In Sarmatien

Einmal mehr begibt sich Volker Koepp auch in seinem jüngsten Film „In Sarmatien“ auf Spurensuche ins östliche Europa. Schon bei den Römern findet sich die Bezeichnung Sarmatien, deren Grenzen nicht genau definiert sieht, in denen Koepp heute junge Ukrainer oder Moldawier findet, die über Fragen sinnieren, die ganz Europa beschäftigen: Heimat, Grenzen, die Zukunft. Ein ruhiges, meditatives, subtiles Porträt einer Region und ihrer Menschen.

Webseite: www.salzgeber.de

Deutschland 2013 – Dokumentation
Regie: Volker Koepp
Länge: 122 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 20. März 2014

FILMKRITIK:

Einer der ersten kurzen Dokumentarfilme, die Volker Koepp 1973 realisierte hieß „Grüße aus Sarmatien für den Dichter Johannes Bobrowski.“ Jener Bobrowski, 1917 in Tilsit geboren, damals zu Ostpreußen gehörend, inzwischen Teil der russischen Enklave Kaliningrad, hatte Lange Jahre am Projekt eines Samaritischen Divans gearbeitet, in dem er Gedichte und Texte über eine Region zusammenfassen wollte, die sich im weitesten Sinne zwischen dem östlichen Gebieten der Ostsee und dem Schwarzen Meer befindet.
Schon Römer und Griechen hatten zwar die Bezeichnung Sarmatien verwendet, doch umfasste er für sie nur Teile Osteuropas. Doch Koepp geht es auch nicht um genaue geographische Begrenzungen zumal diese gerade in dieser Region Europas im Laufe der Geschichte immer wieder verschoben wurden. Nehmen wir nur Czernowitz, eine Stadt, in die es Koepp immer wieder gezogen hat: Einstmals Teil Östereich-Ungarns, dann zu Rumänien gehörend, während des Zweiten Weltkriegs von den Deutschen besetzt, anschließend sowjetisch, nun ukrainisch. Angesichts solch wechselnder Machtverhältnisse eine eigene Identität zu entwickeln fällt schwer, die Frage der Heimatverbundenheit lässt sich hier kaum beantworten.

Und so ziehen dann auch zahlreiche junge Menschen in den Westen, versuchen in Spanien, Italien, Deutschland oder anderswo ihr Glück zu finden, schicken zwar Geld zurück nach Hause, sorgen jedoch für zerstörte Familienstrukturen.

In Moldawien etwa trifft Koepp die junge Filmemacherin Ana, die in einem Dorf unweit der Hauptstadt Chisinau gefilmt hat, wo fast nur noch alte und junge Menschen wohnen. Die mittlere Generation hat das Dorf dagegen fast vollständig verlassen. Ähnliches erzählt die Ukrainerin Tanja, auch sie eine alte Bekannte aus Koepps Film „Dieses Jahr in
Czernowitz.“ Damals hatte sie noch davon gesprochen, in ihrer Heimat zu bleiben, doch inzwischen lebt sie wie so viele aus ihrer Generation im Ausland und besucht nur noch selten ihre Heimat. Sehr zum bedauern ihrer Cousine, die davon träumt das alle Verwandten einmal wieder zusammen auf dem Hof leben, den die Familie seit Generation betreibt.

Ein elegischer Ton durchzieht „In Sarmatien“, ein Gefühl von Verlust und Verfall, von alten Traditionen, die den Entwicklungen der Moderne, aber auch den scheinbaren Notwendigkeiten des vereinten Europas und seines kapitalistischen Markts zum Opfer fallen. Ganz subtil erzählt Koepp damit vom Versuch Europas zusammenzuwachsen, ein Prozess, der gerade Länder und Regionen, die noch auf der Suche nach eigener Identität sind besonders schwer fällt.

Gerade in der Ukraine, immerhin die geographische Mitte Europas, ist dies besonders stark zu spüren: Die östliche, mehr an Russland Orientierte Region steht dabei der westlichen, in jeder Hinsicht mehr von Zentraleuropa geprägten Gegend gegenüber: Die Kiever und die Galizische Rus, die das Land im Inneren teilt, wie die aktuelle politische Entwicklung einmal mehr deutlich macht. Wie schwer es ist in solch einer Situation ein Gefühl für Heimat zu entwickeln deutet Koepp immer wieder an. Doch am Ende eines überaus reichen, vielschichtigen Films über Europa und seine Menschen bleibt trotz aller Melancholie der Glaube an eine viel versprechende Zukunft: In Kaliningrad fasst es die in Sibirien geborene an der Memel aufgewachsene Elena zusammen: Wenn die aktuellen Versuche, das Regime zu ändern scheitern, dann wird man wieder aufstehen und es erneut versuchen, so lange, bis man Erfolg hat.

Michael Meyns