In ihren Augen

Aus Argentinien stammt der diesjährige Preisträger des „Auslands-Oscar“. Das vielschichtige Kriminaldrama „In Ihren Augen“ setzte sich dabei gegen so prominente Beiträge wie „Das weiße Band“ durch. Formal weniger streng aber nicht minder fesselnd und eindringlich erzählt Regisseur Juan José Campanella von einem düsteren Verbrechen in politisch unruhigen Zeiten und einem mit dessen Aufklärung betrauten Kommissar, den seine Erinnerungen an den Fall auch nach einem Vierteljahrhundert nicht loslassen.

Webseite: www.inihrenaugen-film.de

OT: El secreto de sus ojos
ARG/ESP 2009
Regie: Juan José Campanella
Drehbuch: Juan José Campanella, Eduardo Sacheri
Darsteller: Ricardo Darin, Soledad Villamil, Guillermo Francella, Javier Godino, Pablo Rago
Länge: 129 Minuten
Kinostart: 28.10.2010
Verleih: Camino (Vertrieb: TCFox)

 

PRESSESTIMMEN:

Der Film luchste Hanekes "Das weiße Band" den Auslands-Oscar ab, und das nicht unbedingt zu Unrecht: Die argentinische Mischung aus Thriller und Love-Story um einen vergessenen Mordfall ist emotionales Mitreißkino, dem man sich nur schwer entziehen kann.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Benjamin Esposito (Ricardo Darin) hat in seiner langen Laufbahn als Kriminalbeamter viele schreckliche Dinge gesehen. Doch ein besonders grausamer Vorfall verfolgt ihn bis heute. Die brutale Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Frau, die inzwischen ein Vierteljahrhundert zurückliegt, lässt den erfahrenen Ermittler auch einfach nicht los. Er beschließt, einen Roman zu schreiben und die Ereignisse von damals aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Dabei begegnet er auch Irene (Soledad Villamil) wieder, der Liebe seines Lebens. Als seine Vorgesetzte hat sie ihn damals bei seinen Recherchen immer unterstützt. Heute ist sie Richterin und ziemlich überrascht, als ihr alter Weggefährte sie besucht.

„In ihren Augen“ unternimmt ausgehend vom Jahr 2000 eine Reise zurück in eine dunkle, für Argentinien bis heute schmerzhafte Vergangenheit. Mitte der siebziger Jahre befand sich das Land im Umbruch. Wirtschaftliche wie politische Unruhen sorgten hierbei für ein Klima der Angst und des Misstrauens, das von paramilitärische Gruppen und kriminellen Banden noch geschürt wurde. In diese Zeit fällt der Mordfall, der Espositos Leben und das seines damaligen Kollegen Sandoval (Guillermo Francella) grundlegend verändern wird. Es sind schwierige Ermittlungen, vor allem weil die Beamten immer wieder das Gefühl haben, dass nicht alle an der Wahrheit und einer Aufklärung des Falls interessiert sind. Schließlich versuchen Espositos Kollegen, das Verbrechen zwei Bauarbeitern anzulasten, die unter Druck den Mord gestehen.

Das in diesem Jahr mit dem Oscar für den „Besten fremdsprachigen Film“ ausgezeichnete Kriminaldrama changiert mit einer außergewöhnlichen Leichtigkeit und Eleganz zwischen Genres, Stimmungen und Erzählebenen. Regisseur Juan José Campanella, der in den USA bereits solch erfolgreiche TV-Serien wie „Dr. House“ und „30 Rock“ inszenierte, versteht es, den Zuschauer von Beginn an für das, was er erzählen möchte, zu interessieren und ihn dabei über seine vielschichtigen Figuren in eine zunehmend komplexe Geschichte zu entführen. So berührt der Fall nicht nur Esposito ganz persönlich, aus ihm und seinem Verlauf ergeben sich zugleich Fragen die damalige argentinische Gesellschaft betreffend. Das sicherlich nicht ganz unerwartete Ende beschreibt in seiner durchaus bitteren Konsequenz menschliche Traumata, deren Mechanismen sich nur schwerlich in Kategorien von Recht und Gerechtigkeit einordnen lassen.

