die dunklen Schächte und Kammern. Der Zuschauer rutscht mit hinunter – und leidet mit. Oben feiern die braven Christenmenschen in der Kirche Weihnachten, ein paar Meter tiefer bibbern die Gejagten im Dreck. Wo würde man lieber sein, und was würde man dafür tun? Das ist die Frage, die sich hier stellt. Die scheinbar ewige Nacht geht abrupt zu Ende, als die russischen Truppen die Stadt einnehmen. Holland isnzeniert die Befreiung in aller Kürze, fast so, als sei sie nebensächlich. Die Juden haben ihre Haut gerettet, erlöst sind sie nicht.

Volker Mazassek

1943 in Lvov (Lemberg), Polen. Die jüdische Bevölkerung ist im Ghetto zusammengepfercht. Jetzt soll das Ghetto geräumt werden. Die Räumung geschieht mit brutalster Gewalt, viele werden ermordet.

Leopold Socha ist Kanalarbeiter. Er kenne das Gebiet unter der Stadt besser als seine Frau, sagt er. Er versteckt dort auch sein Diebesgut, denn ganz sauber ist Socha keineswegs. Jetzt bei der Schließung des Ghettos könnte man doch Kohle machen, indem man Juden versteckt – gegen Geld oder Schmuck natürlich. Riskant allerdings ist es schon. Man könnte hingerichtet werden – und schließlich hat man ja Frau und Kind.

Socha versteckt Juden – lange nur des Geldes wegen. Er versorgt sie leidlich mit Lebensmitteln. Besonders tragisch, dass er nur zehn Personen gefahrlos unterbringen kann. Die anderen sind von vornherein zum Sterben verurteilt.

Vierzehn Monate leben die Familie Chiger, Mundek Margulies, Klara Keller und die anderen unter der Erde in Nässe, Dreck, Gestank, Hunger, Ratten, Leichen. Die körperliche und seelische Erschöpfung ist total. Es gibt Eifersucht, Neid und Streit, aber es werden auch jüdische Feste „gefeiert“, sogar ein Kind wird geboren.

Mehrmals muss der unterirdische Platz gewechselt werden, denn Socha hat einen ukrainischen Freund, den nazistischen Offizier Bortnik, der ihm gegenüber Verdacht zu schöpfen beginnt. Gottlob kann er in die Irre geführt werden. Doch auch Sochas Frau Wanda hält zunächst vom lebensgefährlichen Tun ihres Mannes nicht allzu viel.

Als die kleine Socha-Tochter gerade Erstkommunion feiert, geht ein Platzregen nieder, der alles überschwemmt. Für die Versteckten eine weitere Gefahr. Jetzt gilt nur noch das pure Überleben.

Dann endlich ist es soweit. Die russischen Soldaten sind da. Die, die noch am Leben sind, sind frei. Und Socha? Er ist schließlich über sich hinausgewachsen und hat sich vom kleinen Gauner zum Menschen gewandelt.

All das ist keine erfundene Geschichte, sondern eine, die tatsächlich so passiert ist.

Es ist nach wie vor wichtig, dass solche Filme gedreht werden. Die Verbrechen der Nazis waren zu schrecklich. Und Agnieszka Holland ist eine Regisseurin, die neben dem richtigen Geist auch handwerklich Gutes liefert. Die Dunkelheit dominiert und dominiert in dem endlosen Kanalsystem (und dem Zweieinhalb-Stunden-Film); ein wenig mehr Licht hätte man sich schon gewünscht. Aber wie gesagt, wichtiger ist hier anderes.

Von deutscher Seite spielen Maria Schrader, Herbert Knaup und Benno Fürmann – gut wie immer. Die eigentliche darstellerische Leistung aber kommt von Robert Wieckiewicz, der den Leopold Socha spielt. Er verdient besondere Aufmerksamkeit.

Thomas Engel