In den Gängen

Ein Kaurismäki mit Joaquin Phoenix und Cate Blanchett? Nein, ein Stuber mit Franz Rogowski und Sandra Hüller! Die minimalistische, zugleich märchenhafte Lovestory handelt von einem schüchternen Staplerfahrer im Großmarkt, der seine Kollegin von der Süßwaren-Abteilung anhimmelt. Eine aussichtslose Sache, bis der wortkarge Chef der Getränkeabteilung mit dezentem Rat weiterhilft. Bald fiebert der ganze Großmarkt bei dieser Liebesgeschichte mit – und mit der Belegschaft auch das Kinopublikum. „IdG“ avancierte zum einsamen, dafür umso strahlenderen Leuchtturm der diesjährigen Berlinale. Liebeswerte Figuren. Großartige Darsteller. Einfallsreiche Regie. Umwerfende Dialoge. Poetische Momente. So entsteht im Mikrokosmos Großmarkt einer der bewegendsten deutschen Filme der letzten Jahre.

Webseite: www.zorrofilm.de

D 2017
Regie: Thomas Stuber
Darsteller: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth
Filmlänge: 120 Minuten
Verleih: Zorro Film
Kinostart: 26. April 2018

FILMKRITIK:

Mit Walzerklängen eröffnet diese Lovestory im Supermarkt. Zur „Schönen Blauen Donau“ flitzen die Gabelstapler durch die Regale des Großmarkts. Für Christian (Franz Rogowski) beginnt der erste Arbeitstag. „Wir duzen uns hier alle!“ sagt sein Chef und steckt ihm vier Kugelschreiber in Brusttasche des blauen Arbeitskittels: Erstausstattung. Angelernt wird der Neue von Bruno (Peter Kurth), dem wortkargen Leiter der Getränkeabteilung. Bruno macht gerne „15“, raucht heimlich auf der Toilette oder spielt Schach mit einem Kollegen. Für den gleichfalls wenig redseligen Christian avanciert er bald zum väterlichen Freund. Andere Kollegen reagieren frostiger: „Meine Ameise ist tabu für dich, Neuer!“, wird gemeckert, als Christian den Hubstapler ausprobiert. „Staplerkonflikte“, kommentiert der erfahrene Bruno die Hierarchien im Großmarkt.
 
Ganz andere Konflikte erwachsen, als Christian durch das Regal hindurch auf der anderen Seite in der Süßwarenabteilung Marion (Sandra Hüller) erblickt. Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick, doch Marion lässt ihn zappeln. „Frischling“ spottet sie. Fortan ist die ganze Lebenserfahrung von Bruno in Liebesangelegenheiten gefragt. Auch beim Stapler-Fahren hilft er geduldig. „Je länger du brauchst, desto mehr Freizeit für mich.“
 
Irgendwann gelingt schließlich das erste Flirtgespräch am Kaffeeautomaten vor der großen Sonnen-Tapete. „Was würdest du dir wünschen, nur so?! – „Alles!“ geht es gleich ans Eingemachte. Am Morgen danach reagiert die Angebetete jedoch abweisend. Verheiratet soll Marion sein, aber nicht sehr glücklich, raunen die Kollegen. Christian fasst sich ein Herz, wagt ungewöhnliche Wege. Bald fiebert der ganze Großmarkt bei dieser Geschichte vom Suchen und Finden der Liebe mit – und mit der Belegschaft auch das Kinopublikum.
 
„IdG“, wie die Lovestory mit Kürzel genannt wird, geriet zum strahlenden Leuchtturm der diesjährigen Berlinale. Die elementarste Drehbuch-Regel, vielfach ignoriert, wird hier vollendet umgesetzt: Empathie mit den Figuren – bis zur kleinsten Nebenrolle. Rogowski avancierte zum Festival-Liebling und ganz großen Favoriten für den Bären. Auch Hollywood rückt näher, fand „IdG“ rasant schnell einen Verleih in den USA. Das Etikett „German Joaquin Phoenix“ klebt seit Berlin mehr denn je an dem 32-Jährigen Darsteller. Die Hüller und der Kurth? Beide spielen wie immer in der charismatischen Champions League, mehr Verletzlichkeit und zugleich Würde lässt sich kaum schaffen.
 
Dieses warmherzige Märchen umarmt sein Publikum. Und lässt es nicht mehr los. Bis zu jenem zauberhaften Ende, an dem ein alter Stapler-Trick von Bruno zur Geltung kommt.
 
Kaurismäki. Phoenix und Blanchett dürften neidisch sein.
 
Dieter Oßwald