Je länger man über „In ihren Augen“ nachdenkt, desto stärker treten wieder einzelne Momente und Szenen aus der eigenen Erinnerung hervor. Dabei ist die mit viel trockenem Humor angereicherte Kriminalgeschichte auch handwerklich gängigen TV-Formaten oder der Kinoadaption von Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie weit überlegen. Zu den Höhepunkten zählt eine ungemein dynamische, ohne erkennbaren Schnitt gefilmte Verfolgungsjagd in den Katakomben eines Fußballstadions. Die Intensität dieser Sequenz reißt jede Distanz ein. Plötzlich wird aus der Anspannung der Ermittler eine miterlebte Erfahrung, bei der man beinahe vergisst, dass man eigentlich nur ein passiver Beobachter ist. Immer wieder fordert uns Campanella auf diesem Wege heraus. Er will, dass wir mit seinem Helden fühlen, leiden, uns freuen und lieben. Dessen viel zu großes Herz verleiht der Geschichte erst ihre traurige Seele. Es ist ein Herz, das mit jedem Schlag sich allein der Wahrheit verpflichtet fühlt und das „In Ihren Augen“ zweifelsfrei zu einer Perle des südamerikanischen Kinos macht.

Marcus Wessel

Ein in Argentinien um die 70er Jahre und um 2000 spielender Film, der zweimal Wege zeigt, die die Liebe gehen kann. Dabei ist nicht nur Glück im Spiel, sondern auch Verlust, Verzicht, Gefahr.

70er Jahre. Benjamin Esposito ist Angestellter bei Gericht. Als neue Vorgesetzte kommt Irene Menendez Hastings ins Amt, eine schöne Frau, in die er sich sofort verliebt – doch Irene ist verlobt. Sein treuester Freund und Saufkumpan ist der Alkoholiker Sandoval.

Esposito wird zu einem Verbrechen gerufen. Die hübsche Frau von Ricardo Morales wurde vergewaltigt und brutal ermordet. Morales, der seine Ehefrau über alles liebte, bricht zusammen. Sein einziges verbleibendes Lebensziel: den Mörder zu finden und zu richten.

Lange Recherchen und Fotos bringen Esposito auf die richtige Spur. Isidoro Gomez ist der Täter. Der kann zunächst fliehen, wird aber dann verhaftet.

Zuvor waren durch einen korrupten Richter zwei Bauarbeiter festgenommen worden, die unter Druck die Vergewaltigung und den Mord gestanden. Auch Irene Hastings war von der Richtigkeit dieser Sachlage ausgegangen. Die Bauarbeiter müssen freigelassen werden.

Gomez ist verurteilt. Nach relativ kurzer Zeit wird er aber in einer Fernsehsendung entdeckt. Er wurde entlassen, weil er als Spitzel für das Regime arbeitete. Es ist die Zeit der Militärjunta.

2000. Ein Vierteljahrhundert ist vergangen. Esposito liebt Irene immer noch – und ihr geht es genauso. Endlich werden sie zusammen sein.

Esposito ist jetzt im Ruhestand. Er will einen Roman schreiben. Thema: der Fall Morales. Der hat ihn nie losgelassen. Er will vor allem Ricardo Morales finden. Das gelingt schließlich in der hintersten Provinz. Eine erschreckende Entdeckung folgt. Ricardo Morales hat sein Vorhaben in die Tat umgesetzt.

Die eher melancholische Liebesgeschichte von Benjamin Esposito und Irene Hastings sowie die tragische von Ricardo Morales und auch die kriminalistische um Isidoro Gomez sind geschickt miteinander verwoben. Daraus entstand ein handfestes Drama, das nicht nur gut geschrieben und inszeniert ist, sondern auch gefühlvoll berührt. Nicht zu Unrecht erhielt „In ihren Augen“ 2010 den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film.

Die Geschichte lässt einen während der gesamten Filmlänge nicht mehr los – nicht zuletzt, weil sie auch so hervorragend gespielt wurde – von Ricard Darin als zu Liebesverzicht verurteilter aber zur Mordaufklärung fest entschlossener Benjamin Esposito, von Soledad Villamil als aparte, im Geheimen Esposito zugetane Irene, von Guillermo Francella als Sandoval, der an Espositos Stelle getötet wird, von Pablo Rago als Rache nehmender Ricardo Morales, von Javier Godino als vergewaltigender und mordender Isidoro Gomez.

Thomas Engel